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Bahn lenkt ein: Bahnhof Görlitz erhält Aufzug bis 2027

Die Deutsche Bahn saniert die Bahnsteighalle. Für einen barrierefreien Ausgang zur Südstadt fehlte bislang das Geld. Jetzt gibt es ein Umdenken.

Ein Rollstuhlfahrer hat hier am Südausgang des Görlitzer Bahnhofs keine Chance, ohne Hilfe nach draußen zu gelangen. Das soll sich ändern.
Ein Rollstuhlfahrer hat hier am Südausgang des Görlitzer Bahnhofs keine Chance, ohne Hilfe nach draußen zu gelangen. Das soll sich ändern. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Der Görlitzer Friedrich Rothe empfindet die barrierefreie Anbindung des Görlitzer Hauptbahnhofes eigentlich als recht gut. Denn zum Bahnsteig gibt es einen Aufzug, auf dem Bahnsteig eine Hebevorrichtung für Rollstühle, um in den Zug zu gelangen. Eigentlich - denn eine entscheidende Sache stört nicht nur ihn: Der Ausgang vom Bahnhof in die Südstadt von Görlitz ist nur mobilen Menschen auf direktem Wege möglich.

Zwei große Treppen führen am Südausgang von der Unterführung der Gleise hinaus ins Freie. Haltestellen von Bus und Straßenbahn sind dort zu finden. Für Menschen mit Rollstuhl, für Mitbürger, die schlecht zu Fuß sind, und für Familien mit Kinderwagen bleibt aber nur ein langer Umweg, wenn sie in die Südstadt wollen.

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Blick in den Durchgang Richtung Südausgang im Bahnhof Görlitz.
Blick in den Durchgang Richtung Südausgang im Bahnhof Görlitz. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Umweg über den Jakobstunnel

Wer im Rollstuhl sitzt wie Friedrich Rothe, muss den Umweg über den Hauptausgang des Bahnhofes nehmen und durch den Jakobstunnel in die Südstadt gelangen. Wer ohnehin Schwierigkeiten mit der Fortbewegung hat, für den sei der Weg doppelt schwer zu bewältigen, meint Rothe. In den Abendstunden macht der Umweg durch den Jakobstunnel vor allem Frauen, die allein unterwegs sind, ein mulmiges Gefühl. Das habe Rothe von Bekannten gehört, sagt er.

Von behindertenfreundlichem Aus- und Zugang am Südausgang des Bahnhofes könne keine Rede sein, der jetzige Zustand sei eine Katastrophe, wie er sagt.

Rollstuhlfahrer Friedrich Rothe war lange Mitglied der Görlitzer Arbeitsgruppe Barrierefreiheit. Er weiß, dass es Rollstuhlfahrer schwer haben, in der Stadt durch das Meer aus Stufen, Schwellen und Kanten zu manövrieren.
Rollstuhlfahrer Friedrich Rothe war lange Mitglied der Görlitzer Arbeitsgruppe Barrierefreiheit. Er weiß, dass es Rollstuhlfahrer schwer haben, in der Stadt durch das Meer aus Stufen, Schwellen und Kanten zu manövrieren. © SZ-Archiv

Bahn saniert, den Südausgang aber erst später

Die Deutsche Bahn (DB) plant umfangreiche Bauarbeiten auf dem Görlitzer Hauptbahnhof. Die eigentliche Sanierung der Bahnsteighalle beginnt im Januar 2022. Im Frühling 2023 soll alles fertig sein. Die Bahn will einen zweistelligen Millionenbetrag in die Sanierung der Bahnsteighalle investieren. Hallendach, Glasfensterflächen und Beleuchtung sollen richtig schick werden. Außerdem erhalten die Bahnsteige 9/10 erstmals einen Aufzug. Gleise und Bahnsteige bleiben aber, wie sie sind. Nicht geplant sind ein behindertengerechter Umbau des Südausganges und die Sanierung der großen Empfangshalle. Für all das reicht das Geld nicht aus.

Doch nun lenkt die Bahn ein. Wie sächsische.de und Sächsische Zeitung auf Nachfrage erfuhren, ist die behindertenfreundliche Umgestaltung des Südausganges nun doch geplant, wenn auch nicht sofort mit den jetzt anstehenden Baumaßnahmen.

