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"Unsere Coronapatienten sind diesmal jünger"

Stefan Zeller leitet die Coronastation des Görlitzer Klinikums. Wie die Lage derzeit ist, sagt er im SZ-Gespräch.

Dr. Stefan Zeller ist Chefarzt der Geriatrie, der Altersmedizin am Städtischen Klinikum Görlitz.
Dr. Stefan Zeller ist Chefarzt der Geriatrie, der Altersmedizin am Städtischen Klinikum Görlitz. © Paul Glaser

Als die Coronapandemie begann, waren vor allem ältere Menschen schwer betroffen. Deshalb wurde damals Stefan Zeller, Chefarzt der Geriatrie am Görlitzer Klinikum, auch zum Leiter der Coronastation. Die dritte Welle nun bringt häufiger jüngere Patienten auf Corona- und Intensivstation. Wie die Lage dort derzeit ist und was mit Menschen, die mit Herzinfarkt eingeliefert werden, passiert.

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Herr Dr. Zeller, wie ist aktuell die Lage auf der Coronastation des Städtischen Klinikums?

Sie ist schon noch angespannt. Es gibt die dritte Welle wirklich, das muss man so sagen. Es ist nicht so schlimm wie um den Jahreswechsel. Wir haben aktuell 34 Covid-Patienten, von ihnen sind neun auf der Intensivstation. Außerdem haben wir noch Verdachtspatienten.

Das sind Patienten, die mit Symptomen zu Ihnen gekommen sind, wo aber noch nicht feststeht, ob es sich um Corona handelt?

Die meisten kommen über die Notaufnahme mit Symptomen zu uns. Manche waren aber auch schon positiv getestet und kurierten eine Woche lang ihre Symptome aus. Eine Covid-Erkrankung verläuft häufig wellenartig: Sie beginnt bei vielen mit Fieber oder anderen Symptomen, es folgt ein Intervall, in dem es einem besser geht. Und bei einem kleinen Teil der Patienten kommt es in der Folge zu einem zweiten Schub. Diese Patienten sehen wir dann oft im Krankenhaus, weil es ihnen wirklich nicht gut geht.

Was macht die dritte Welle aus?

Zum einen sicher, dass ein Teil der Betroffenen jünger ist. Wir haben im Klinikum einen recht hohen Anteil von Patienten zwischen 30 und 50 Jahren, die auch schwer erkrankt sind. Das hatten wir in der ersten und auch in der zweiten Welle so nicht, als eher die Hochbetagten betroffen waren.

Liegen Zahlen zum Alter der derzeitigen Corona-Patienten vor?

Grob geschätzt würde ich sagen, dass mindestens die Hälfte unter 80 Jahre alt ist.

Was bedeutet die dritte Welle für die Behandlung und Pflege? Aus den Zahlen des Landkreises könnte man schließen, dass weniger Patienten ins Krankenhaus müssen, aber von ihnen verhältnismäßig viele auf Intensivstation.

Ja, man kann das so sagen. Die Intensivstation ist derzeit immer voll ausgelastet. Für das Personal bedeutet die Arbeit auf der Normal- und auch auf der Intensivstation auch in der dritten Welle eine hohe psychische Belastung, denn die schwerkranken Menschen müssen über einen sehr langen Zeitraum betreut werden. Weil auch das immer wieder Thema ist: Niemand kommt grundlos ins Krankenhaus, sondern nur Menschen, die stationär versorgt und stabilisiert werden müssen. Auch der Aufwand der Betreuung ist sehr hoch, daran hat sich nichts geändert. Einen Coronapatienten auf der Normalstation zu betreuen, bedeutet etwa den doppelten Aufwand als üblich. Auf der Intensivstation sogar etwa den vierfachen. Man muss sich immer in Schutzkleidung begeben, um den Patienten mit allen notwendigen Handgriffen zu betreuen. Das ist schon auch körperlich sehr belastend.

Macht es einen Unterschied, dass mehr jüngere Menschen Ihre Patienten sind? Sind sie vielleicht doch schneller wieder genesen?

Es hängt immer von den Begleitfaktoren ab. Die Jüngeren erkranken oft mit einem leichteren Verlauf. Die Gefahr eines schweren Verlaufs steigt mit dem Alter und den Risikofaktoren. Das sagt die Statistik – es heißt aber nicht, dass die Unter-50-Jährigen nicht krank werden, sondern nur die Über-80-Jährigen. Die Wissenschaft weiß noch nicht hundertprozentig, welche Faktoren eine Rolle spielen. Bestimmte Sachverhalte sind mittlerweile bekannt, zum Beispiel, dass Menschen mit einer Immunschwäche, Tumorerkrankung oder Lungenvorerkrankung ein höheres Risiko haben. Doch bei vielen anderen Punkten ist die Zeit einfach noch zu kurz, um Langzeitverläufe zu erforschen. Ein bereits schwerkranker Patient hat sicherlich wesentlich schlechtere Chancen als einer, bei dem man frühzeitig eine nichtinvasive Beatmung und andere Optionen ausschöpfen kann. Aber die Entscheidung für eine bestimmte Therapie treffen wir unabhängig davon, ob ein Patient 30, 50 oder 80 Jahre alt ist. Deshalb ist die Impfung so wichtig, um einen gewissen Schutz zu haben.

