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Görlitz

Bischofsbesuch zu Pfingsten

Christian Stäblein kommt am Sonntag nach Görlitz. Schon davor hat er beschrieben, in welcher Rolle er seine Evangelische Kirche sieht.

So voll wird die Peterskirche coronabedingt nicht bei der Predigt von Bischof Stäblein am Pfingstsonntag sein. Das Bild stammt aus dem Dezember 2018 in der Görlitzer Kreuzkirche.
So voll wird die Peterskirche coronabedingt nicht bei der Predigt von Bischof Stäblein am Pfingstsonntag sein. Das Bild stammt aus dem Dezember 2018 in der Görlitzer Kreuzkirche. © André Schulze

Um Görlitz einen Besuch abzustatten, hat sich der Berliner Bischof Christian Stäblein Pfingsten ausgesucht. Pfingsten das ist der "kleine Riese" unter den vier großen kirchlichen Festen Ostern, Weihnachten, Himmelfahrt und Pfingsten, schrieb an diesem Wochenende der Generalsuperintendent von Potsdam, Kristof Balint, in der Kirchenzeitung. Pfingsten - das ist aber auch "der Geburtstag der Kirche". Die Schlachten sind geschlagen, Tod und Auferstehung theologisch verarbeitet, jetzt kann die gute Botschaft wirken.

Wo war die Kirche in der Corona-Zeit?

An solchen Tagen wird gern über die Rolle der Kirchen gesprochen, in einer Welt, wo Christen nur noch eine Minderheit sind - auch in Görlitz - , die Ansprüche an die Kirche aber immer noch hoch sind. Es ist nicht auszuschließen, dass Stäblein das am Sonntag in seiner Predigt in der Peterskirche auch macht, wo die Evangelische Innenstadtgemeinde ihren ehrenamtlich Tätigen in besonderer Weise danken wird. Doch hat Stäblein vor vier Wochen bereits die Gelegenheit genutzt, um auf der Frühjahrstagung der Landessynode eine Standortbeschreibung seiner Kirche abzugeben.

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Und die war bemerkenswert: in ihrer Klarheit, in ihrem Bewusstsein für Schuld der Kirche, aber auch für die Kraft der Gemeinschaft in schwierigen und guten Zeiten. Von den guten hat Stäblein als Bischof noch nicht so viel erlebt: Vier Monate, nachdem er sein Amt als Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz antrat, trat Corona ins Leben aller.

Drei Wellen und Lockdowns später, ziehen viele bereits Bilanz. Davor hütete sich Stäblein im April und wird es auch jetzt nicht tun. Für viele, denen das Virus liebe Menschen raubte, ist der Schmerz noch zu gegenwärtig. Auch in den Kirchen. Stäblein verlor kurz vor Silvester seine Tante an die Krankheit, der Weißwasseraner Pfarrer Martin Zinkernagel starb 55-jährig nach einer Coronavirus-Infektion in der dritten Welle.

Und nicht wenige fragen seit März vergangenen Jahres: Wo war und ist die Kirche? Neben vielen Hilfsangeboten ist es aber vor allem der Trost des Evangeliums, so Stäblein, den die Kirche beizutragen hat. "Ich möchte mir eine Welt ohne diesen Trost nicht vorstellen müssen - und ohne die, die diesen Trost weitersagen, mal laut, mal leise, mal zitternd, mal vollmundig, immer von Herzen." Auch dafür gab es zahlreiche Beispiele im Görlitzer Kirchenkreis in den vergangenen Monaten, seien es Gottesdienste zum Corona-Gedenken, Posaunenmusik in der Stadt Görlitz oder die Videoangebote beispielsweise zu Weihnachten oder zu Ostern aus dem Heiligen Grab.

Und doch ließ auch Stäblein die Frage zu: "Wo sind wir zu schnell zurückgewichen, wo haben wir Menschen allein gelassen? Und wo waren wir nicht solidarisch mit den vielen anderen in der Gesellschaft - in der Kultur etwa - die das alles ungleich härter trifft?" Stäblein macht es sich also nicht einfach.

Schuld und Kraft der Kirche

Es sind nicht die einzigen Themen, wo auch die Evangelische Kirche nach Stäbleins Überzeugung nicht zuerst an eine Leistungsschau der tollen Erfolge denken sollte, sondern an das Eingeständnis, "wo wir gefehlt haben". Stäblein nennt in seiner Rede Beispiele: die Aufarbeitung antijüdischer Traditionen in der Kirche, das kirchliche Verhalten gegenüber gleichgeschlechtlich Liebenden, die diskriminiert und abgewiesen wurden, oder der sexuelle Missbrauch von Menschen in der Kirche. Bevor überhaupt Vergebung möglich wäre, seien Buße und Umkehr wichtig. Denn sie bildeten das Fundament für einen neuen Aufbruch. Dass der genauso wichtig ist, ist für Stäblein klar.

Ein Aufbruch und eine Erneuerung, die die Kirche immer wieder brauche und mit Mut und Glaubensfreude, mit Wagnis und Freiheit. Eine innere Freiheit, die dem Menschen aus dem Evangelium gegeben sei und die schon Martin Luther zu seiner berühmten Rede vor dem Reichstag in Worms ermutigte. Vor 500 Jahren, als er Papst und Kaiser widerstand und seine Lehre nicht widerrief. Für Stäblein war das die Geburt der evangelischen Bewegung als öffentliche und gesellschaftliche Kraft, die mehr dem Evangelium vertraut als dem Beharren auf Institution und Tradition. Weil deren Mittler nicht wichtiger waren als die Botschaft selbst. "Weil wir um den Trost im Sterben wissen", sagte Stäblein vor den Kirchenparlamentariern, "haben wir Mut zum Leben".

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