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Görlitzer Bibliothek entdeckt 500 Jahre altes Buch

Ein Zeugnis des frühen Buchdrucks wurde jetzt gefunden. Nach einer deutschlandweit einzigartigen Bibel und Pergamenten aus dem 10. Jahrhundert.

Diese Inkunabel aus dem Jahr 1500 wurde jüngst in der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften entdeckt.
Diese Inkunabel aus dem Jahr 1500 wurde jüngst in der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften entdeckt. © Paul Glaser

Gestochen scharf sind die Buchstaben zu lesen, und das, obwohl die Seiten vor mehr als 500 Jahren bedruckt wurden. "Das ist für uns immer wieder erstaunlich", sagt Karin Stichel, wissenschaftliche Bibliothekarin in der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften im Handwerk 2. "Solche alten Schriften sind oftmals wesentlich besser erhalten als die aus späterer Zeit, als man Bücher und Zeitungen in Massen druckte und Papier schlechterer Qualität verwendete."

Dieses Buch, das so alt ist wie das Heilige Grab in Görlitz und in dem Karin Stichel heute mit weißen Handschuhen blättert, enthält einen kirchengeschichtlichen lateinischen Text des französischen Theologen Petrus Comestor, der im 12. Jahrhundert lebte. Es erinnert im Erscheinungsbild und mit den großen, farbig ausgeschmückten Initialen und Verzierungen aus Blattgold noch an mittelalterliche Handschriften, ist aber schon ein Zeugnis der Buchdruckkunst.

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Goldverzierte Majuskeln in der Inkunabel aus dem Jahr 1500. Das Schriftbild erinnert noch an mittelalterliche Handschriften auf Pergament.
Goldverzierte Majuskeln in der Inkunabel aus dem Jahr 1500. Das Schriftbild erinnert noch an mittelalterliche Handschriften auf Pergament. © Paul Glaser

Es wird als "Inkunabel" bezeichnet - wie alle Drucke, die zwischen Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern im Jahr 1454 und dem 31. Dezember 1500 erschienen sind. Die Bezeichnung ist vom lateinischen "Incunabula" abgeleitet, was Windeln oder Wiege bedeutet und in diesem Fall für die frühe Zeit des Buchdrucks steht. Die Oberlausitzische Bibliothek hat heute noch 65 davon, der weitaus größere Teil des ursprünglichen Bestandes, über 350, wurde 1942/43 in die Görlitzer Heide ausgelagert und liegt heute in Breslau.

Immer wieder neue Schätze

In der Oberlausitzischen Bibliothek kommt es immer wieder vor, dass plötzlich jahrhundertealte Bücher, wertvolle Pergamente oder andere Schätze auftauchen, mit denen die Bibliothekare nicht gerechnet haben. So wurde 2005 eine Bibel in kyrillischer Schrift als Übersetzung des Humanisten Francysk Skaryna ins Weißrussische aus den Jahren 1517 bis 1519 identifiziert. Vorher hatte man das Buch nicht zuordnen können, doch mit einem Mal war klar, dass die Oberlausitzische Bibliothek das deutschlandweit einzige Exemplar des ältesten Buches in slawischer Sprache besitzt.

Die Skaryna-Bibel von 1517/19 ist ein Exemplar des ersten in einer slawischen Sprache gedruckten Buches. Es ist einmalig in Deutschland. Karin Stichel von der Oberlausitzischen Bibliothek zeigt ein Bild des Übersetzers Francysk Skaryna.
Die Skaryna-Bibel von 1517/19 ist ein Exemplar des ersten in einer slawischen Sprache gedruckten Buches. Es ist einmalig in Deutschland. Karin Stichel von der Oberlausitzischen Bibliothek zeigt ein Bild des Übersetzers Francysk Skaryna. © Nikolai Schmidt/Archiv

Manchmal tauchen Bücher wieder auf, die als verschollen galten. "Ein Buch in einer Bibliothek kann unauffindbar sein, wenn es von seinem Platz entfernt und verstellt wurde", sagt Karin Stichel. Besonders wenn dies einige Zeit zurückliegt, sei oft nicht mehr nachvollziehbar, ob dieses Buch im Krieg verloren ging, ob es im Ratsarchiv steht, etwa weil Richard Jecht es als Bibliothekar und Archivar dort nutzte, oder ob es einfach nur im Nachbarregal steht.

Einbände bis über 1.000 Jahre alt

Besonders aufschlussreich kann die Erforschung der Einbände historischer Bücher sein. Weil frühe Buchbinder dafür manchmal wesentliche ältere Pergamente weiterverwendeten, sind die Umschläge häufig wertvoller als gedacht. 2009 wurden in der Oberlausitzischen Bibliothek erstmals historische Bucheinbände untersucht. Dabei wurde ein Text auf Pergament aus dem zehnten Jahrhundert entdeckt, das seitdem als das älteste bekannte Schriftstück der Bibliothek gilt.

Auch die nun entdeckte über 500 Jahre alte Inkunabel konnte im Zusammenhang mit der Erforschung historischer Bucheinbände genauer bestimmt werden. Bisher war sie Teil eines Sammelbandes und ihre Bedeutung unbekannt.

Bei Erschließung für Online-Katalog entdeckt

Für ein aktuelles Forschungsprojekt mit der Universität Leipzig, das Bibliotheksleiter Steffen Menzel plant, werden gerade alle 400 Bücher der Bibliothek, die in historische Pergamente eingeschlagen sind, für den Online-Katalog genau beschrieben und erfasst. Dabei entdeckte eine Bibliotheksmitarbeiterin, um was für ein wertvolles Buch es sich handelt.

Ein Vermerk am Ende des Textes datiert den Druck auf den 15. Juli 1500. Die Inkunabel ist also noch einmal 17 Jahre älter als die Skaryna-Bibel, stammt aus Luthers Lebzeiten und gilt - wie alle Inkunabeln - als wertvolles Zeugnis vom Beginn des Buchdrucks.

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