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"So sah ich zuletzt als Jugendlicher aus"

Der erste Tag mit offenen Friseuren in Görlitz und Niesky. Ein Tag der Erleichterung auf vielen Köpfen.

Wieder schick. die ersten Friseurkunden in Görlitz und Niesky.
Wieder schick. die ersten Friseurkunden in Görlitz und Niesky. © Martin Schneider

Erster Arbeitstag nach dem 16. Dezember – das bedeutet volle Bücher, oft längere Öffnungszeiten, und meist keine freien Termine in der ersten Woche mehr – auf die Friseure wartet viel Arbeit in den nächsten Tagen. Und die Kunden? SZ und sächsische.de wollten wissen, wie sie den Friseur-Lockdown überstanden haben und wie sich die neue Frisur anfühlt.

"Ich habe ganz schön viel Haarspray gebraucht"

Vorher: So schlecht sah Brigitte Altmann mit den längeren Haare nicht aus. Aber für sie war es höchste Zeit fürs Platznehmen auf dem Friseurstuhl.
Vorher: So schlecht sah Brigitte Altmann mit den längeren Haare nicht aus. Aber für sie war es höchste Zeit fürs Platznehmen auf dem Friseurstuhl. © privat/Salon Madeleine

Brigitte Altmanns nächster Termin beim Friseur Madeleine auf der Jakobstraße wäre genau an dem Tag gewesen, als die Friseure schlossen. Alle zwei oder drei Wochen ist sie normalerweise beim Friseur - "das ist wichtig fürs Selbstbewusstsein. Früher war ich sogar jede Woche beim Friseur." Denn Brigitte Altmann war Fotografin, "und da musste man auch mit der Frisur auf zack sein, wenn am Wochenende die Hochzeiten anstanden." Vom Haarwuchsergebnis nach drei Monaten gibt es auch ein Bild von ihr - sieht gar nicht schlecht aus . "Das haben einige gesagt." Klar habe sie versucht, in der Zeit zuletzt trotzdem ordentlich zu frisieren. "Aber ich habe ganz schön viel Haarspray gebraucht. Ich habe Naturlocken, die sind nicht so leicht zu bewältigen." Und - "das ist wirklich so" - je älter man werde, desto schwerer falle es auch, sich zu frisieren.

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Brigitte Altmann fühlt sich mit frischem Haarschnitt einfach wohler, sagt sie. Früher ging sie sogar wöchentlich zum Friseur: Sie war Fotografin und musste auch an den Wochenenden schick sein - für die Hochzeiten.
Brigitte Altmann fühlt sich mit frischem Haarschnitt einfach wohler, sagt sie. Früher ging sie sogar wöchentlich zum Friseur: Sie war Fotografin und musste auch an den Wochenenden schick sein - für die Hochzeiten. © Martin Schneider

Lockdown: Anlass für Stilveränderung

Für Jutta Schmidt hatte der Lockdown bei den Friseuren einen kleinen Vorteil: Sie hat sich entschieden, etwas längeres Haar zu behalten.
Für Jutta Schmidt hatte der Lockdown bei den Friseuren einen kleinen Vorteil: Sie hat sich entschieden, etwas längeres Haar zu behalten. © Martin Schneider

Der Friseurbesuch hat für Jutta Schmidt einfach mit Wohlfühlen zu tun, "mit Selbstbewusstsein", sagt die 78-jährige Görlitzerin. Im Dezember war sie zum letzten Mal bei ihrem Friseur, dem Chiccobello auf der Elisabethstraße - und nun am Montag wieder. "Für mich ist das derzeit auch der einzige Kontakt", sagt Jutta Schmidt. Normalerweise ist sie alle fünf Wochen beim Friseur. "Ich lege viel Wert auf eine ordentliche Frisur." Selber Hand angelegt an ihr Haar hat sie nicht. "Ich habe einmal selber gefärbt, das ging total daneben." Aber eine gute Sache hatte die Schließung: Mit den etwas längeren Haaren sei sie gar nicht schlecht zurechtgekommen. Deshalb legte Friseurin Jana Mühle nur am Nacken und bei den Spitzen die Schere an. "Ja, der Lockdown war für mich tatsächlich Anlass für eine kleine Typveränderung."

