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Polnischer Seriendieb gesteht vor Görlitzer Gericht

Der Mann war laut Anklage auch in zwei spektakuläre Verfolgungsjagden und einen Broilerwagen-Diebstahl im Kreis verwickelt. Gestoppt wurde er erst spät.

Unter anderem mit diesem VW T5 flüchtete der Angeklagte und konnte durch die Polizei gestoppt werden. Die Räder waren da schon völlig zerstört.
Unter anderem mit diesem VW T5 flüchtete der Angeklagte und konnte durch die Polizei gestoppt werden. Die Räder waren da schon völlig zerstört. ©  Polizeidirektion Görlitz

Dass dieser Mann am Freitag nach einer Serie von Einbruchsdiebstählen endlich auf der Anklagebank sitzt, ist ein Erfolg für die Ermittler. Andererseits kann man sich fragen, warum das so lange gedauert hat. Schließlich war Sebastian G. zweimal nach Verfolgungsjagden durch die Polizei gefasst worden, und hat jedes Mal weitergemacht. Erst nach dem dritten Aufgreifen, G. war beim Überqueren der Grenze mit einem als gestohlen gemeldeten Broilerwagen gefilmt und identifiziert worden, kam er in Untersuchungshaft und von dort vor Gericht.

Anklage umfasst 19 Punkte

Die Anklage gegen den heute 42-jährigen Karosseriebauer aus Zgorzelec umfasst satte 19 Anklagepunkte. Gestohlen habe er, so wird es gleich zu Beginn erklärt, zur Finanzierung seiner Drogensucht. Einbruchsziele waren oft Firmen, wo er, oft gemeinsam mit Mittätern, vor allem Werkzeuge und Maschinen gestohlen haben soll. So am 27. Dezember 2018 in der Lackiererei bei Bombardier Görlitz (Schaden 24.000 Euro), im Juli 2019 in einer Maschinenbaufirma in Görlitz (Schaden 24.400 Euro), im August 2019 in einer Firma in Vierkirchen (Schaden 1.380 Euro) und bei einer Baufirma an der Blauen Lagune am Berzdorfer See (Schaden 6.700 Euro plus 5.000 Euro Sachschaden), im November 2019 in einer Obercunnersdorfer Firma (Schaden 5.000 Euro), im Dezember 2019 noch einmal bei Bombardier (Schaden 400 Euro plus Sachschaden 5.500 Euro), im Januar 2020 bei einer Hirschfelder Firma (Schaden 7.000 Euro) und bei KSC Hagenwerder (Schaden 40.600 Euro plus 2.500 Euro Sachschaden).

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Dazu kommt der Diebstahl von Kompletträdern in Olbersdorf Ende Juli 2019, der mit einer spektakulären Verfolgungsjagd und Festnahme in Tschechien endete. Im August hat der Pole laut Anklage außerdem in Kiesdorf (bei Schönau-Berzdorf) einen Opel Corsa und Werkzeug gestohlen (Schaden 30.000 Euro plus Sachschaden 6.000 Euro). Als er in einem VW T5 im Januar 2020 in Hirschfelde kontrolliert werden sollte, flüchtete er vor der Polizei, fuhr mit bis zu 150 Sachen Richtung Zittau, überfuhr dort einen schnell aufgebauten Stoppstick, der zwei Reifen zerstörte, raste trotzdem weiter nach Polen und konnte erst in Turow durch Blockieren mit einem Polizeiwagen (Schaden 1.500 Euro) gestoppt werden. Er wurde wieder gefasst und freigelassen, eine Woche vor dem Einbruch in Hagenwerder und knapp fünf Wochen vor dem Diebstahl des Broilerwagens in Schönau-Berzdorf, der in der Anklage als vorgetäuscht bezeichnet wird. Als der jetzt Angeklagte endlich festgenommen wurde und in Untersuchungshaft ins Görlitzer Gefängnis kam, unternahm er dort einen allerdings untauglichen Ausbruchsversuch. Er wollte mit einem Stuhlbein ein Loch durch die Gewölbedecke der Zelle stemmen.

