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Die Wiederentdeckung der Görlitzer Bismarcksäule

Die AfD will die Säule mehr ins Bewusstsein rücken, Bautzen ein neues Denkmal für Bismarck errichten. Woher rührt die Bismarck-Renaissance?

Von Sebastian Beutler & Gabriela Lachnit
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Die Bismarcksäule auf der Landeskrone in Görlitz.
Die Bismarcksäule auf der Landeskrone in Görlitz. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Sie steht schon 120 Jahre auf der Landeskrone, und die meisten Besucher nehmen sie nur am Rande wahr: die Görlitzer Bismarcksäule, die fast alle Bismarckturm nennen. Andere aber verbinden damit wiederum Träume. Beispielsweise ein Görlitzer Mann, der noch im besten Alter ist, aber wegen seines Berufes nicht mit seinem wirklichen Namen in der Zeitung erscheinen will. Nennen wir ihn also Jens Werschau. Er würde gern einmal die Bismarcksäule auf der Landeskrone bei Görlitz besteigen.

Nicht etwa, weil der Görlitzer dem ersten Kanzler des deutschen Kaiserreiches, Otto von Bismarck, besonders verbunden wäre. Vielmehr verknüpft er mit einer Besteigung des Turms die Vorstellung eines besonders schönen Ausblicks - und eines seltenen Erlebnisses. Anders als die meisten der 146 deutschen Bismarcktürme, wie zum Beispiel in Neugersdorf, ist der Görlitzer eine Säule und nicht öffentlich begehbar. Es ist der Kick des Unerreichbaren, der den Traum von Jens Werschau nährt.

Außerdem, findet der Mann, wäre es an der Zeit, die mittlerweile auf der Säule wachsenden Birken zu entfernen. Wenn die Säule schon mal da ist, dann sollte man sie auch erhalten, sagt er.

AfD will ursprünglichen Zustand, aber moderne Technik

Während Jens Werschau als Privatmensch einen ganz persönlichen Traum verfolgt, gibt es in der Stadt Görlitz auch politisch motivierte Bestrebungen rund um die Bismarck- Säule. Die AfD-Fraktion im Görlitzer Stadtrat stellte während der diesjährigen Debatte um den Haushalt den Antrag auf jeweils 10.500 Euro für 2021 und 2022. Die Mittel sollten dazu dienen, um die Bismarcksäule auf der Landeskrone wieder instandzusetzen. "Sie soll so hergestellt werden, wie sie früher einmal war, aber mit einer modernen Befeuerungsanlage", erklärt AfD-Fraktionschef Lutz Jankus auf SZ-Nachfrage. Zu welchen Anlässen das Feuer dann aber leuchten soll, lässt er offen. Der Stadtrat Görlitz lehnte jedoch in der Juni-Sitzung den AfD-Antrag wie ausnahmslos alle Änderungsversuche der größten Fraktion im Stadtrat in der Haushaltsdebatte ab.

Bismarcktürme und -säulen wurden zwischen etwa 1870 und 1930 überall in Deutschland errichtet, um den Gründer des Deutschen Reiches, Otto von Bismarck, zu ehren. An Gedenktagen sollten Feuer auf dem Turm brennen, um so Bismarcks Verdienste als "Schmied des Deutschen Reiches" im Lande sichtbar zu machen, so damals das Anliegen. Da die Türme und Säulen in recht engem Abstand errichtet wurden, kann man sich das idealerweise so vorstellen wie im Film "Herr der Ringe", um mit Feuern weit entfernte Gegenden zu informieren. Wegen der Brandgefahr wurde die Befeuerung wie in Görlitz bei den meisten Türmen aber bald eingestellt.

Die Türme und Säulen sind sich sehr ähnlich. Sie gehen auf den Architekten Wilhelm Kreis zurück. Er war mit seinem Entwurf "Götterdämmerung" Sieger eines Architektenwettbewerbs der Deutschen Studentenschaft, den sie 1899 veranstaltete. Auch die Görlitzer Bismarcksäule entspricht diesem Entwurf.

Die Säule auf dem Südgipfel der Landeskrone wurde 1901 eingeweiht. Sie war die erste in Schlesien. 1993/94 ist sie grundlegend saniert worden. Öffentlich zugänglich ist sie aber nicht, da im Inneren hinter der Tür nur wenig Platz ist.

