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Görlitzer Bäckermeister Raschke bäckt nicht mehr

47 Jahre stand Eckehard Raschke in seiner Bäckerei, trotz Mehlstauballergie. Jetzt geht er in den Ruhestand. Seine Kunden erhalten trotzdem weiter frische Brötchen.

Der Görlitzer Bäckermeister Eckehard Raschke geht in den Ruhestand. Nun räumt er die Backstube aus, ein paar Brotformen sind noch da.
Der Görlitzer Bäckermeister Eckehard Raschke geht in den Ruhestand. Nun räumt er die Backstube aus, ein paar Brotformen sind noch da. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Die Görlitzer Facebook-Gemeinde ist sich einig: Die besten Pfannkuchen der Stadt gibt's beim Bäcker Raschke im Stadtteil Biesnitz. Nun müssen sich die Freunde dieser Pfannkuchen einen neuen Bäcker suchen: Bäckermeister Eckehard Raschke geht in den Ruhestand. Nach 47 Arbeitsjahren schloss der 64-jährige gebürtige Görlitzer seine Bäckerei auf der Grundstraße. Damit endet eine Familientradition.

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Interesse für Motoren, dann doch Bäcker geworden

Eckehard Raschke war Bäcker mit Leib und Seele, obwohl er sich als Jugendlicher viel mehr zu Traktoren und Motorrädern hingezogen fühlte. Dann wurde er doch Bäcker wie sein Vater, sein Großvater und der Urgroßvater. Später erwarb er den Meisterbrief. "Die Arbeit hat mir immer sehr viel Freude bereitet", sagt er. Allerdings war sein Arbeitsleben auch geprägt von gesundheitlichen Einschränkungen.

Eckehard Raschke litt jahrzehntelang unter einer Mehlstauballergie. Die Form dieser Allergie erlaubte es ihm aber, seinen Beruf weiter auszuüben. Er arbeitete mit Einschränkungen. Vor allem die Begleitung durch den medizinischen Dienst seiner Berufsgenossenschaft hebt der Bäckermeister hervor. "Hier habe ich immer viel Unterstützung erfahren, ebenso wertvolle Ratschläge", sagt er. Besonders Arbeiten mit viel Mehlstaub übernahmen fortan seine Mitarbeiter.

Backtechnik, die begeistert

Vor allem neue Technik machte nicht nur dem Bäckermeister selbst das Arbeiten leichter. Wovon er vor der Wende nur träumen konnte, wurde danach Wirklichkeit. Bevor Eckehard Raschke mit seiner Ehefrau Rita die Bäckerei am 1. Oktober 1989 von seinem Vater Alfred Raschke übernahm, begleitete er seine Eltern bei einem Westbesuch. "Dort sah ich mich auch bei Bäckern in der Backstube um", erinnert er sich. "Da leuchteten meine Augen." Dass er sobald selbst diese Technik anschaffen kann, ahnte er damals nicht.

Nach der Wende zog in die Backstube auf der Grundstraße Technik ein, darunter Knetmaschinen und Backöfen. Einer war dringend nötig, denn Eckehard Raschke war sehr unzufrieden mit seinem alten Backofen. "Er buk das Brot nicht so, wie ich es wollte", erinnert er sich. Einer der neuen Öfen gelangte nur über Umwege in die Raschke-Backstube: Der Lieferant verwechselte die Adressen, sodass Raschkes Backofen plötzlich im Erzgebirge stand und er den falschen vor der Türe stehen hatte. Mit Hilfe einer Firma in Kunnerwitz wurde dieses wie auch andere Probleme gelöst.

Überhaupt setzte der Bäckermeister viel auf die Zusammenarbeit mit regionalen Unternehmen. Sowohl was die Zutaten für die Bäckerei - vor der Wende lieferten auch Bauern aus der Region zum Beispiel Obst und Eier - als auch was die Belieferung mit Backwaren betraf. Zahlreiche Firmen bezogen Brot und Semmeln von Raschke, nach der Wende wurden zum Beispiel Altenheime beliefert.