Geständnis fast aller Vorwürfe

An einem Großteil der Taten dürfte es aufgrund des Vorliegens objektiver Beweise kaum Zweifel geben. Aber der Angeklagte ist auch willig, das zu gestehen, was er getan hat. Zu einer Verständigung mit Staatsanwaltschaft und Gericht kam es nach einem Gespräch nicht, aber das Gericht deutete eine Strafe zwischen fünf und sechs Jahren Freiheitsentzug bei einem vollumfänglichen Geständnis an. Und auch der Staatsanwalt nickte zustimmend. Und so begann Richter Thomas Fresemann, Punkt für Punkt der Anklage durchzugehen.

Der erste Anklagepunkt sei der einzige, den er nicht begangen habe, sagt Sebastian G. gleich zu Beginn. Er habe als Zeitarbeiter bis Weihnachten 2018 gut 20 Monate in der Lackiererei von Bombardier gearbeitet. Das könnte, so sagte es auch Richter Fresemann, die gefundenen DNA-Spuren des Angeklagten erklären. Auch beim zweiten Einbruch in die Görlitzer Maschinenbaufirma will Sebastian G. zunächst nicht dabei gewesen sein. Ein namentlich benannter Kumpel habe ihn an jenem Sonntagabend angesprochen, ob er nicht mit rüberkommen wolle, die Firma stehe offen und man könne noch was holen. Er sei an dem Tag schon dort gewesen und habe etwas mitgehen lassen. Der Angeklagte bestätigt, mit seinem Kumpel erneut zur Firma gefahren zu sein, die Hallen und Räume durchsucht und einiges zurechtgelegt zu haben. Dann seien sie aber gestört worden und durch ein Fenster geflüchtet. Auch das deckt sich vermutlich mit der Spurenlage vor Ort, unter anderem Überwachungskamera und DNA-Spuren.

Rücksichtslos und dilettantisch in Olbersdorf

Der nächste Anklagepunkt zeigt dann, wie rücksichtslos der Angeklagte vorging, um an Geld zu kommen. Sebastian G. erzählt: Nach einem Casinobesuch, als das Geld alle war, entschieden er und sein Kumpel, nach Deutschland zu fahren und auf Suche zu gehen. Sie fuhren ziellos durch die Gegend, bis sie in Olbersdorf einen BMW sahen, der dem eigenen geborgten ähnelte. Sie entschlossen sich, die Räder zu stehlen, und nutzten Werkzeug und Wagenheber aus dem eigenen Fahrzeug. Alle Muttern der vier Räder wurden gelockert und alle bis auf jeweils eine entfernt. Dann wurde der Wagenheber benutzt, das erste Rad abgenommen und auf der Rückbank des eigenen BMW verstaut. Allerdings fehlte ja eine Ablage, die das fehlende Rad ersetzt und den Wagenheber freimacht.

Die nächste Idee: Wir entfernen einfach die drei verbliebenen Schrauben und lassen den BMW runterkrachen: Aber die Räder verfingen sich in den Kotflügeln, der Wagenheber war eingeklemmt und natürlich alles viel zu schwer, um es anzuheben. Die nächste Idee: Wir schubsen das Auto einfach von der Seite mit unserem BMW von den Rädern. Auch dieser Versuch schlug fehl. So erzählt es der Angeklagte. Schließlich fuhren sie mit dem einen Rad weg, allerdings in die falsche Richtung. Nach einer Viertelstunde wendeten sie, als sie am Tatort wieder vorbeikamen, war die Polizei schon da, eine lebensgefährliche Verfolgungsjagd über den Grenzübergang in Lückendorf begann. Sie endete hinter der Grenze in Jablonné v Podještědí (Deutsch Gabel) auf einer Wiese und mit diversen Schäden. Es folgte die Festnahme, die den Angeklagten aber nicht beeindruckte.

Der Broilerdieb bei der Verhandlung im Görlitzer Gerichtssaal.
Der Broilerdieb bei der Verhandlung im Görlitzer Gerichtssaal. © Danillo Dittrich

Und so geht das Gericht weiter Anklagepunkt für Anklagepunkt durch. Im Anschluss ist geplant, eine ganze Reihe von Zeugen zu hören. Und schließlich trägt ein psychiatrischer Gutachter vor, wie sich die Drogenabhängigkeit und der Drogenkonsum auf die Taten und seine rechtliche Würdigung auswirken. Weitere vier Verhandlungstage bis zum 23. Dezember sind vorerst angesetzt.

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