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Gegenwind für Stöckers Impfprojekt

In den sozialen Medien bekommt Winfried Stöcker viel Zuspruch. In der medizinischen Fachwelt sieht es anders aus.

Winfried Stöcker sprach bei "Stern TV" über seine Impfung.
Winfried Stöcker sprach bei "Stern TV" über seine Impfung. © Screenshot Stern TV

Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen. Sowohl das Paul-Ehrlich-Institut als auch das Landesamt für soziale Dienste hatten Anzeige gegen den Unternehmer und Mediziner Winfried Stöcker gestellt. Es geht um seinen Corona-Impfstoff. Wie sein Anwalt Wolfgang Kubicki mitteilt, laufen beide Verfahren noch, ein Verwaltungs- und ein Ermittlungsverfahren.

Winfried Stöcker hatte einen Coronaimpfstoff entwickelt, voriges Jahr einen Selbstversuch gestartet und mittlerweile über 100 freiwilligen Patienten sein Vakzin verabreicht. Der Vorwurf: Er habe sich nicht an die üblichen Verfahren zur Genehmigung eines Impfstoffes gehalten, wie sie beispielsweise Biontech oder Astra-Zeneca durchlaufen mussten. Dabei geht es um die klinischen Studien, die Grundlage für eine Zulassung sind. Wie wichtig sie sind, darüber stritt Stöcker vor Kurzem bei "Stern TV" mit dem Virologen Alexander Kekulé und dem SPD-Gesundheitsbeauftragten Karl Lauterbach.

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Stöcker verweist auf seine berufliche Erfahrung, das unkomplizierte Verfahren, vor allem die Wirksamkeit. Kekulé und Lauterbach zeigten sich gegenüber seinem Vorgehen, auch einzelnen Patienten einen Impfstoff ohne klinische Studie zu verabreichen, kritisch: "Das ist eine Gefährdung", so Lauterbach. "Ich kann nicht als Arzt einfach hingehen und sagen, das ist mein Patient, ich behandle den, wie ich will." Stöcker sieht es anders. Auf seinem Internet-Blog wendet er sich mit seinen Argumenten aus der Sendung in einem offenen Schreiben an Lauterbach: "Nach unserer Verfassung (!!!) hat der Arzt das Grundrecht zum Behandeln eines Patienten mittels Substanzen, die er sich selbst hergestellt hat", schreibt er.

Kein Ersatz für klinische Studien

In den Kommentaren auf seinem Blog und in den sozialen Netzwerken erhält Winfried Stöcker Zuspruch für sein Engagement, gerade in der Oberlausitz, wo man ihn als Gründer des Unternehmens Euroimmun und Besitzer des Görlitzer Kaufhauses kennt. Immer wieder auch der Hinweis, wo die Medizinwelt stehen würde ohne Selbstversuche, ohne Pioniere. Eine Online-Petition, mit der eine Schnellzulassung seines Impfstoffs erreicht werden soll, haben über 17.000 Menschen, darunter auch Oberlausitzer, unterzeichnet. Ziel sind 50.000 Unterschriften.

Aber in der Fachwelt mehren sich auch kritische Stimmen. Tatsächlich habe es berühmte Selbstversuche in der Medizin gegeben, sagt etwa Markus Löffler, Experte für klinische Studien, in einem Interview mit dem Spiegel. Trotz aller Erfolge, die aus manchem Selbstversuch resultierten in der Medizingeschichte, gebe es Einschränkungen: "Er ist immer anekdotisch. Er kann folglich nur Hinweise geben. In diesem Sinne kann er wertvoll sein, aber er ersetzt niemals klinische Studien."

Sowohl Löffler als auch die österreichische Virologin Petra Falb fragen auch, wie wirksam Stöckers Vakzin tatsächlich ist. Denn dabei gehe es um mehr Aspekte als die Antikörper gegen das Coronavirus. Vor allem fragen sich viele, warum sich Stöcker nicht einen klinischen Partner für eine Zulassungsstudie gesucht hat. So auch Alexander Kekulé bei Stern TV: "In der Situation damals hätten Sie sofort einen großen Partner gebraucht." Hätte Winfried Stöcker den damals gehabt, hätte er gar schneller sein können als andere.

Er habe einen Weg gesucht, in der Coronapandemie schnellstmöglich so viele Menschen wie möglich zu immunisieren, hatte Winfried Stöcker immer dagegengehalten. Gerade dann brauche es hohe Sicherheit, so Alexander Kekulé.

Dass ein Massenimpfstoff daraus wird, nimmt Roger Hillert, Epidemiologe am Medizinischen Labor Ostsachsen, nicht an, "wenn man so an die Sache herangeht." Er zweifle dabei nicht, dass der Impfstoff wirke, sieht aber ebenfalls das Vorgehen Stöckers skeptisch.

Es gibt Unsicherheitsfaktoren

Stöckers Impfstoff, erklärt Hillert, beruhe auf einem bestimmten Eiweiß, dem Spike-Protein. "In Darstellungen des Coronavirus sind das diese Knubbel außen. Das ist ein Protein, das sich im Körper an die Zellen anheften kann", schildert Hillert. Das Spike-Protein alleine könne keinen Schaden anrichten, "es kann sich auch nicht vermehren. Aber es kann eine Immunantwort hervorrufen. Darum geht es, um die Immunisierung", so Hillert. "Der Ansatz ist nicht falsch."

Das betonen auch andere Wissenschaftler. Eine solche Impfung könne sogar besonders nebenwirkungsarm sein. "Novavax zum Beispiel wird ebenfalls ein proteinbasierter Impfstoff sein", erklärt Hillert. Novavax ist derzeit in Phase III der klinischen Studien, die auch er als äußerst wichtig ansieht.

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"Selbst wenn das Protein an sich ungefährlich ist, gibt es Unsicherheitsfaktoren, die man klären muss. Ich muss zum Beispiel trotzdem die richtige Dosierung kennen. Die Verträglichkeit ist zu prüfen." Die allermeisten Impfstoffe benötigen außerdem sogenannte Adjuvantien."Das sind Zusatzstoffe, die die Immunantwort verstärken oder erst auslösen." Die kommen auch in Stöckers Impfstoff zum Einsatz, wie er auf seinem Blog beschreibt. Auch dabei komme es auf Wirksamkeit, Verträglichkeit, Dosierung an, sagt Hillert. "Genau darum geht es in den Studien. Letztlich vor allem um die Sicherheit."

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