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Görlitzer Chorsänger fürchten um ihre Stimmen

Die lange Zeit ohne Proben und Konzerte macht besonders älteren Laiensängern zu schaffen. Manche rechnen mit verkleinerten Chören nach der Pandemie.

Danach sehnen sich Chöre und Publikum: nach Konzerten wie dem des Bachchors am 3. Oktober 2018, in denen jeder Sänger seinen Nachbarn hört.
Danach sehnen sich Chöre und Publikum: nach Konzerten wie dem des Bachchors am 3. Oktober 2018, in denen jeder Sänger seinen Nachbarn hört. © Nikolai Schmidt/Archiv

Ob die Stimme wohl noch mitmacht wie früher, wenn die Chorproben irgendwann wieder möglich sind? Das fragen sich gerade viele Sänger in Laienchören. "Das Singen fehlt uns sehr", sagt Werner Kleesel, der wie seine Frau Susanne seit über 60 Jahren Mitglied des Görlitzer Lehrerchors ist. "Meine Frau ist noch jünger, aber ich merke schon, wie mein Stimme langsam knarrig wird nach so langer Pause."

Zwischen den beiden Lockdowns habe der Chor zwar vorsichtig, mit großen Abständen und in halbierten Besetzungen proben können, sagt der 88-Jährige, aber das sei nun auch schon wieder drei Monate her. Zu Hause zu singen sei nicht vergleichbar mit der Stimmbildung in einer Chorprobe. Und dass man im Lockdown wegen der Kontaktbeschränkungen viel weniger spreche als sonst, sei ebenfalls "fehlendes Training für die Stimme".

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Susanne und Werner Kleesel singen seit über 60 Jahren im Görlitzer Lehrerchor und vermissen die Chorproben im Lockdown sehr. Hier ließen sie sich 2017 im 60. Jahr des Chors fotografieren.
Susanne und Werner Kleesel singen seit über 60 Jahren im Görlitzer Lehrerchor und vermissen die Chorproben im Lockdown sehr. Hier ließen sie sich 2017 im 60. Jahr des Chors fotografieren. © Nikolai Schmidt/Archiv

Sven Köhler, Musiklehrer am Augustum und Dirigent des Lehrerchors, fürchtet, dass der Wiedereinstieg genau aus diesem Grund besonders für ältere Sänger schwierig werden könnte. "Sie singen zwar alle gern", sagt er, "aber wer weiß, vielleicht ist durch diese Zäsur für manchen doch der Moment zum altersbedingten Ausstieg gekommen."

Christina Hartmann, die Vorsitzende des Lehrerchors, hält Kontakt zu den knapp 50 Chormitgliedern und weiß von niemandem konkret, dass er aufhören wolle. "Aber es könnte sein, dass nach der Pandemie aus großen Chören kleinere Formationen werden." Das sei schade und die Sorge der Älteren verständlich. "Denn besonders für Rentner ist die Chorprobe häufig der gesellschaftliche Höhepunkt der Woche." Wenn das wegfalle, sei das für viele ein großer Verlust. "Zumal die Älteren auch das Gefühl haben, dass ihnen die Zeit davonläuft."

Singen wäre genau jetzt wichtig

Das kann Wolfgang Neumann vom Bäcker- und Fleischerchor nur bestätigen. "Besonders unsere Sänger, die das 80. Lebensjahr erreicht haben, fragen am häufigsten, wann es endlich weitergeht." Den 17 Männern, Altersdurchschnitt 70, bedeuten die Proben, Auftritte und die Gemeinschaft sehr viel. Deshalb seien sie auch jetzt in gutem Kontakt miteinander, ob per E-Mail oder Telefon. "Wenn wir schon nicht gemeinsam singen können, ist das doch wenigstens etwas", sagt Wolfgang Neumann.

Der Görlitzer Bäcker- und Fleischerchor, alles Männer, darunter viele über 70.
Der Görlitzer Bäcker- und Fleischerchor, alles Männer, darunter viele über 70. © privat

Auch der Bäcker- und Fleischerchor hat nur im Herbst ein wenig unter Auflagen proben können. "Aber unsere Auftritte in Pflegeheimen, Krankenhäusern, bei Geburtstagen, auch unsere Chorausfahrten – alles fiel weg", sagt Neumann. Gemeinsames Singen habe zu allen Zeiten geholfen, schwere Zeiten durchzustehen. "Und gerade jetzt, wenn es vielen Menschen schlecht geht und Singen dringend nötig wäre, dürfen wir es nicht." Wenn das zum Ende der Pandemie beitrage, sei es aber wichtig und richtig.