Später schaffte sich Raschke ein Fahrzeug an und belieferte die Menschen auf den Dörfern. Mitte der 1990er Jahre schloss Raschke den mittlerweile einmal umgebauten Laden in der Grundstraße und zog in den Viktoriagarten auf der Promenadenstraße: "Es war eine gute Entscheidung, fortan meine Produkte dort zu verkaufen", sagt Raschke. "Der Standort ist zentral gelegen und die Kunden können bequem mit dem Auto heranfahren."

Rita Raschke verkauft jetzt im Laden im Viktoriagarten Backwaren der Ostritzer Bäckerei Geißler.
Rita Raschke verkauft jetzt im Laden im Viktoriagarten Backwaren der Ostritzer Bäckerei Geißler. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Der Glaube gibt ihm sehr viel Kraft

Eckehard Raschke ist den Görlitzern als sehr hilfsbereiter Mann bekannt. Oft spendierte er Backwaren, unterstützte Kitas, Heime, die Bahnhofsmission und Vereine. Diese Zusammenarbeit ist dem gläubigen Christen schon immer sehr wichtig. Nächstenliebe ist für ihn kein bloßes Wort. Er lebt sie. Vor allem in seiner evangelischen Kirchgemeinde. Dort war er aktiv in der Jungschar-Arbeit, wo er versuchte, Kindern christliche Werte beizubringen.

Der Glaube spielt im Leben des Vaters von zwei erwachsenen Kindern eine große Rolle. "Daraus ziehe ich viel Kraft ", sagt er. Denn es gab auch schwierige Zeiten, in denen Eckehard Raschke manche schlaflose Nacht hatte, und nicht wusste, wie es weitergehen soll. Die Zeit unmittelbar nach der Wende war für ihn und seine Frau eine schlimme Zeit. Denn plötzlich waren die Kunden weg.

Fast von einem Tag auf den anderen blieben Brot, Brötchen und Kuchen in den Regalen der Bäckerei liegen. Damals konnte sich Raschke das kaum erklären, suchte den Grund in seinen Backwaren. Doch diese waren nicht schuld. Die Qualität der Ware blieb hoch.

Raschke und sein Team stellten fest, dass die Kunden mit der neuen Freiheit die Back-Produkte probierten, die es nun in Einkaufsmärkten wie Konsum und HO gab. Kunden wurden ihren Bäckern untreu.

Eine Filiale geschlossen, eine offen, Landtour geht weiter

Doch die neuen Angebote konnten oft nicht mithalten mit Raschkes Backwaren. Das merkten die Kunden bald. Sie kamen wieder und freuten sich über altbewährte und neue Produkte. Eines vergaß der Bäckermeister dabei nie: Den Geschmack der Backware bestimmen nicht nur die Zutaten, sondern häufig auch die Zubereitung. "Der Kunde schmeckt es, wenn ein Mohnzopf zum Beispiel erst ganz besonders gedreht und danach erst geflochten wird", erklärt er. Dieses Wissen und die Grundlagen gab der Bäckermeister als Lehrlingswart mehreren Generationen an Bäckerlehrlingen weiter.

Obwohl Raschkes Filiale in Gersdorf nun geschlossen wurde, werden die Menschen in dieser Region weiter mit Backwaren versorgt. Die Raschke-Tour mit dem Verkaufswagen übernahm die Königshainer Bäckerei Melzer. Im Viktoriagarten gibt es jetzt Backwaren der Ostritzer Bäckerei Geißler. Rita Raschke, die knapp 60-jährige Konditormeisterin, blieb als Verkäuferin. Andere Mitarbeiter wechselten zu anderen Bäckereien.

Eckehard Raschke kauft nun Brot und Semmeln bei der Bäckerei Geißler. Kuchen wird er künftig noch selbst backen, für die Familie und vielleicht auch zu speziellen Anlässen. Denn seine Hilfsbereitschaft geht nicht in den Ruhestand. Ob er dann hin und wieder die leckersten Pfannkuchen der Stadt spendiert, das lässt er offen.

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