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Die alte Stadthalle ist Görlitz lieb und teuer

Die bedeutende Kulturstätte von 1910 erlebte Glanzzeiten und Tiefpunkte. Sie wartet auf ihre Wiedergeburt.

1910 wurde das imposante Gebäude eingeweiht. Zu ihm gehörte auch ein großer Garten.
1910 wurde das imposante Gebäude eingeweiht. Zu ihm gehörte auch ein großer Garten. © Repros: Ratsarchiv Görlitz / Sammlung R. Schermann

Nach langen Jahren des Hoffens und Bangens steht jetzt 2025 als Ziel. Dann soll die Görlitzer Stadthalle endlich wieder komplett öffnen, in diesen Tagen läuft die Feinplanung dafür. Die eine oder andere Ausnahmeveranstaltung soll es bis dahin auch schon geben, vor allem 2021 im Rahmen der 950-Jahr-Feier von Görlitz. Sich des für Görlitz so bedeutenden Hauses zu erinnern, ist also nicht verkehrt, verbinden sich mit ihm doch so manche Schicksale.

Vor allem für Ernst Bernhard Sehring verband sich mit der Görlitzer Stadthalle eine schicksalhafte Zeit. Der 1855 geborene Architekt hatte sich schon als junger Mann einen Namen als Spezialist für Theaterbauten gemacht und 1881 den Schinkelpreis für seine Entwürfe zur Berliner Museumsinsel erhalten, als er mit dem Entwurf der Görlitzer Stadthalle beauftragt wurde. Doch als bei diesem Bau am 9. Mai 1908 die Betondecke einstürzte und fünf Arbeiter den Tod fanden, wurde Sehring verhaftet. Der Prozess zog sich über zwei Jahre hin, alle Beschuldigten aber wurden freigesprochen, und Sehring konnte die Stadthalle vollenden.

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Als sich am 27. Oktober 1910 mit großem Aufwand die feierliche Einweihung vollzog, war auch der Architekt mit von der Partie und das große Unglück fast schon wieder vergessen. Die Grundlage für die Stadthalle bildeten die Schlesischen Musikfeste. Begründet 1876 in Hirschberg, sollten sie damals in Görlitz etabliert werden. Hier aber fehlten geeignete Räume. Dennoch fanden sie ab 1878 neben Breslau immer wieder auch in Görlitz statt. Quartier bot ihnen recht und schlecht eine alte Ausstellungshalle, die vom Wilhelmsplatz an das Neißeufer versetzt wurde. Der Bau einer neuen, passenderen Halle indes wurde immer wieder gefordert. Doch erst war die Oberlausitzer Gedenkhalle (heute Dom Kultury) wichtiger.

Der Garten während einer Konzertpause kurz nach der Eröffnung der Görlitzer Stadthalle.
Der Garten während einer Konzertpause kurz nach der Eröffnung der Görlitzer Stadthalle. © Repros: Ratsarchiv Görlitz / Sammlung R. Schermann

Erst 1897 reiften Ausschreibungen für eine Stadthalle, zumal in ganz Deutschland immer mehr Musikhallen den Görlitzern als Vorbild dienten. Allerlei Kommissionen wurden begründet, über eine Lotterie 300.000 Reichsmark erwirtschaftet, am Ende kostete der Bau allerdings 1,14 Millionen. Von Anfang an wurde die Stadthalle als Mehrzweckeinrichtung geplant, und als solche diente sie mehreren Generationen für die verschiedensten Zwecke, für Konzerte, Ausstellungen, Sportveranstaltungen, politische Feiern und sogar als Fernsehstudio für viele Dutzende Direktübertragungen und Aufzeichnungen. Sie erreichte letztlich ein Millionenpublikum, bis nach knapp hundert Jahren eine Diskussion über ihre Sanierung entbrannte.

Der nach Jahrzehnten erreichte Zustand ließ keine komplette Weiternutzung mehr zu. 1910 war diese Zukunft noch weit. Damals gab es ein tolles Eröffnungskonzert mit dem Philharmonischen Orchester Berlin und 400 Görlitzer Chorsängern unter Leitung von Karl Muck, dem Generalmusikdirektor der Königlichen Hofoper. Honoratioren waren zuhauf angereist, allen voran der legendäre Mäzen der Schlesischen Musikfeste, Bolko Graf von Hochberg.

Der Görlitzer Großindustrielle Erwin Lüders aus der Familie der Waggonbaubesitzer bezahlte gar eine Marmorbüste des Grafen, die im ersten Rang aufgestellt wurde. Die mächtige Orgel der Firma Wilhelm Sauer ließ den Festakt zu einem erhabenen Erlebnis werden. Otto Müller, der Görlitzer Bibliotheksmäzen, hatte für das Instrument 15.000 RM gespendet. Beethovens „Freude schöner Götterfunken“ donnerte zum Abschluss der Einweihung durch den großen Saal mit 1.900 Plätzen. Jetzt ist das Haus seit Jahren schon still und verschlossen. Nur die Orgel wird einmal monatlich zur erhaltenden Pflege bespielt. Sie klingt dabei stets etwas wehmütig.

Jüngst aber scheint sie auch mit wieder fröhlicheren Tönen vermischt. Die Sanierung als erneute Mehrzweckhalle, oft wegen der Kosten von über 40 Millionen Euro be- und zerredet, schon mal illusorisch für 2021 angedacht, scheint nun tatsächlich in Sicht, ebenso ein zur Neißeseite hin möglicher Anbau. Ein Förderverein hat sich mächtig dafür ins Zeug gelegt, die Stadtverwaltung aber auch kräftig um Unterstützer geworben. Mit dem Kulturservice Görlitz laufen bereits auch schon Kontakte mit Gastspielagenturen, um die altbewährte und dann doch neue Kulturhalle rechtzeitig in Tourneepläne einbinden zu können. Dass da jetzt so mancher schon daran denkt, mal wieder ein Schlesisches Musikfest an historischer Stätte zu erleben – warum eigentlich nicht?

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