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Corona: Wie bewahren wir Kinder vor Langzeitschäden?

Die Görlitzer Kindheitspädagogin Andrea Eckhardt sieht Kinder im SZ-Gespräch nicht nur als Verlierer, sondern auch als Gewinner der Pandemie.

Andrea Eckardt lehrt frühkindliche Bildung an der HSZG. um manche Kinder macht sie sich in der Krise Sorgen.
Andrea Eckardt lehrt frühkindliche Bildung an der HSZG. um manche Kinder macht sie sich in der Krise Sorgen. © Nikolai Schmidt

Andrea Eckhardt ist derzeit auch im Homeschooling: Von zu Hause aus unterrichtet sie ihre Studenten an der Hochschule Zittau-Görlitz. Sie ist Professorin für Pädagogik der Kindheit. Seit der Coronakrise hat sich in ihrer Lehre manches verändert. Wie ist es besser möglich, Kinder und Jugendliche an Bildung zu beteiligen, wenn sie nicht in Kita oder Schule sein können? Gerade im Landkreis Görlitz mussten durch die hohen Infektionszahlen, im Winter auch durch zahlreiche Coronaausbrüche in den Schulen, viele Kinder öfter zu Hause bleiben. Was das für sie bedeutet und was Eltern tun können.

Frau Professor Eckhardt, laut mehrerer Studien fühlen sich Minderjährige in der Krise zu wenig gehört. Auch bei den Impfungen gibt es die Frage: Sind die Kinder immer die Schlusslichter?

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Viele Entscheidungen, die anfälligsten Personengruppen zu schützen, halte ich für verständlich. Und durch das Zurückgeworfensein auf die Familie ging es auch oft darum, Familien zu schützen. Trotzdem, denke ich, müssen wir uns stärker Mühe geben, dass niemand vergessen wird. Und Kinder haben keine starke Lobby. Auch die Eltern, die ihrer Arbeit nachgehen und die Kinder gleichzeitig betreuen müssen, fühlen sich mitunter in einer Zerreißprobe. Ich würde nicht sagen, dass die Kinder in der Krise vernachlässigt werden, aber es gibt durchaus Punkte, in denen sie das Schlusslicht sind.

Schlecht vorbereitete Schulen - schlecht vorbereitete Lehrer

Was könnte man besser machen?

Im frühkindlichen Bereich gelingt es einigen Einrichtungen zum Teil gut, Kontakt zu den Elternhäusern aufzubauen, wenn die Kinder nicht in der Kita sein können. Manche Pädagogen halten Kontakt über Videokonferenzen und Telefon oder stellen Mappen mit Aufgaben zusammen, die Eltern mit den Kindern machen können. So unterstützen sie Eltern und räumen ihnen eine Verschnaufpause ein. Das kann ein Vorlesen am Bildschirm sein oder eine Zusammenschalte der Kinder online. Auch für die Kinder ist es wichtig, dass der Kontakt zu Bezugspersonen in der Kita erhalten bleibt. Einige Kitas und Träger bemühen sich sehr um die Kinder und ihre Familien. Bei vielen Schulen – nicht bei allen – ist mein Eindruck, wurde der vorige Sommer verpasst.

Inwiefern?

Eine weitere Welle im Herbst oder Winter war nicht unwahrscheinlich. Im Nachhinein kann man schon sagen, dass über den Sommer die digitalen Kapazitäten und die Fortbildung der Lehrkräfte nicht so ausgebaut wurden, wie es nötig gewesen wäre. Auch jetzt im Wechselunterricht funktioniert oft der Kontakt zwischen Lehrern und Kindern nicht so, wie es erforderlich wäre. Es ist sehr unterschiedlich, wie viele Aufgaben Schüler bekommen, welche Rückmeldesysteme es gibt. Das ist nicht sehr gut organisiert. Ich denke, dass viele Lehrkräfte in ihrem digitalen Know-How vorangebracht werden müssen.

Von Schülern hört man häufig: Bei manchen Lehrern klappt der Online-Unterricht, bei anderen nicht so. Inwiefern sind die Lehrer auch selbst verantwortlich?

Es muss Möglichkeiten geben, Lehrer fortzubilden. Aber natürlich ist jeder Pädagoge, auch in den Kitas, für seine Profession und die Ausübung verantwortlich. Lehrer und Erzieher müssen sich fragen: Inwieweit gelingt es mir, die Kinder zu erreichen, die nicht vor Ort sind? Wie kann ich den Kontakt halten? Älteren Schülern kann man mehr Verantwortung übertragen, dennoch sind Aufgaben passend vorzubereiten, muss das Ganze digital begleitet werden. Teils funktionieren die Lernplattformen nicht, wie sie sollten, aber wo es Möglichkeiten gibt, muss man sie nutzen. Da sehe ich auch die Verantwortung der Lehrkräfte.

Eltern tun viel, um Freiräume für Kinder zu ermöglichen

Was bedeutet so eine Krise für Kinder?

