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Zwei Brüder legen vergessene Zeit frei

Jan Wenzel betreibt einen Verlag in Leipzig, der immer wieder Preise abräumt. Kai Wenzel vom Görlitzer Stadtmuseum und der Verleger sind eng verwandt.

Kai Wenzel (links) vom Städtischen Museum Görlitz und sein Bruder, der Leipziger Verleger Jan Wenzel. Am Montag stellten sie das Buch vor: "Das Jahr 1990 freilegen".
Kai Wenzel (links) vom Städtischen Museum Görlitz und sein Bruder, der Leipziger Verleger Jan Wenzel. Am Montag stellten sie das Buch vor: "Das Jahr 1990 freilegen". © Nikolai Schmidt

Wenn Kai Wenzel durch Bautzen läuft, wird er öfter von Unbekannten gegrüßt. "Ich grüße dann einfach zurück", sagt der Kunsthistoriker vom Städtischen Museum Görlitz. "Auch wenn ich weiß, dass mein älterer Bruder Jan gemeint ist." 

Buch spiegelt die Freude und Verzweiflung der Menschen

Die beiden Brüder sehen sich sehr ähnlich und werden manchmal von Leuten in ihrer Heimatstadt verwechselt, die sie lange nicht gesehen haben. Denn der heute 48-jährige Jan Wenzel ist schon seit den 1990ern in Leipzig, wo er den Verlag Spector Books gegründet hat. Sein Bruder Kai lebt seit 2008 in Görlitz. 

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Am Montag stellten sie gemeinsam das von Jan Wenzel herausgegebene Buch "Das Jahr 1990 freilegen" im Barockhaus Neißstraße 30 vor. Das ist ein 2,5 Kilogramm schweres 600-Seiten-Werk, das zahlreiche - zu zwei Dritteln unveröffentlichte Fotos von 1990 -enthält, Texte aus der Zeit, Protokolle, Erinnerungen, Interviews. 

Wie der Osten damals aussah, welche Freude und Verzweiflung die Menschen damals durchlebten, wie das Neue Forum sich verraten fühlte, die Supermärkte unter juristisch teils völlig ungeklärten Bedingungen aus dem Boden schossen und die ersten Arbeitsämter eröffnet werden mussten – all das spiegelt das Buch wider.

Die Vielfalt von 1990 ist in der Erinnerung oft verschüttet

"Die Ereignisse vom Herbst 1989 sind den meisten noch sehr präsent", sagt Jan Wenzel. Aber vom Jahr 1990 seien oft nur einzelne Momente wie die Währungsreform am 1. Juni oder die Wiedervereinigung am 3. Oktober präsent. "Weil diese Zeit zwischen Mauerfall und deutscher Einheit in der Erinnerung so verschüttet ist, haben wir im Verlag seit Jahren die Idee, 1990 noch einmal näher zu beleuchten."

An die Wendezeit haben die Brüder natürlich eigene Erinnerungen. In Bautzen-Gesundbrunnen sind sie gemeinsam aufgewachsen, in einer WBS-70-Dreiraumwohnung mit gemeinsamem Kinderzimmer. Jan Wenzel war an der EOS, als die Mauer fiel und zog bald, mit 18, zu Hause aus. Sein jüngerer Bruder Kai war 1989 elf Jahre alt und nahm als Kind zusammen mit seinem Bruder an Aktionen zur Rettung der Bautzener Altstadt oder der Menschenkette über die Friedensbrücke und der Demonstration vorm Stasi-Knast Bautzen am 3. Dezember teil.

Jan Wenzel absolvierte dann am neuen Kulturzentrum Steinhaus Bautzen seinen Zivildienst und erlebte am Rande von Konzert, Disko und Kino hautnah die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen linken Punks und jugendlichen Neonazis in den frühen 1990ern mit. "Wir hatten damals ständig diese Konflikte vor der Tür und versuchten, zu deeskalieren", erinnert er sich, "einmal flog ein Molotow-Cocktail."

Kunstgeschichte statt Marktwirtschaft

1994 ging Jan Wenzel nach Leipzig, um Germanistik und Kunstgeschichte zu studieren, da kam sein Bruder gerade aufs berufliche Gymnasium. "Ich hatte die Absicht, Wirtschaftsinformatik zu studieren", sagt der heute 42-jährige Kai Wenzel. "Damals ging es ja vor allem um den Weg in die Marktwirtschaft." 

Doch dann zog sein älterer Bruder für ein halbes Jahr nach Turin. "Dort besuchte ich ihn", sagt Kai Wenzel, "war fasziniert von Italien und entschied mich für Kunstgeschichte statt Betriebswirtschaft." 1998 begann er in Leipzig zu studieren. "Mein Bruder hat mich auf diesen Weg gebracht." Wie dieser setzt sich auch Kai Wenzel für die Kunst der Gegenwart ein, etwa eine Görlitzer Kunsthalle.

Nach der Zeit in Turin hatte Jan Wenzel die Chance, an einem Projekt der Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig mit dem Künstler Ilya Kabakov mitzuwirken. Dabei lernte er den Buchgestalter Markus Dreßen kennen. Zusammen mit ihm und Anne König gründete er 2001 den Spector Books Verlag, der eine Zeitschrift und ab 2006 Bücher herausgab. 

In diesen Jahren, bis Kai Wenzel 2008 in Görlitz die Stelle des heute an der Prager Nationalgalerie tätigen Kunsthistorikers Marius Winzeler am Museum übernahm, verbrachten die Brüder viel Zeit miteinander. Sie wohnten zusammen in einer Leipziger Wohnung, der Jüngere arbeitete im Verlag des Älteren mit und unterstützte ihn bei dessen Projekten. Gemeinsame Buchvorstellungen wie am Montag im Görlitzer Barockhaus gab es damals schon. 

Manche Bilder von 1990 sind erst heute relevant

Inzwischen gibt der Spector Books Verlag 50 Bücher pro Jahr heraus, die sich oft mit Gegenwartskunst und Fotografie beschäftigen und auch international gefragt sind. Es gibt eine Verbindung zum Bauhaus in Dessau, und das sieht man dem Buch "Das Jahr 1990 freilegen" auch an. Die Texte, Fotos, Zitate und Titel füllen puzzleartig die Seiten, regen zu Assoziationen an und verbinden sich mit den Erinnerungen des Lesers an 1990. Von der Stiftung Buchkunst wurde es 2020 als "Schönstes Buch des Jahres" unter 600 Einreichungen ausgezeichnet.

Um es herausgeben zu können, hat Jan Wenzel über zwei Jahre hinweg alles gelesen, was er aus dem Jahr 1990 fand. Vom Fotofestival f/stop, das er mit seiner Frau Anne König organisiert, kennt er zahlreiche Fotografen, die er bat, ihre Kontaktabzüge von 1990 auf Motive durchzusehen, die damals noch nicht, aber heute relevant sein könnten. 

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Unter diesen Fotos sind auch solche aus der Oberlausitz, etwa aus dem Dorf Bärwalde - das wie Deutsch-Ossig dem Tagebau zum Opfer fallen sollte - und natürlich aus Bautzen. In einem der 32 Texte, den der mit Jan Wenzel gut bekannte Autor Alexander Kluge beigesteuert hat, findet sich auch die Sicht eines Görlitzer Juristen auf die Wendezeit.

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