Wenige dürfen in der Kirche singen

Etwas weniger ausgebremst fühlen sich diejenigen, die hin und wieder in Gottesdiensten mitwirken können. Sowohl Kirchenmusikdirektor Reinhard Seeliger als auch die Chorleiterin Anke-Elisabeth Bertram stellen immer wieder sehr kleine Besetzungen zusammen, die aus großer Entfernung zu den Gottesdienstteilnehmern den Kirchenliedern eine Stimme geben, weil die Gemeinde nicht singen darf.

Sylvia Herche zum Beispiel, die seit zehn Jahren im Bachchor singt, singt manchmal im Gottesdienst von der Empore der Peterskirche aus, "weit weg von allen". Das mache natürlich Freude, aber mit dem Singen im Chor sei es nicht zu vergleichen. "Ein Chor lebt davon, dass sich die Sänger treffen und gemeinsam etwas einstudieren", sagt die Pfarrerin im Ruhestand. "Er ist auch ein Kommunikationsort, und der Zusammenhalt ist groß." Deshalb hoffe sie sehr, dass Proben, sobald es die Gesamtsituation erlaubt, wieder möglich sind. "Zumal ja auch die Stimmen leiden."

Keine Verluste in Görlitzer Chören durch Corona

Genau deshalb war es Reinhard Seeliger, der den Görlitzer Bachchor und die Chöre der Innenstadtgemeinde leitet, wichtig, im Sommer auch unter schwierigen Bedingungen zu proben. "Wenigstens ein bisschen die Stimmen zu trainieren ist wichtig, um einen Chor zusammenzuhalten." Er teilte den Bachchor, probte mit der einen Hälfte im Fränkelsaal, mit der anderen in der Lutherkirche, so konnte er umgehen, zwischen mehreren Proben am Abend zwei Stunden lüften zu müssen.

Für ein solches Konzert mit dem Bachchor im Herbst müsste Reinhard Seeliger jetzt beginnen zu proben.
Für ein solches Konzert mit dem Bachchor im Herbst müsste Reinhard Seeliger jetzt beginnen zu proben. © Nikolai Schmidt/Archiv

Etwa zwei Drittel der Sänger seien sowohl im Bachchor als auch in der Kantorei zu den Proben gekommen, andere hielten sich aus Furcht vor Ansteckung zurück oder weil sie im medizinischen Bereich arbeiten und Kontakt mit Corona-Betroffenen nicht ausschließen konnten. Verluste durch Corona habe der Bachchor zum Glück nicht hinnehmen müssen. Auch die anderen Chöre nicht.

Wie es nach diesem Lockdown weitergehe, müsse man sehen, sagt Seeliger. "Ich hoffe, dass sich die Zahl derjenigen, die nach der Pause den Chor verlassen möchten, in Grenzen hält." Zu früherer Leistungsfähigkeit zurückzukehren sei zwar auch für ältere Stimmen möglich, aber es sei von Mensch zu Mensch verschieden.

Ohne Konzerte ist Nachwuchsakquise schwierig

Sowohl Seeliger als auch die Gesangslehrerin Anke-Elisabeth Bertram, die die Kinder- und Jugendchöre des Augustum-Annen-Gymnasiums, den ökumenischen Kirchenchor in Rauschwalde und den Ebersbacher Kirchenchor leitet, sehen noch ein ganz anderes Problem der Chöre: den fehlenden Anreiz für den Nachwuchs. Wenn die Kurrende nicht singe, könne er kleinere Kinder nicht überzeugen mitzumachen, sagt Seeliger.

Kammerchor des Augustum-Annen-Gymnasium Görlitz.
Kammerchor des Augustum-Annen-Gymnasium Görlitz. © PR

Für Anke-Elisabeth Bertram sind es die Konzerte der Augustum-Chöre, bei denen jüngere Kinder Chormusik erleben und Lust bekommen können, dabei zu sein. "Dieses Vorbild fehlt jetzt völlig." Auch sehe sie mit Bedauern zu, wie vieles die Chöre Motivierende habe ausfallen müssen - vom Landeswettbewerb "Jugend musiziert" bis zu großen Schulabschlusskonzerten.

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Mit ihren Schülern sei sie deshalb online in engem Kontakt und besetzte manche von ihnen in Gottesdiensten. Es sei enorm wichtig, gegen diese Pandemie vorzugehen, sagt sie, sich impfen zu lassen und das Beste zu hoffen, auch für das Singen. "Es ist so schade, dass gerade Singen in unseren Zeiten so riskant ist", sagt sie. "Denn Singen ist eine elementare Lebensäußerung, aus der die Menschen Selbstbewusstsein, Hoffnung, Trost und Zuversicht schöpfen."

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