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Wie Görliwood einen Juden überraschte

Der Musiker Alex Jacobowitz aus New York ist Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Görlitz. In seinem SZ-Gastbeitrag schildert er eine ungewöhnliche Begegnung.

Alex Jacobowitz (links) zusammen mit Statisten, die im Film „Torstraße 1“ jüdische Berliner spielen, an der Ecke Konsul-/Emmerichstraße.
Alex Jacobowitz (links) zusammen mit Statisten, die im Film „Torstraße 1“ jüdische Berliner spielen, an der Ecke Konsul-/Emmerichstraße. © Alex Jacobowitz

Von Alex Jacobowitz

Sonntagmorgen, sieben Uhr. Nach einem fantastischen Wochenende, an dem die Görlitzer Synagoge erstmals seit 1940 wieder für den jüdischen Gottesdienst geöffnet wurde, fahre ich gemütlich durch die Altstadt. Plötzlich trete ich erschrocken auf die Bremse.

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Ich starre durch das Fenster und glaube meinen Augen kaum zu trauen: Eine Schaufensterauslage mit jiddischer Werbung für Goldmanns Eisenwaren im Fenster eines ältlich anmutenden Ladens. Und das in Görlitz, einer Stadt, die ihre jüdischen Einwohner während der Zeit des Nationalsozialismus vertrieben hatte.

Darauf bin ich innerlich nicht vorbereitet, an der Ecke Konsul-/Emmerichstraße Jiddisch zu sehen. Vorsichtig aus dem Auto aussteigend, nähere ich mich dem Laden. Immer noch unsicher, wo ich bin, fange ich gerade an, Fotos dieses unerwarteten Anachronismus zu machen. Da öffnet sich die Tür einen Spalt weit. Nochmaliger Reality Check: Am Sonntag sind deutsche Geschäfte doch geschlossen. Ich schlucke. Aus dem Dunkel tritt langsam der Geist der Vergangenheit hervor. Ganz in Schwarz gekleidet und er trägt ein weißes Schild auf der Brust: Sicherheit.

„Was ist hier los?“ Meine leise Chuzpa-Frage erscheint mir fast vorlaut „Sicherheitsnachtdienst“, sagt er in entspanntem Tonfall. „Wir drehen hier morgen einen Film – der Laden wurde dafür nach einem historischen Vorbild von 1926 gestaltet.“ „Wissen Sie wie der Film heißen soll?“, frage ich ihn. „Torstraße 1“, antwortet er. Mir war, als hätte er „Torastraße 1“ gesagt. „Nein, Torstraße.“ Ich nicke. Ich kenne die Straße gut. Sie gehört zum Berliner Scheunenviertel, in den 20er und 30er Jahren ein jüdisches Viertel. Hier lebten sogenannte Ostjuden, oft ohne Papiere. Mein eigener Urgroßvater Elec hat hier wohl auch kurz verweilt, als er 1907 aus der Armee des russischen Zaren weggelaufen war, um ein Schiff von Hamburg nach New York zu nehmen.

Der Movieset „Berlin“ kommt mir vor wie ein Traum. Doch die uns umgebenden stillen Geister sind die Statisten. Sie stehen herum, lachen, reißen Witze auf Jiddisch. Wie es mal war. Endlich wieder. Erleichtert steige ich in mein Auto und kehre zehn Minuten später zurück – mit einem Bagel und Lachs für den Mann in Schwarz.

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