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Braucht der Kreis Görlitz lokale Impfzentren?

Kurzzeitige Impfstellen in den Gemeinden, das ist der Plan. Aber ab April sollen auch Hausärzte impfen können. Derweil wird der Görlitzer Landrat immer saurer.

© Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Angekündigt war es schon von verschiedenen Seiten, am Mittwoch haben sich die Gesundheitsminister der Länder verständigt. Ja, die Hausärzte sollen beim Impfen gegen Corona einbezogen werden - ab Mitte April. Braucht es dann die lokalen Impfzentren, die der Kreis Görlitz ebenso für April plant noch?

Ja, sagt Hans-Christian Gottschalk, Mitglied der Sächsischen Impfkommision und Impfarzt im Löbauer Impfzentrum. Die lokalen Impfzentren in den Gemeinden des Kreises - 18 hatten Interesse angemeldet - sind für Menschen über 80 Jahre, die zu Hause leben, es aber aus eigener Kraft nicht nach Löbau ins Impfzentrum schaffen. "Das macht Sinn, denn wir sind bei den über 80-jährigen Menschen noch nicht durch." Alleine in Görlitz leben rund 5.700 Menschen über 80. Wie viele davon in Heimen, wie viele zu Hause, ist nicht bekannt.

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Hans-Christian Gottschalk arbeitet drei Tage pro Woche im Impfzentrum Löbau.
Hans-Christian Gottschalk arbeitet drei Tage pro Woche im Impfzentrum Löbau. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Seit diesem Donnerstag können sich auch die über 70-Jährigen impfen lassen. Erste Öffnungen in der Priorisierung gab es bereits vor zwei Wochen, nun auch für Menschen ab 70 Jahren, die zuletzt noch das Nachsehen hatten.

Impfzentrum rechnet mit Ansturm

"Es ist eine Riesengruppe, die jetzt dazukommt", sagt Hans-Christian Gottschalk. Er rechnet mit einem Ansturm im Impfzentrum Löbau, der erste und bislang einzige Anlaufpunkt. Ab voraussichtlich Mitte April können auch die Hausärzte impfen, voraussichtlich Ende März starten die lokalen Impfzentren, Schleife will am 21. März mit der Impfung von über 80-Jährigen beginnen. Das Impfzentrum Löbau soll bis mindestens Ende Juni bestehen.

Auch wenn es Überschneidungen geben wird, begrüßt Gottschalk jede der Möglichkeiten. "Es ist sonst nicht zu schaffen. Wir müssen alle jetzt durchziehen." Bis jetzt seien nach wie vor nur zwei der acht möglichen Impfstrecken in Löbau offen, "die tausend Impfungen, die pro Woche eigentlich das Ziel waren, haben wir noch immer nicht erreicht", so Gottschalk. Insgesamt wurden im Kreis bislang über 19.700 Erstimpfungen vergeben, rund 6.400 Zweitimpfungen.

Ein Faktor für die Freigaben der Impfstrecken in Löbau ist die Verteilung der Impfstoffe. "Wir haben jetzt mit den Öffnungen eine Halbnormalität. Wir müssen schnell sein, um diese überhaupt erhalten zu können." Am Donnerstag hat der Kreis Görlitz die 100-Grenze bei der Sieben-Tage-Inzidenz gerissen, 104.

19.753 Erstimpfungen und 6.396 Zweitimpfungen

Görlitzer Landrat explodiert

Landrat Bernd Lange ist derweil stinksauer: Im Vogtlandkreis ist die Impfpriorisierung noch weiter geöffnet worden: Alle Personen über 18 können sich impfen lassen. Hintergrund ist die hohe Inzidenz im Vogtland und die Annahme, dass dabei auch Einträge aus Tschechien reinspielen. "Ich möchte hiermit betonen, dass auch der Landkreis Görlitz in den letzten Tagen einen deutlichen Zuwachs an Infektionen zu verzeichnen hat", so Lange. "Mit der längsten nationalen Außengrenze in der Bundesrepublik Deutschland sind auch wir einem erhöhten Risiko durch Eintragung des Virus ausgesetzt."

Schon früher hatte Lange gefordert, dass bei der Verteilung der Impfstoffe auch darauf geachtet wird, wie viele ältere Menschen in einer Region leben - im Kreis Görlitz mehr als in anderen Regionen. "Im Sinne der Gleichbehandlung fordere ich die sofortige Freigabe der Impfungen für alle Erwachsenen auch im Landkreis Görlitz."

Ministerpräsident Michael Kretschmer ist sich der Lage bewusst. "Allerdings reichen die zur Verfügung stehenden Lieferungen an Impfstoff nicht aus, um überall im Grenzgebiet diese Möglichkeit zu schaffen", so Kretschmer. "Wir fangen jetzt im Vogtland an." Dort liegt die Inzidenz bei 230.