Kinder verarbeiten solche Situationen sehr unterschiedlich. Es spielt eine große Rolle, wie belastet die Familie ist. Manche Kinder organisieren sich ihre Freizeit selbst, auch unter widrigen Bedingungen. Die stecken das besser weg. Andere Kinder spüren den Druck, der auf den Eltern lastet. Ein Problem ist, dass vielen der Austausch mit Gleichaltrigen fehlt. Das wird umso bedeutsamer, je älter die Kinder sind. Das Zusammensein nur mit den Eltern oder jüngeren Geschwistern ist für Jugendliche sehr schwierig. Sie brauchen ihre Peers, um sich an denen zu orientieren, mit ihnen zu lernen, Dinge zu erleben. Jugendliche finden auch Wege, organisieren sich selbst über Online-Plattformen. Die Kehrseite: Wir wissen inzwischen, dass viele Kinder zu viel Zeit mit den digitalen Medien verbringen. Ich hoffe, dass schöneres Wetter alles ein bisschen nach draußen verlagert und die Infektionszahlen so weit sinken, dass man sich zumindest eingeschränkt treffen kann.

Was können Eltern tun, um es leichter zu machen?

Ich glaube, Eltern tun schon sehr viel, in diesem Druck Freiräume zu schaffen. Man kann versuchen, ganz bewusst Pausen zu setzen: Wir machen einen Spielenachmittag, gehen spazieren, verbringen Zeit miteinander, planen kleine Höhepunkte. Ich glaube aber, dass Eltern nicht viele Möglichkeiten haben, weil sie selbst belastet sind. Wir wissen aus Studien, dass Eltern in angestrengten Situationen als Erstes alles tun, damit es den Kindern gut geht.

Kitas und Schulen können Eltern nicht verändern

Manche Eltern sind massiv gegen die Coronaregeln, vor allem Masken- und Testpflicht. Was bedeutet das für die Schulen und Kitas?

Dazu gibt es auch Berichte aus Kitas. Wenn Kinder bei Eltern aufwachsen, die den Maßnahmen sehr kritisch gegenüberstehen, spiegeln sie das auch in den Einrichtungen. Fachkräfte können darauf reagieren, indem sie darauf achten, dass die geltenden Regeln umgesetzt werden. Aber wir können über die Kinder nicht die Kommunikation in den Elternhäusern verändern.

Sollte man als Eltern nicht versuchen, ihre Kinder vor diesem Druck, diesen Ängsten zu bewahren?

Das gelingt nur bedingt. Ob jemand gegen die Coronaregeln ist oder ganz andere Schwierigkeiten hat, man als Alleinerziehender zum Beispiel Beruf und Betreuung des Kindes unter einen Hut bringen muss: Dieses Angespanntsein wird, ob man will oder nicht, zumindest ein Stück weitergegeben. Es gelingt sicher manchen besser, Druck herauszunehmen, anderen weniger. Von Elternhäusern, die dem Ganzen kritisch gegenüberstehen, lässt sich daher nicht erwarten, dass Kinder komplett andere Meinungen haben. Man kann als Pädagoge aber verdeutlichen, welche Regeln in Schule und Kita gelten und klarstellen, dass Maske und Tests dort zum Alltag gehören und wichtig sind, um andere zu schützen.

Kinder haben jetzt höhere digitale Kompetenzen

Immer wieder geht es Coronagegnern um "irreparable Schäden", die Kindern zugefügt würden. Was ist da dran?

Dem kann ich nicht zustimmen. Man muss differenziert auf die Lebenswelten der Kinder schauen, auch darauf, wie widerstandsfähig sie mit Situationen umgehen. Ich sehe die Gefahr, dass Kinder, die bereits benachteiligt sind, noch weiter abgehängt werden. Wir wissen von Kinderärzten, dass mehr Kinder als früher psychologische Unterstützung benötigen, weil sie sich zum Beispiel überfordert fühlen, sich ihre Zeit im Homeschooling selbst zu strukturieren. Lehrpläne werden angepasst, um auf Ausfallstunden zu reagieren – auf Lerndefizite muss in den nächsten Schuljahren weiter reagiert werden. Ich finde es wichtig, Langzeitfolgen nicht aus dem Blick zu verlieren. Gerade die Kinder, die wir in den Schulen jetzt nicht erreichen können, müssen die Chance haben, Lernstoff nachzuholen. Wir müssen Wege finden, dass die Kinder nicht "bestraft" werden, sondern sie weiter mitnehmen. Dabei geht es auch darum, Kontakte wieder aufzubauen, die jetzt unterbrochen sind.

Gibt es Positives, das Kinder aus der Krise mitnehmen können?

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Ja, ich finde, viele Kinder haben sich sehr gut organisiert. Welche Aufgabe mache ich wann? Dann gibt es eine Onlinekonferenz, was muss ich dafür erledigt haben? Es wird von den Kindern sehr viel erwartet. Das sind Kompetenzen, die wir wertschätzen müssen. Gerade auch, wenn ich den Umgang im Digitalen sehe, dass die Kinder heute in der Lage sind, ganz anders mit Programmen und sozialen Medien umzugehen, als das vor einem Jahr der Fall war. Auch das ist etwas, worauf man aufbauen sollte.

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