Haarlänge wie in Jugendzeiten

Bei Peggy Schneider und Arndt Schneider kam nach zweieinhalb Monaten ohne Friseur einiges runter an Haar. Sie selbst warten noch, bis sie ihr Café wieder öffnen dürfen.
Bei Peggy Schneider und Arndt Schneider kam nach zweieinhalb Monaten ohne Friseur einiges runter an Haar. Sie selbst warten noch, bis sie ihr Café wieder öffnen dürfen. © Martin Schneider

"So hatte ich zuletzt ausgesehen, als ich Jugendlicher war", sagt Arndt Schneider. Über fünf Zentimeter hat Friseurin Katrin Schneider in Hagenwerder bei ihm auf jeden Fall runtergeschnitten. "Ich hätte mir ein kleines Zöpfchen machen können - wie in den 80er Jahren", scherzt Schneider. Auch bei seiner Frau Peggy kam recht viel Haar ab, Mitte November war sie zuletzt beim Friseur. "Meine Mutter ist Friseurin", sagt sie. "Zur Not hätte sie uns auch die Haare schneiden können. Aber wir haben gesagt, jetzt halten wir durch und gehen zum Friseur, wenn er wieder öffnen darf", so Peggy Schneider. "Wir wissen selbst, wie schwierig es derzeit ist." Die beiden betreiben das Café am Markt in Ostritz. Wann sie wieder öffnen dürfen, wissen sie noch nicht. "Hoffentlich bald, dann sind wir immerhin schon mal schick."

Extra früher auf für eine besondere Kundin

Irmgard Kunze war die erste Kundin im Salon Jasmin in der Görlitzer Südstadt. Obwohl das zeitiges Aufstehen bedeutete, sie ist froh über den Termin.
Irmgard Kunze war die erste Kundin im Salon Jasmin in der Görlitzer Südstadt. Obwohl das zeitiges Aufstehen bedeutete, sie ist froh über den Termin. © Martin Schneider

Für sie hat Friseurin Jennifer Preller früher aufgemacht: "Mir war das wichtig", sagt die Freuseurin vom Salon Jasmin auf der Biesnitzer Straße. Irmgard Kunze ist sonst etwa alle zwei Wochen bei ihr, "seitdem ich vor drei Jahren hierher in die Südstadt gezogen bin", erzählt die 84-Jährige. Am Montag war sie die erste Kundin im Salon Jasmin, "ich habe mich sehr auf den Termin gefreut, ich bin extra zeitig aufgestanden." In den vergangenen Wochen habe sie zumindest versucht, sich die Haare selbst einzudrehen. "Aber mit dem Ergebnis war ich eher verärgert." Auch sie sagt: Friseur gehöre für sie einfach dazu. "Es war für mich auch schwer zu akzeptieren, als die Friseure schließen mussten." Im Salon Jasmin seien die Hygieneregelungen immer gut eingehalten worden, "bei anderen Friseuren bestimmt auch."

Fühlt sich einfach leichter an

Steffen Müller ist Stammkunde im Salon Peter - und dankbar, einen Termin am Montag bekommen zu haben. Obwohl andere fanden, längeres Haar habe auch nicht schlecht ausgesehen.
Steffen Müller ist Stammkunde im Salon Peter - und dankbar, einen Termin am Montag bekommen zu haben. Obwohl andere fanden, längeres Haar habe auch nicht schlecht ausgesehen. © Martin Schneider

Vielleicht drei Zentimeter sind runter und werden im Salon Peter auf der Dr.-Friedrichs-Straße zusammengekehrt. "Alle haben behauptet, ich würde mit längeren Haaren sogar besser aussehen", erzählt Steffen Müller. Er sieht es anders. Die Haare mussten runter. Müller arbeitet derzeit im Homeoffice und Online-Konferenzen laufen ohne Kamera - die Matte hätten die Kollegen also zwar nicht zu Gesicht bekommen, "aber ich fühle mich sonst nicht wohl." Als Jugendlicher habe er das versucht, mit Styling etwas längerer Haare hinzubekommen. Was aber nicht so glücklich gelaufen sei. Deshalb: Kurze Haare. Beim Salon Peter ist der 52-Jährige seit Langem regelmäßiger Kunde. In viele Salons haben die Stammkunden erstmal eine Art "Vorrecht" bekommen. Steffen Müller ist dankbar drüber. "Fühlt sich einfach leichter an."