Ergebnis von Bürgergesprächen

Die AfD begründet ihren Vorstoß mit Gesprächen mit Görlitzer Bürgern während des Wahlkampfs 2019. Da sei häufig, so erklärt es Jankus, ihnen die Forderung übermittelt worden, die Bismarcksäule auf der Landeskrone mehr ins Bewusstsein der Menschen zu rücken, das Gelände zu ordnen, vom Wildwuchs zu befreien, einen Weg von der Hauptwanderroute zur Säule anzulegen und eine moderne Befeuerungsanlage zu installieren. Andererseits berichtete keine andere Partei oder Wählervereinigung außer der AfD von solchen Strömungen in der Görlitzer Bürgerschaft. Lutz Jankus jedenfalls verteidigt den Antrag seiner Fraktion auch mit zeitlichem Abstand: "Man kann ja zu Bismarck stehen, wie man will, aber er ist eine Person der Zeitgeschichte." Er denkt in erster Linie daran, dass die Sozialversicherung für Bürger auf Bismarck zurückgehe. Und die gebe es heute noch.

Mitglieder der AfD-Fraktion hätten sich nach den Bürgergesprächen das Areal angeschaut und befunden, dass um die Säule herum ein ordentliches Ambiente mit Sitzgelegenheiten geschaffen werden sollte. Der Ausblick von dort zum Berzdorfer See sei sehr schön. Die Säule führe zudem ein stiefmütterliches Dasein, aus dem sie die Fraktion herausholen wolle. Welche Eingriffe aber möglich sind, müsste zunächst mit dem Naturschutz geklärt werden: Bei der Landeskrone handelt es sich um ein Landschaftsschutzgebiet.

Widerstand gegen Bismarck-Denkmal bei den Nachbarn

Bismarck erlebt gegenwärtig zudem in der Oberlausitz eine unverhoffte Renaissance. Im Nachbarkreis beschloss der Stadtrat Bautzen, das 1950 zerstörte Bismarckdenkmal im Stadtwald Bautzen auf dem Czorneboh wieder aufzubauen. Dagegen regt sich nun heftiger Widerstand. Die Fraktion der Grünen im Bautzener Stadtrat möchte den Beschluss aufheben lassen, denn er füge der Stadt Schaden im Ansehen zu, so die Begründung. Die Fraktion würde ein bestehendes Denkmal nicht abreißen lassen, aber ein neues setzen will sie auch nicht.

Die Domowina, der Dachverband sorbischer Vereine und Vereinigungen, spricht sich ebenfalls gegen das Bautzener Denkmal aus. Europa habe sich vom Denken Bismarcks verabschiedet, dass Krieg teil der Politik sei. Bismarck sei ein Feind jener Menschenrechte gewesen, die heute Maßstab der Gesellschaft sind. Dawid Statnik, Vorsitzender der Domowina, hofft, dass die Stadt Bautzen von ihrem Vorhaben ablasse und kein neues Denkmal auf dem Czorneboh errichtet.

Den Betreiber der Bergwirtschaft auf dem Czorneboh hatte offensichtlich niemand gefragt, ob er das Denkmal will. Elmar Ladusch ist der Pächter der gesamten Fläche, einschließlich des noch vorhandenen Denkmalssockels. Er will das Denkmal nicht. "Eine Gaststätte sollte ein neutraler Ort sein, wir wollen hier keine Politik haben", hatte er erklärt.

In Görlitz ist das Thema Bismarcksäule nicht vom Tisch. Die AfD-Fraktion hält daran fest, auch wenn es aus dem städtischen Haushalt keine Geldmittel dafür gibt. Jankus denkt an ein Crowdfunding übers Internet oder Sponsoren, um das Vorhaben zu verwirklichen. "Wir bleiben an der Sache dran", kündigt er an.

Jens Werschau dagegen hofft, doch noch herauszufinden, wer den Schlüssel zu der Bismarcksäule hat, um sie wenigstens einmal zu besteigen. Das will der Mann noch vor seinem 45. Geburtstag schaffen. Und der steht in wenigen Jahren an.