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Wie die Bundeswehr an der Neiße gegen Corona kämpft

Dr. Stephanie Krause ist Oberstärztin der Bundeswehr. Seit einigen Wochen sind viele ihrer Soldaten im Kreis Görlitz im Einsatz. Wie es ihnen heute geht.

Dr. Stephanie Krause am Städtischen Klinikum Görlitz. In Magdeburg hat sie Medizin studiert und ist seit Ende der 90er-Jahre bei der Bundeswehr - und jetzt Oberstärztin.
Dr. Stephanie Krause am Städtischen Klinikum Görlitz. In Magdeburg hat sie Medizin studiert und ist seit Ende der 90er-Jahre bei der Bundeswehr - und jetzt Oberstärztin. © Anne Weinrich/Bundeswehr

Notfallsanitäter, Krankenpfleger, Techniker. Zum Sanitätsregiment 1 gehören rund 1.200 Soldaten in Weißenfeld und Berlin. Auch Stephanie Krause ist Soldatin - und Ärztin. Als Kommandeurin leitet sie das Sanitätsregiment. Hier geht es normalerweise um Grundausbildung für Einsätze, werden mobile Lazarette gewartet, ihr Weg in Krisen- und Kriegsgebiete auf der Welt organisiert. Auch viele der Einsatzkräfte waren schon im Ausland. Seit einigen Wochen aber plant Stephanie Krause den Einsatz ihrer Soldaten in Krankenhäusern in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen - so auch im Landkreis Görlitz. Wie die Soldaten hier leben, was sie belastet und wie sie die Lage in den Kliniken sehen.

Frau Dr. Krause, Ihre Einsatzkräfte kamen nach Görlitz, als die Corona-Zahlen extrem stiegen. Nun scheint sich die Lage etwas zu stabilisieren. Ist das auch das Bild in den Krankenhäusern oder ist Ihre Hilfe dort weiter sehr nötig?

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Von meinen Leuten höre ich, dass unverändert eine hohe Belegungsdichte herrscht. Ich bin nicht permanent in Görlitz, habe aber jeden Tag Kontakt zu den Soldaten. Für sie ist nach wie vor viel zu tun. Vor Weihnachten war in den Kliniken medizinisches Personal in erheblichem Maß ausgefallen, viele Klinikmitarbeiter waren selbst erkrankt oder in Quarantäne. Viele kehren jetzt zum Glück nach und nach zurück. Dadurch, und dass zumindest keine weitere erhebliche Steigerung der Patientenzahlen hinzukommt, ist ein gewisses Plateau - von Entspannung will ich noch nicht sprechen - erreicht. Es gibt einen konstanten Patientenzu- und abgang. Sodass wir mit gutem Gewissen sagen können, die Zahl der Einsatzkräfte reduzieren wir jetzt etwas - mit etwa 85 waren wir hergekommen - auf 40 bis 50 Soldaten im Kreis Görlitz.

Wie sieht ihr Alltag hier aus?

Sie sind im normalen Schichtbetrieb an den Krankenhäusern eingebunden, in Ausnahmefällen ist es auch mal eine Doppelschicht. Mein Eindruck ist, sie haben sich gut eingelebt, sind auch im Klinikalltag mittlerweile richtig gut integriert. Untergebracht sind sie in verschiedenen Einrichtungen - dem Trixi-Ferienpark in Großschönau, Jugendherberge, Hotels. Natürlich sind die Freizeitmöglichkeiten, wie bei der Zivilbevölkerung auch, derzeit sehr begrenzt. Die meisten Soldaten machen nach Dienstschluss ein wenig Sport, machen sich noch was zu Essen und gehen schlafen. Die Arbeit auf den Stationen ist nach wie vor sehr anstrengend, da muss man auch seine Ruhephasen einplanen.

In welchen Bereichen ist die Arbeit besonders herausfordernd, gerade auch psychisch?

Nach wie vor auf den Corona-Stationen, egal wo. Es ist eine Belastung, das Leid der Patienten zu sehen - auch Sterbebegleitung mitzumachen. Das sind Dinge, die ein junger Soldat auch nicht jeden Tag macht. Wir schauen sehr genau hin, sprechen viel mit den Einsatzkräften, dass nichts und niemand auf der Strecke bleibt. Die Bundeswehr hat viele Erfahrungen gesammelt mit traumatischen Erlebnissen von Soldaten bei ihren Einsätzen. Deshalb sind wir bei dem Thema sehr sensibel. Die Planung steht, im Sommer, wenn eine Entspannung absehbar ist, wollen wir für die Einsatzkräfte spezielle Seminare anbieten. Zwei, drei Tage lang, an einem schönen Ort und in anderer Umgebung werden Psychologen und Sozialarbeiter den Soldaten und Soldatinnen helfen, die belastenden Erlebnisse der Corona-Zeit zu verarbeiten. Das halte ich für wichtig.

Sie sind selbst Medizinerin, haben in Bundeswehrkrankenhäusern gearbeitet. Können Sie Ihren Soldaten mit diesem Hintergrund eine Hilfe geben?

