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Briefe gegen die Einsamkeit

Über 600 Familien bekommen ab Mittwoch Post für 40 Tage bis Ostern. Vier Görlitzer bieten diese Fastenbegleitung an, um dem Lockdown etwas entgegenzusetzen.

Die Initiatoren der Aktion Albrecht Bönisch, Andreas Neumann-Nochten, Gabi Kretschmer und Frank Seibel
Die Initiatoren der Aktion Albrecht Bönisch, Andreas Neumann-Nochten, Gabi Kretschmer und Frank Seibel ©  SZ-Collage

Jeden Tag ein kleiner Schritt: hin zu Jesus, hin zu sich selbst, hin zu Ostern, hin zum Frühling. 40 Schritte, 40 Tage sind es durch die Fastenzeit, die am Aschermittwoch beginnt. Und vier Görlitzer Christen haben sich entschieden, eine persönliche Begleitung in Briefen durch diese Zeit anzubieten.

Als Gabi Kretschmer, Albrecht Bönisch, Andreas Neumann-Nochten und Frank Seibel vor wenigen Wochen zu ihrer Aktion einluden, hofften sie auf 100 Interessenten. Da waren sie noch mitten in den Vorbereitungen, überlegten, wie sie das Ganze gestalten könnten, was der Kern jeder "Fastenpost" sein könnte. Und kamen darauf, in der Verbindung von Gemäldeausschnitten und Bibelworten einen Weg zu finden, der die Menschen aus ihrem Alltag in eine geistigere Welt führen könne und zu dem sie alle vier etwas beizutragen hätten.

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Keine Anmeldungen mehr möglich

Inzwischen haben sich über 600 Familien, Paare und Alleinstehende aus Görlitz und Umgebung, aber auch von weiter weg bis aus Berlin, Bonn und Frankfurt am Main, angemeldet. "Wir sind überwältigt von diesem großen Zuspruch", sagt Gabi Kretschmer, Referentin im Seelsorgeamt des Katholischen Bistums Görlitz, deren Idee die Briefaktion war. "Leider kann sich nun niemand mehr anmelden, das würden wir nicht schaffen." Da die Teilnahme nichts kostet, aber die Porto- und Druckkosten wesentlich höher sind als angenommen, sind die Teilnehmer gebeten, Bistum und Kirchenkreis zu unterstützen.

Gabi Kretschmer hatte bereits in der Adventszeit, als ihre Glaubenskurse wegen des Lockdowns ausfallen mussten, Post verschickt. "Ich habe damals gute Rückmeldungen bekommen", sagt sie. "Die Kursteilnehmer freuten sich, dass sie echte Briefe bekamen, als Besonderheit zwischen den zahlreichen Online-Angeboten." Entsprechend wird die "Fastenpost" ausschließlich per Post verschickt und ist nicht online abrufbar.

600 Briefe – viel Arbeit

Albrecht Bönisch, Pfarrer der Evangelischen Kreuzkirche, kennt sich ebenfalls mit geistlichen Briefen im Lockdown aus. Seit fast einem Jahr veröffentlicht er jede Woche Handreichungen für Hausgottesdienste auf der Seite des Kirchenkreises, die an hohen Feiertagen auch per Post verschickt werden. Er schloss sich Gabi Kretschmer an und sagt: "600 Briefe – das bedeutet zunächst einmal viel Arbeit, denn alle wollen sorgfältig verpackt sein und dann auch pünktlich in den Briefkästen landen."

Aber dass einige Empfänger bereits jetzt reagierten, zu Beginn der Fastenzeit, sei etwas sehr Schönes. "Es ist der Anfang eines intensiven Austausches über Glaubens- und Lebensthemen, die die Menschen bewegen." Die Fastenpost sei als Anregung zum täglichen Innehalten gedacht, zum Nachdenken und letztlich auch zum Gespräch.

Alle 600 Haushalte erhalten von heute an bis Ostern jede Woche einen Brief mit weiteren sieben verschlossenen Briefen, für jeden Tag der Woche einen. Jeder einzelne Brief enthält eine von der Görlitzer Druckerei Augustadruck hergestellte Kunstkarte mit zunächst einem schmalen Bildausschnitt aus einem Gemälde des Görlitzer Künstlers Andreas Neumann-Nochten: Wie Fenster zu einer Erkenntnis, die jeden Tag ein Stückchen wächst, ergänzen sich bis zum Ende jeder Woche die Bildausschnitte zu einem vollständigen Bild.