"Ich hätte einen Blumenstrauß mitbringen sollen"

Heidi Herbrich nach ihrer "Umwandlung". Wieder zum Friseur gehen zu dürfen ist für die Frau aus See ein völlig neues Gefühl.
Heidi Herbrich nach ihrer "Umwandlung". Wieder zum Friseur gehen zu dürfen ist für die Frau aus See ein völlig neues Gefühl. © André Schulze

Für Heidi Herbrich ist der Montag wie eine Neueröffnung ihres Friseurgeschäftes. "Ich hätte einen Blumenstrauß mitbringen sollen", sagt sie, bevor sie "ihren Friseur" am Nieskyer Zinzendorfplatz betritt. "Ich begrüße die Wiedereröffnung, ist ja auch höchste Zeit dafür", erklärt sie. 14 Uhr hat sie ihren Termin, die 72-Jährige ist schon eine Viertelstunde zeitiger da. Sie muss sich bei der "Sibylle" anstellen. Zu viele Kunden um diese Zeit. Einige wollen sich nur einen Termin holen, andere sind zur Fußpflege nebenan bestellt. Eine Stunde später kommt die Seerin strahlend aus dem Salon: "Jetzt fühle ich mich wohl und kann wieder unter die Leute. Die Lockenwickler bleiben in der Schublade." Aller sechs Wochen geht Heidi Herbrich zum Friseur. Beim nächsten Mal hofft sie, nicht mehr mit Maske auf dem Friseurstuhl sitzen zu müssen.

"Bin schnell mal zum Friseur gefahren"

Frank Stoppiera freut sich nicht nur über seinen neuen Haarschnitt nach drei Monaten, sondern auch, dass er am ersten Tag der offenen Friseursalons drangekommen ist.
Frank Stoppiera freut sich nicht nur über seinen neuen Haarschnitt nach drei Monaten, sondern auch, dass er am ersten Tag der offenen Friseursalons drangekommen ist. © André Schulze

Frank Stoppiera hat es doch überrascht, dass er so schnell noch einen Termin bekommt für den ersten Tag. Vor gut einer Woche hat er beim Friseur "Sibylle" angerufen und nach einem Termin gefragt. Am Montag schien bei den Herren noch etwas frei zu sein, also nichts wie hin. Anfang Dezember war er das letzte Mal beim Friseur, dann wurde ja alles geschlossen, erzählt der 65-Jährige. Also blieb ihm nur das Warten bis sein Stammfriseur wieder öffnen durfte. "Die Ohren sind mir zugewachsen, höchste Zeit für einen Schnitt", sagte er noch, bevor er zu seinem Auto verschwand. Denn zu Hause in Ödernitz sind an diesem Tag die Handwerker bestellt - und da sollte es auch weitergehen.

"Die Tochter hat mir den Kopf gewaschen"

Selbst die Haare machen, fällt der 91-jährigen Irmgard Rotter schwer. Umso erleichtert ist sie, dass ihr Friseursalon jetzt wieder offen hat.
Selbst die Haare machen, fällt der 91-jährigen Irmgard Rotter schwer. Umso erleichtert ist sie, dass ihr Friseursalon jetzt wieder offen hat. © André Schulze

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Als eine Erlösung empfindet Irmgard Rotter, dass die Friseure jetzt wieder öffnen dürfen. "Auch wenn das mit Einschränkungen verbunden ist, habe ich mich auf den heutigen Tag schon lange gefreut", sagt die 91-Jährige. Sie lächelt, und dabei rutscht ihr die Maske von der Nase. Ja, es gestaltet sich schon schwierig, sich mit Maske frisieren zu lassen. "Aber das Ergebnis kann sich sehen lassen", betont die Nieskyerin. Anfang Dezember hatte sie ihren letzten Friseurtermin bei der Sibylle. Dank ihrer Tochter ist sie einigermaßen über die friseurlose Zeit gekommen. "Die Tochter hat mir den Kopf gewaschen", erklärt sie und meint damit ihre Haare. Denn in ihrem Alter ist sie nicht mehr so gelenkig, um das selbst zu machen. In normalen Zeiten geht Frau Rotter aller zwei Wochen zum Friseur. Am Montag ließ sie waschen, schneiden und eine Lockwelle machen.

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