Bei Ihnen im Klinikum finden seit Donnerstag die Zweitimpfungen statt für Görlitzer, die es nicht zum Impfzentrum nach Löbau schaffen. Wie wurde das angenommen?

Extrem gut. Wir wurden angefragt, ob wir uns bereit erklären würden, bei den lokalen Impfaktionen im Kreis mitzumachen. Die Termine für die Erstimpfungen vor drei Wochen waren in einer halben Stunde weg. Wenn wir die Zeit, in der Menschen geimpft werden können, verkürzen können, dann machen wir das auch. Ich selbst habe auch mitgeimpft. Die Menschen waren sehr dankbar und teils überrascht, wie reibungslos das ging. Das war schon eine Herausforderung, da wir im Klinikum innerhalb weniger Tage eine komplette Infrastruktur dafür aufgebaut haben. Das hat dank allen, die sich daran beteiligt haben, wirklich super geklappt.

Wie ist es im Klinikum selbst? Hat das Personal sich impfen lassen oder herrscht auch eine gewisse Impfskepsis unter Ärzten und Pflegern, wie man manchmal hört?

Ob alle geimpft sind, weiß ich nicht, aber der Großteil schon. Es gibt auch Mitarbeiter, die selbst erkrankt waren und jetzt zumindest noch einen gewissen Schutz haben. Und es gibt sicher einen Teil, der nicht geimpft ist, aber der ist nicht groß. Eine Zeitlang hatte das Klinikum Impfdosen für das Personal direkt erhalten. Das ist seit einigen Wochen aber leider nicht mehr so. Wir hoffen, dass sich das wieder ändert, sodass wir auch intern wieder impfen können.

Sie sprachen die psychische Belastung für Pfleger und Ärzte an. Wie geht es ihnen nach einem Jahr in der Coronapandemie?

Es ist sehr anspruchsvoll, das so lange durchzuziehen, auch wenn wir auf der anderen Seite mittlerweile inzwischen eine gewisse Routine haben. Am Anfang wussten wir alle ja nicht, was auf uns zukommt, wie man sich selbst schützt und die Patienten am besten behandelt. Wir mussten bei null anfangen, uns mit diesem Virus auseinandersetzen und improvisierten viel, zum Beispiel mit den selbstgebauten Visieren damals. Jetzt sind Abläufe eingespielt und Hygienemaßnahmen klar. Die Impfungen geben uns eine gewisse Sicherheit – damals war die Angst, sich zu infizieren ungemein höher. Andererseits ist die Belastung nach wie vor hoch, weil wir auch Menschen verlieren - das ist leider so. Aber wir haben auch mehr Wissen über Therapiemöglichkeiten. Es gab einen Lernprozess, mit der Coronapandemie umzugehen, und der geht auch weiter. Ich denke, das Thema wird uns noch eine Weile beschäftigen, nicht nur im Klinikum, sondern gesamtgesellschaftlich.

Intensivbetten und deren Abbau waren schon vor der Coronakrise ein Thema. Haben sich die Intensivkapazitäten als ein großes Problem herausgestellt?

Im Klinikum haben wir 24 Intensivbetten. Aktuell sind die Hälfte davon Covid-Intensivbetten. Die sind immer relativ gut gefüllt, wir haben manchmal elf der zwölf Betten belegt. Wenn sich abzeichnet, dass die Intensivkapazitäten nicht mehr ausreichen, können wir verlegen nach Dresden und Leipzig. Das hat immer gut funktioniert. Deshalb waren wir noch nie in der Situation, in der wir keine Patienten mehr hätten nehmen können. Zum Glück.

Was passiert, wenn jemand mit einem Herzinfarkt eingeliefert wird?

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Dann wird er bei uns behandelt. Die Notfallbehandlung ist immer gesichert. Die Frage ist eher, ob man geplante, nicht lebensentscheidende Operationen verschieben kann. Wir sind nicht im Normalbetrieb derzeit. Wir hatten im Februar wenige Wochen, in denen sich die Lage so entspannt hatte, dass man darüber nachdenken konnte, in den Normalbetrieb zurückzukehren. Aber dann kam die dritte Welle und wir mussten eine Rolle rückwärts machen. Alle dringlichen, notwendigen Eingriffe finden dennoch statt.

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