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Görlitzer Apotheken bangen um ihr Geld

Die Insolvenz des Rezeptabrechners AvP bedroht die Existenz von Apotheken. Ob sie ihr Geld bekommen, ist ungewiss. Kredite müssen Finanzlücken überbrücken.

Apotheker Thomas Neumann (links) berät mit Linda Werschin (Mitte) eine Kundin in seiner Bären-Apotheke in Görlitz.
Apotheker Thomas Neumann (links) berät mit Linda Werschin (Mitte) eine Kundin in seiner Bären-Apotheke in Görlitz. © André Schulze

Thomas Neumann ist heilfroh, dass er nicht mit dem Rezeptabrechner AvP zusammenarbeitete. Er würde sonst um die Begleichung der August-Rechnungen bangen.

Apotheker Neumann, der in diesen Tagen sein 40-jähriges Dienstjubiläum feierte, ist der Inhaber der Bären- und der Engel-Apotheke in Görlitz. Seit etwa 25 Jahren nutzt er die Dienstleistungen eines Unternehmens in München. Das rechnet für ihn jeden Monat zwischen 2.000 und 3.000 Rezepte gegenüber den Krankenkassen ab. "Bislang hat das tadellos funktioniert", sagt Neumann und lobt die sehr gute Zusammenarbeit.

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AvP ist insolvent, nicht die Apotheke

Zwei Apotheken in Görlitz und Umgebung hingegen sind von der Pleite betroffen. Für sie kam es ganz überraschend. Bislang habe es nie Probleme bei der Abrechnung mit ihrem Rezeptabrechner gegeben, sagt eine Apothekerin aus Görlitz. Ihren Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen. "Denn sonst glauben unsere Kunden, wir wären auch insolvent", erklärt sie und betont, dass das nicht der Fall ist. Trotzdem ist die Lage schlimm. Denn der Apotheke fehlt die gesamte Abrechnung für den Monat August. Das Geld fehlt schmerzlich, denn der Großhandel,  Lieferanten, Gehälter der Mitarbeiter, Mieten, Strom und vieles mehr sind weiter zu bezahlen.

Durch die Pleite von AvP floss das der Apotheke zustehende Geld in die Insolvenzmasse. Auch wenn die geprellten Apotheken - im Freistaat Sachsen sind es um die 100 und deutschlandweit etwa 3.500 -  ihre Ansprüche beim Insolvenzverwalter anmelden, heißt das nicht, sie bekommen tatsächlich Geld. Und wenn, werden sie wohl angesichts der großen Gläubigerzahl nicht jeden ihnen zustehenden Euro erhalten.  Thomas Dittrich, Vorsitzender des Sächsischen Apothekerverbandes, geht davon aus, dass die Prüfung der Ansprüche "mehrere Monate, wenn nicht gar Jahre, dauern kann".

Um die Apotheke am Laufen zu halten, muss die betroffene Apothekerin einen Kredit bei der Bank aufnehmen. Viel Zeit verbringt sie derzeit mit Rechtsanwälten, Steuerberatern und dem Finanzamt. "Gerade jetzt, in der Corona- und Erkältungszeit, wo wir so viel zu tun haben, ist das eine zusätzliche Belastung", erklärt die Apothekerin. Den Vertrag mit AvP kündigte sie sofort und suchte sich schon für die September-Abrechnung einen neuen Dienstleister. 

Klare gesetzliche Regelung für Umgang mit Patientendaten

Eine andere Apotheken-Inhaberin, die ebenfalls mit AvP zusammengearbeitet hatte, will eigentlich gar nichts sagen. "Wir haben schon genug Stress, zum Beispiel, weil bestimmte Medikamente nicht lieferbar sind und wir den Patienten erklären müssen, dass sie diesmal eine Arznei von einem anderen Hersteller, aber mit dem gleichen Wirkstoff, nehmen müssen", erläutert sie. Das führe oft zu Diskussionen.  

An eine üble Diskussion mit einem Patienten denkt sie sehr ungern zurück. Der Mann wollte wissen, was mit den Patientendaten passiert, die bei AvP vorliegen. Denn auf den Rezepten stehen schließlich Name und Anschrift des Patienten sowie die verordnete Arznei, die Rückschlüsse auf die Erkrankung zulassen kann. Die Apothekerin verwies ihn darauf, dass es dafür klare gesetzliche Regelungen gibt. Sie selbst hat aber keinen Einfluss darauf.

Keine Apotheke kann allein Rezepte abrechnen

Anne-Kathrin Rausch ist die Inhaberin der Görlitzer Paracelsus-Apotheke. Auch sie nutzt einen Dienstleister - nicht AvP -, der für sie die Rezepte mit den Krankenkassen abrechnet. "Allein könnten die Apotheken das gar nicht mehr bewältigen", sagt sie und glaubt nicht, dass es zwischen Görlitz und Niesky überhaupt eine Apotheke gibt, die ohne Rezeptabrechner arbeitet. "Bei dem Volumen an Rezepten geht es ohne fachmännische Unterstützung nicht", betont Apothekerin Rausch. 

Apotheker Neumann erklärt, dass die Rezepte bei den Dienstleistern mittels Hochleistungsscannern und spezieller Software bearbeitet werden. "Das geht schnell und ist effizient", sagt Neumann. Anfangs zahlte er 0,25 Prozent der Abrechnungssumme als Gebühr für die Dienstleistung, "aber jetzt ist das etwas mehr", sagt er. 

Anne-Kathrin Rausch erklärt, die Rezeptabrechnung sei eine normale Dienstleistung und ein eigentlich sicheres System. Mit ihrem Anbieter gab es noch nie Probleme, immer komme das Geld pünktlich. "Das funktioniert vom ersten Tage an", sagt sie.  

Die AvP-Pleite vergleicht Frau Rausch mit Wirecard, wo ebenfalls Gelder verschwunden waren.  Bei AvP kam es zu Turbulenzen, in deren Folge die Finanzaufsicht Bafin Insolvenzantrag stellte. Mittlerweile ermittelt die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft gegen zwei Beschuldigte von AvP wegen Bankrotts und geht davon aus, dass es sich hierbei um eine betrügerische Insolvenz handelt, vor der Vermögenswerte beiseite geschafft wurden.

Auch die Politik steht in der Verantwortung

Ob die AvP-Pleite mehr Apotheken in Görlitz und Umland betrifft als die zwei, die sich gegenüber der SZ und sächsische.de dazu bekannten, ist offen. Doch wichtig: Auch diese beiden sind nicht selbst von Insolvenz betroffen. Apothekerkammern und  Krankenkassen versuchen zu helfen. Auch die Politik sehen Apothekerkammern - nicht nur die sächsische - in der Verantwortung.

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