Versunken in Bildern

"Bei der Auswahl habe ich mich von den Themen inspirieren lassen, die wir uns für die sechseinhalb Wochen überlegt haben", sagt Andreas Neumann-Nochten. Die lauten: Befreiung, Endlichkeit, Schöpfung, Geschwisterlichkeit, Freude, Entrüstung und Bewahrung. Dazu hat der Künstler aus seinen Gemälden der Jahre 2000 bis 2020 jeweils Ausschnitte gefunden.

Das ökumenische Team hat eine Briefaktion für die Fastenzeit vorbereitet.
Das ökumenische Team hat eine Briefaktion für die Fastenzeit vorbereitet. © Raphael Schmidt/Bistum Görlitz

Auf diese Stückchen Kunst haben sich die Teammitglieder eingelassen, haben passende Bibelstellen dazu gefunden, ob Psalmen oder Geschichten, haben Gebete geschrieben und sich Gedanken gemacht, an denen sie nun ihre Leser teilhaben lassen und die als Impuls für eine weitere Vertiefung dienen können. Jeder Brief stammt aus der Feder jeweils eines Autors.

Fastenpost gegen Einsamkeit

Die Fastenzeit bedeutet für viele Christen nicht nur, auf Fleisch oder andere Dinge zu verzichten, die ihnen sonst wichtig sind. Manche Katholiken begeben sich in dieser Zeit in Exerzitien und schweigen für eine Zeit oder treffen sich einmal pro Woche für gemeinsame geistliche Übungen. Sie besuchen Fastenandachten genau wie evangelische Christen, und für alle gibt es in den Bistümern und Kirchenkreisen vorbereitete Materialen für die Fastenzeit, auch online.

Die Görlitzer Fastenpost ist im Vergleich dazu wesentlich persönlicher und soll ein kleiner Ersatz dafür sein, dass die Menschen im Lockdown seltener in die Kirchen gehen und sich für Exerzitien nicht treffen können. "Es kann eine Gemeinschaft zwischen denen entstehen, die mit unseren Briefen fasten", sagt Frank Seibel. Auch nehmen die Fastenbriefe in der Zeit zunehmender Einsamkeit konkret auf Corona und deren Folgen Bezug.

Auf was soll man verzichten in Zeiten des Verzichts?

"Wir haben uns gefragt, was Fasten überhaupt bedeuten kann in diesen Zeiten, die viele ohnehin als Zeit der Entbehrungen erleben", sagt Frank Seibel. So kam das Team darauf, dass die Fastenpost – immer zur gleichen Zeit gelesen, vielleicht im Schein einer Kerze – auch mehr Struktur in die Tage des Lockdowns bringen könne, und schreibt im ersten Brief, den die Adressaten heute geöffnet haben:

Ausschnitt aus dem ersten Fastenbrief, gekürzt

"Es mutet schon ein wenig seltsam an, wenn wir von der Fastenzeit sprechen, die unmittelbar bevorsteht und uns 40 Tage der Entbehrung bringen soll, bevor wir Ostern als das Fest der Auferstehung feiern können. Haben wir nicht schon beinahe ein Jahr voller Entbehrungen hinter uns, von kürzeren Pausen abgesehen?

Eigentlich wollen wir doch mit den ersten Frühlingsboten schon wieder ins pralle Leben zurückkehren, nach diesen vielen Wochen und Monaten der Einschränkungen. Wir wollen nicht noch 40 Tage in der Wüste verbringen, bevor wir wieder aufblühen können.

Doch unabhängig vom weiteren Verlauf der zermürbenden Corona-Pandemie sehnen wir uns nach einer Struktur im Leben, einer Dramaturgie, die Werktage von Sonntagen trennt, die die Ebenen des Alltags von den Höhepunkten unterscheidet.

Die Zeit von Aschermittwoch bis Ostern kann uns sehr bereichern. Fastenzeit, Passionszeit, das kann auch in einer langen Phase von Entbehrungen eine Chance sein, das Leben neu zu entdecken."

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