Einsatz der Hausärzte: Hängt am Impfstoff

An den Impfdosen hängt es auch, ab wann die Hausärzte flächendeckend impfen können. Laut dem Hamburger Nachrichtenmagazin "Spiegel" sollen sie schrittweise einbezogen werden, da anzunehmen sei, dass in der Anfangszeit nur wenig Impfstoff für die Hausärzte bereitsteht. Je nach Liefermenge soll ihr Einsatz "frühestmöglich, jedoch spätestens Mitte April beginnen", schreibt der "Spiegel".

Die lokalen Impfzentren sind vor allem abhängig, wie schnell die mobilen Impfteams vorankommen. Am gestrigen Donnerstag war für sie der letzte Einsatz für die Erstimpfungen in den Heimen in Seifhennersdorf - in denen bis in den April demzufolge noch die Zweitimpfungen anstehen. Außerdem sind die mobilen Impfteams noch in den Behinderteneinrichtungen im Einsatz. Eine wichtige Frage ist, ob die mobilen Impfteams danach noch vom Freistaat bezahlt werden, um in die lokalen Impfzentren zu gehen.

Was die Ärzte sagen

Viele Informationen zum Einsatz der Hausärzte liegen Jens Drahonovsky noch nicht vor. Er ist Allgemeinmediziner in Rothenburg. Für die lokalen Impfzentren, auch in Rothenburg ist eines geplant, hatte er sich bereiterklärt mitzuarbeiten, erzählt er. Wenn diese aber im gleichen Zeitraum wie die Hausärzte an den Start gehen, hätte er Zweifel, ob sie notwendig sind. "Man muss bedenken, dass die ganze Technik in diesen Zentren aufgebaut, alle Hygienevorkehrungen umgesetzt werden müssen", sagt Drahonovsky. Und das für ein oder zwei Tage, "das würde die Kosten auch weiter in die Höhe treiben." Während die Hausärzte das alles bereits vor Ort haben. Ebenso den Kontakt zu den über 80-jährigen Patienten, um die es geht. "Für uns ist das letztlich nicht anders als bei der Grippeschutzimpfung."

Jens Drahonovsky ist nicht nur Arzt, in Horka hat er auch einen Dorfladen.
Jens Drahonovsky ist nicht nur Arzt, in Horka hat er auch einen Dorfladen. © Archiv: andré schulze

Auch Leonhard Großmann, Allgemeinmediziner in Görlitz, sagt: Die Hausärzte sind nah am Patienten, können "Bedenken, Fragen und Sorgen mit den Patienten vertrauensvoll erläutern und entkräften." Auch können die Hausärzte Versorgungslücken, "die aufgrund der aktuellen Vorgehensweisen bestehen", erkennen, so Großmann. Außerdem haben sie durch ihre tagtägliche berufliche Routine ein breites Wissen zum Thema Impfen. Einige Hausärzte waren auch mit den mobilen Impfteams in den Pflegeeinrichtungen unterwegs, mache arbeiten im Impfzentrum Löbau. Insgesamt ist Großmann deshalb sehr dafür, dass die Praxen einbezogen werden.

Leonhard Großmann befürwortet die Impfungen in den Praxen sehr. Aber viele Fragen seien noch offen.
Leonhard Großmann befürwortet die Impfungen in den Praxen sehr. Aber viele Fragen seien noch offen. © Nikolai Schmidt

Er sieht aber auch Fragen, die noch nicht geklärt sind: "Herausfordernd für die Corona-Impfungen in den Hausarztpraxen wird die Logistik sowie der verantwortungsvolle Einsatz und Umgang mit den Impfstoffen unter strikter Beachtung der vorgegebenen Impf-Priorisierung sein." Dazu kommen bürokratische Hürden. So müssen die Impfungen nicht nur dokumeniert, sondern die digitalen Dokumente zentral archiviert werden. Ein noch zu lösendes Problem, sagt Großmann. "Sollte es gelingen, die Corona-Impfungen zeitnah in die Hausarztpraxen zu dezentralisieren, denke ich, dass sowohl die Akzeptanz der Impfung als solche wie auch die Anzahl der geimpften Personen - ausreichend Impfstoff vorausgesetzt - deutlich ausgebaut werden kann."

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Ob es dann die Impfzentren noch braucht? Auch Großmann verweist auf das flächendeckende Praxisnetz, ohne dass aufwendig separate Strukturen geschaffen werden müssten. Eine Konkurrenz will er dennoch nicht ausmachen. Er sehe die Impfung in den Hausarztpraxen als ein niederschwelliges Ergänzungsangebot für die Patienten.

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