Ich bin zwar schon länger nicht mehr in der Klinik tätig, habe aber zum Beispiel Kontakt zu Kommilitonen aus dem Studium. Und selbst hartgesottene Intensivmediziner sagen, das ist eine Belastung. Wenn schon sie an ihre Grenzen kommen, dann ist mir auch klar, dass einem Anfang 20-Jährigen erst recht Zweifel kommen. Vor allem, wenn man Familie hat oder zum Beispiel um seine Großeltern in Sorge ist. Deshalb sind wir auf die Idee mit den Nachsorgeseminaren gekommen. Weil wir wissen, dass sich so etwas nicht einfach wegdrücken lässt.

Wie ist die Stimmung konkret bei Ihren Einsatzkräften?

Ich hole mir immer Feedback von den Kollegen aus den Häusern, die genau das Gleiche erzählen, dass sie an den Rand ihrer nervlichen Belastung kommen und sie deshalb auch hoffen, dass die Bevölkerung diszipliniert bleibt. Jeder Artikel über die illegale Party im Keller bringt einen auf die Palme, weil man mit der Zeit natürlich auch dünnhäutiger wird. Das betrifft das Personal, das am Patienten tätig ist, aber auch die Einsatzkräfte hier in Weißenfels, die die Einsätze organisieren und sehen, welcher Aufwand dahintersteht.

Wie ist das für Soldaten mit Familie? Sind sie die ganze Zeit hier oder wird personell auch durchgewechselt?

Da versuchen wir so individuell wie möglich zu sein. Meistens ist es so, dass die Soldaten acht bis zehn Tage vor Ort arbeiten, und dann - das sprechen wir natürlich mit den Krankenhäusern ab - mal wieder drei, vier Tage am Stück zu Hause sind. Das klappt bisher gut. Aber ein Thema ist es: Wir haben zum Beispiel auch Soldatinnen - Mütter - vor Ort, die zu Hause eine Kinderbetreuung sicherstellen können. Aber für eine alleinerziehende Mutter eines Kleinkindes wäre es sicher keine Einsatzmöglichkeit derzeit.

Sind im Regiment Soldatinnen, die auch alleinerziehende Mütter sind?

Klar, auch wir sind ein Spiegel der Gesellschaft. Alleinerziehende Mütter und Väter, gleichgeschlechtliche Paare mit und ohne Kinder - da sind wir genauso divers und bunt wie "draußen". Und haben uns Gott sei Dank von dem doch eher konservativen Familienbild der 70er- und 80er-Jahre, das in der Bundeswehr lange vorherrschte, deutlich weiterentwickelt. Worüber ich sehr froh bin.

Sind Sie alle in den Krankenhäusern im Einsatz oder auch noch im Gesundheitsamt bei der Kontaktnachverfolgung?

Wir konzentrieren uns auf die fachliche Tätigkeit in den Kliniken. Bei der Kontaktnachverfolgung ist die Bundeswehr aber auch weiter im Einsatz, in Görlitz die Pioniere aus Gera vom Panzergrenadierbataillon 701.

Sie haben - auch jenseits der Corona-Krise - viele logistische Arbeiten, sind gleichzeitig Ärztin. Wo sehen Sie Gründe, dass der Kreis Görlitz seit Oktober und vor allem vor Weihnachten solche hohen Corona-Zahlen hatte - die auch schwer wieder zu drücken sind.

Da möchte ich mir gar kein Urteil erlauben. Auch wenn die Erkenntnisse immer weiter wachsen, herrscht auch eine gewisse Unsicherheit, es lässt sich schwer einschätzen, wo sind die Stellschrauben? Ein Punkt ist sicherlich die Bevölkerungsstruktur des Landkreises, die nicht gerade der einer Großstadt entspricht. Wenn man eine ältere Bevölkerung hat, ist eine Verbreitung des Virus natürlich viel gefährlicher.

Viel Hoffnung, dass diese Lage bald endet, gab es mit dem Impfstart. Nun scheint es eher schleppend voranzugehen. Konnten die Soldaten sich schon impfen lassen?

Wir unterliegen der gleichen Impfstrategie wie die Zivilbevölkerung. Unser Personal in den Kliniken - die also mit Coronapatienten zu tun haben - hatten dankenswerterweise die Möglichkeit, sich in den Krankenhäusern mit impfen zu lassen. Das ist super, dass das so kollegial funktioniert. Wie beim zivilen Pflegepersonal auch auf freiwilliger Basis. Es gibt für Bundeswehrangehörige bestimmte Pflichtimpfungen. Ob dazu auch die Corona-Impfung gehören soll, wird noch debattiert.

Wie wird die Möglichkeit angenommen?

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Es ist ein neuer Impfstoff, bei dem eine gewisse Vorsicht herrscht. Die Soldaten, mit denen ich gesprochen habe, nehmen es aber gerne an. Auch mit dem Hintergrund, dass niemand seine Familie gefährden, Corona mit nach Hause bringen möchte. Auch wir hatten Coronafälle – deshalb sind die meisten, mit denen ich spreche, froh, wenn die Möglichkeit zur Impfung besteht. Gott sei Dank sind wir im Regiment von schweren Verläufen bislang verschont geblieben.

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