merken
PLUS Görlitz

Gebremste Lust aufs Reisen

Experten sind sich uneins darüber, wie das Reisejahr 2021 wird. Auch in Görlitz und Niesky zögern viele noch mit einer Buchung.

Wann Reisen in die Karibik ohne Einschränkungen wieder möglich sind, ist ungewiss. Die Reiselust ist groß, aber kaum jemand bucht derzeit Urlaub dorthin.
Wann Reisen in die Karibik ohne Einschränkungen wieder möglich sind, ist ungewiss. Die Reiselust ist groß, aber kaum jemand bucht derzeit Urlaub dorthin. © dpa-tmn

Normalerweise würden sich jetzt künftige Urlauber in den Reisebüros die Klinke in die Hand geben. Aber derzeit ist wegen der Corona-Pandemie nichts normal. Und so bleiben die Türen der Reiseanbieter zu, bei manchen sogar für immer.

Patrick Schultze dagegen schloss eine neue Tür auf. Gezwungenermaßen. Der Inhaber von Schwarz-Reisen hat sein Reisebüro jetzt am Betriebssitz in Hähnichen. Seit 1. Januar dieses Jahres ist das Reisebüro des Unternehmens auf der Ödernitzer Straße in Niesky geschlossen. Aus Kostengründen.

Arbeit und Bildung
Alles zum Berufsstart
Alles zum Berufsstart

Deine Ausbildung finden, die Lehre finanzieren, den Beruf fortführen - Hier bekommst Du Stellenangebote und Tipps in der Themenwelt Arbeit und Bildung.

Patrick Schultze ist Inhaber und Geschäftsführer von Schwarz-Reisen. Hier in einem seiner Busse, die derzeit stillgelegt sind.
Patrick Schultze ist Inhaber und Geschäftsführer von Schwarz-Reisen. Hier in einem seiner Busse, die derzeit stillgelegt sind. © André Schulze

Massiver Umsatzrückgang

Der Busunternehmer hat es derzeit besonders schwer, denn Reisen sind zwar möglich, aber wer aus einem Risikogebiet kommt, muss anschließend in Quarantäne. Das wolle sich kaum jemand antun, weiß Patrick Schultze. Und mit dem Bus in den Urlaub fahren will derzeit kein Mensch. Deswegen legte Schultze seine drei Reisebusse vorübergehend still, um Kosten zu sparen. Denn Einnahmen hat er derzeit keine.

Patrick Schultze ist mit seinem Reisunternehmen Schwarz-Reisen ein Abbild, wie es derzeit um die gesamte Reisebranche steht. Geschlossene Reisebüros, Kurzarbeit, Gutschein-Lösungen für stornierte Pauschalreisen und einen massiven Absturz des Reiseumsatzes muss die Branche verkraften. Um etwa 67 Prozent sank der Umsatz für Pauschalreisen zwischen November 2019 und Oktober 2020, ermittelte das Marktforschungsunternehmen Travel Data + Analytics. Gar 81 Prozent Rückgang waren es in den Sommermonaten 2020, also in der Zeit, in der die Deutschen am liebsten verreisen.

Trendwende erst für den Sommer

Obwohl mittlerweile weltweit die Impfungen gegen das Coronavirus angelaufen sind, sieht die Reisebranche jetzt in der Wintersaison noch keine Trendwende. Der Deutsche Reiseverband (DRV) beklagt bis April 2021 einen Rückgang der Buchungen um etwa 70 Prozent. Grund dafür ist, dass es weltweit wenige Reiseziele ohne Einreisebeschränkungen gibt.

Doch ein leichter Silberstreif zeichnet sich am Horizont für den Sommerurlaub ab. „Nach der jüngsten Verfügbarkeit eines Impfstoffs steigen die Neubuchungen für die Sommerferien deutlich an“, berichtet DRV-Verbandspräsident Norbert Fiebig. Auch Tui-Chef Fritz Joussen spricht im Handelsblatt von einem hoffnungsvollen Geschäft. Sehen das auch die Reisebüros in Görlitz und Niesky?

Daran werden wir uns wohl gewöhnen müssen: Ein Marinebeamter hält während der Ferienzeit am Strand von Renaca in Chile Wache. Am Strand wurden Bereiche markiert, damit die Besucher einen sicheren Abstand zueinander halten können.
Daran werden wir uns wohl gewöhnen müssen: Ein Marinebeamter hält während der Ferienzeit am Strand von Renaca in Chile Wache. Am Strand wurden Bereiche markiert, damit die Besucher einen sicheren Abstand zueinander halten können. © Agencia Uno

Nachfrage ist noch sehr verhalten

Mario Kosubek, Inhaber des Görlitzer Reisebüros Richter, leitet sein Telefon im Büro auf sein Handy im Homeoffice um. Er muss nicht ständig im Reisebüro sitzen. Nur vereinzelt verkauft er derzeit Urlaubsreisen für den Sommer. Die Nachfrage sei sehr verhalten, sagt er und erinnert daran, dass die Monate Dezember bis Februar in den Reisebüros eigentlich die arbeitsintensivsten seien.