Direkt am Südausgang des Görlitzer Bahnhofes hält die Straßenbahn der Linie 2. Die Haltestelle für die Linie 1 ist nicht weit, auch Stadtbusse halten dort.
Direkt am Südausgang des Görlitzer Bahnhofes hält die Straßenbahn der Linie 2. Die Haltestelle für die Linie 1 ist nicht weit, auch Stadtbusse halten dort. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

...wenn der Denkmalschutz mitspielt

"Die Deutsche Bahn plant die Änderung der bestehenden Zugangsanlage zur Görlitzer Südstadt in einem separaten Vorhaben", wie DB-Sprecher Jörg Bönisch informiert. Die Planungen für dieses Vorhaben sollen 2022 starten. "Ziel ist die Schaffung einer weiteren Zugangsmöglichkeit für Reisende mit eingeschränkter Mobilität über den Südzugang des Bahnhofes", erklärt der Sprecher.

Was genau gemacht wird, steht noch nicht fest. Möglich ist, den Südausgang neu anzubinden und dafür einen Aufzug oder eine Rampe anzulegen. Das wird jedoch zur erheblichen Änderung und Umgestaltung des bestehenden Treppenhauses führen. "In der Planung und später auch in der Umsetzung ist die Mitwirkung und Mitbestimmung der Görlitzer Denkmalschutzbehörde erforderlich", betont Bönisch. Könne die Planung zeitgerecht abgeschlossen werden und liegen alle erforderlichen Genehmigungen und Zustimmungen vor, soll die Umgestaltung bis 2027 abgeschlossen sein. Dann wäre der Südaus- und -eingang am Görlitzer Bahnhof auch ohne Stufen möglich. Wann genau gebaut werden soll und was das kosten wird, darüber macht der Sprecher derzeit keine Angaben.

Umbau dürfte für DB eigentlich kein Problem sein

Joachim Schulze, für Bündnis 90 /Die Grünen im Görlitzer Stadtrat aktiv, arbeitet auch im Seniorenbeirat der Stadt mit. In diesem Gremium habe man sich in der letzten Zeit keine Gedanken gemacht, dass die DB den Südausgang in der Sanierung ausspart und keine behindertenfreundliche Lösung anstrebt. Wegen der Corona-Pandemie und einiger Veränderungen in der Zusammensetzung des Beirates sei die Arbeit in den letzten Monaten etwas "eingeschlafen", wie er sagt.

Die Information, dass der Ausgang nun doch umgestaltet werden soll, nimmt Schulze persönlich sehr positiv auf. "Es ist erfreulich, dass die Bahn hier einlenkt", sagt er, schließlich sei die Bahn als Eigentümerin des Gebäudes in der Pflicht, behindertenfreundliche Lösungen zu schaffen.

Warum das alles erst im Jahr 2027 fertig werden soll, erschließt sich Schulze aber nicht. "Die Bahn ist ein Großunternehmen, das dieses eher nicht so große Bauvorhaben gut stemmen können müsste", sagt er, "zumal der Einbau eines Aufzuges und die Umgestaltung dort baulich sicher unkompliziert sind." Der Zustand, dass Menschen mit Rollstuhl oder Kinderwagen sowie Gehbehinderte noch sechs Jahre den Umweg über den Hauptausgang und den Tunnel nehmen müssen, empfindet Schulze als zu lang.

Das sieht auch Friedrich Rothe so. Er arbeitete viele Jahre in Görlitz in der Arbeitsgruppe Barrierefreiheit mit und weiß aus eigenem Erleben, wie viele Barrieren es für Menschen mit eingeschränkter Mobilität noch gibt. "Schade, dass jetzt kein Geld dafür da ist", bedauert der Mann. Er hofft darauf, dass es in der Planung für die behindertenfreundliche Umgestaltung des Südausganges konstruktive Zusammenarbeit zwischen den Planern der DB und der Görlitzer Denkmalschutzbehörde geben wird, denn "ohne Kompromisse wird es wohl wie so oft auch hier nicht gehen", vermutet Friedrich Rothe.

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