Zwar sei es nicht so, dass die Menschen keine Lust zum Reisen hätten. Viele würden am liebsten so schnell wie möglich einen Urlaub in fernen Ländern antreten. Aber die Verunsicherung ist groß, obwohl es kein generelles Reiseverbot gibt. Aber Einreisebestimmungen ändern sich ständig, die meisten Urlaubsziele sind zum Corona-Risikogebiet erklärt worden. Eine Reise dorthin verpflichtet bei der Rückkehr zur Quarantäne und zu einem Corona-Test.

Bei Katrin Hille in der Reiseagentur Niesky buchen die Nieskyer ebenfalls sehr verhalten ihren Urlaub. Auf höchstens 20 Prozent schätzt Frau Hille die Zahl der Buchungen gegenüber sonst. Aber auch ganz mutige Urlauber seien unter den Wenigen, die schon für 2022 eine Kreuzfahrt buchten.

Für den Görlitzer Reiseunternehmer Ralf Schmidt macht die Arbeit derzeit keinen Spaß. Die Urlauber halten sich zurück mit Urlaubsbuchungen. Für 2020 stornierte Reisen werden mitunter bis ins Jahr 2022 geschoben. Zwar sei das Buchungssystem aufgelegt, aber ein ungutes Gefühl beschleicht den Reiseunternehmer dennoch: Wird das Hotel, für das gebucht wird, zum Urlaubszeitpunkt überhaupt noch da sein?

Sorgen um die Existenz

Obwohl die derzeitige Situation in der Branche auch die vier hier befragten Reiseunternehmer vor große Sorgen auch um die eigene Existenz stellt, bleiben sie optimistisch. "Was anderes geht gar nicht, ich muss durchhalten", sagt Patrick Schultze mit einem kleinen Seufzer. Der Busunternehmer weiß, dass er nach Aufhebung des Lockdowns nicht sofort wieder starten kann, wie es zum Beispiel in einer Gaststätte möglich ist. Er muss erst einmal die Reisen verkaufen, bevor der Bus losfährt, also Vorarbeit leisten.

Auch Katrin Hille ist nicht untätig, kann sie gar nicht, denn Nachfragen nach Urlaubsreisen gibt es. Dafür schickt sie digitale Angebote an die Kunden oder steckt auch mal einen Urlaubskatalog wie gewünscht bei Kunden in den Briefkasten. Zwar sind schon viele Reisekataloge da, aber etliche Anbieter geben sie erst im Februar oder März heraus, berichtet Frau Hille.

Der Harz mit dem Brocken als markantestem Gipfel dieses Mittelgebirges wird auch 2021 begehrtes Urlaubsziel für Deutsche sein.
Der Harz mit dem Brocken als markantestem Gipfel dieses Mittelgebirges wird auch 2021 begehrtes Urlaubsziel für Deutsche sein. © dpa-Zentralbild

Viele setzen auf den Inlandstourismus

Wie im Vorjahr hoffen Reiseunternehmen für dieses Jahr verstärkt auf den Inlandstourismus. Patrick Schultze veränderte sein Reiseangebot dahingehend, dass Busse in diesem Jahr zumeist Urlaubsziele in ganz Deutschland ansteuern, er aber auch Fahrten ins Baltikum und nach Polen, darunter die Masuren, anbietet.

Mario Kosubek setzt neben gesteigertem Inlandstourismus im Sommer und Herbst auch auf Reisen in Urlaubsgebiete wie Griechenland. Urlauber, die 2020 dort waren, berichteten von stabiler Lage und dass alles gut funktioniert habe, sagt er. "Und an einen Urlaub mit Maske und Abstand werden wir uns wohl gewöhnen müssen", gibt Mario Kosubek zu bedenken.

Eine Sache ist allen vier Reiseunternehmern wichtig: Sie hoffen darauf, dass ihre Reisebüros von den Kunden weiterhin gut angenommen und Reisen vor Ort und nicht ausschließlich über das Internet gebucht werden. "Das sichert nicht nur unsere eigenen Arbeitsplätze, sondern auch die unserer Mitarbeiter", betont Katrin Hille stellvertretend und bleibt optimistisch. Was bleibt ihr sonst übrig?

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Görlitz