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Warum sie Tausende Zigarrenstummel sammelt

Inge Müller sammelt in Görlitz Müll ein. Das tut sie für den Umweltschutz und kommt dabei mit Leuten ins Gespräch. Bekehren will sie keinen, aber nachdenklich machen.

Hier, an der Bushaltestelle in der Alfred-Fehler-Straße im Görlitzer Stadtteil Rauschwalde, wird Inge Müller immer fündig. Ein Abfallbehälter fehlt hier.
Hier, an der Bushaltestelle in der Alfred-Fehler-Straße im Görlitzer Stadtteil Rauschwalde, wird Inge Müller immer fündig. Ein Abfallbehälter fehlt hier. © Martin Schneider

Einmal in der Woche zieht Inge Müller los, um zu sammeln, was andere gedankenlos wegwerfen. Sie verdient damit kein Geld, und manchem fällt es gar nicht auf, dass sich die Görlitzerin in ihrem Wohnumfeld für den Schutz eines besonders wertvollen Gutes einsetzt: Die 82-Jährige sammelt weggeworfene Zigarettenkippen ein, damit diese nicht das Grundwasser verseuchen.

Die Menschheit vernichtet ihre Umwelt

Inge Müller lebt zurückgezogen im Görlitzer Stadtteil Rauschwalde. Und sie lebt sehr bewusst. Aus ihrer Wohnküche blickt sie auf große Walnussbäume, die eine reiche Nussernte versprechen. Ein paar getrocknete Zweige hängen neben den Kippfenstern und sollen verhindern, dass sich Mücken in die Wohnküche verirren. Die stechenden Insekten mögen keinen Walnussbaum, hatte Frau Müller gehört.

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Überhaupt lebt die 82-Jährige, der man ihr Alter weder ansieht noch angesichts ihrer Vitalität abnehmen möchte, sehr naturbewusst. Sie liebt Gärten mit Kräutern, Wälder, Parks mit Teichen und die Walnussbäume vor dem Fenster. Es treibt sie um, dass die Menschheit die Natur so wenig schätzt und auf dem besten Wege ist, die Umwelt völlig zu vergiften - eben auch mit Zigarettenkippen.

Etwa 4,5 Billionen - das ist eine 4,5 mit elf Nullen dran - Zigarettenstummel hinterlassen Raucher weltweit jedes Jahr. Fast drei Viertel davon werden nicht in Abfallbehältern entsorgt, sondern achtlos weggeworfen. Sie liegen auf Gehsteigen und Straßen, am Strand, auf Waldwegen und Wiesen, eigentlich überall. Zigarettenstummel spielen, auch wenn sie sehr klein sind, in der Abfallstatistik eine große Rolle. Allein der US-Bundesstaat Kalifornien gibt nach Angaben von Umweltschützern jedes Jahr etwa 41 Millionen Dollar aus, um Tabakkippen zu beseitigen.

Ein Stummel verseucht 40 Liter Wasser

Inge Müller sammelt die Kippen ein, seit sie vor etlichen Jahren einmal eine Dokumentation im Radio hörte. Das war in der Zeit, als sie noch in Norddeutschland lebte. Erst vor etwa zehn Jahren kam sie an die Neiße. Sie konnte damals gar nicht glauben, dass eine weggeworfene Kippe bis zu 40 Liter Grundwasser verunreinigen kann.

Doch sie weiß: Zigarettenstummel beeinflussen das Leben von Menschen, Tieren und Pflanzen. Bis zu 4.000 schädliche Stoffe sind in einer Zigarettenkippe zu finden. Die machen die Kippe zum Sondermüll. Schädlich ist übrigens nicht nur der Zigarettenfilter, sondern auch der Tabakrest. Die Filter bestehen nicht wie häufig vermutet, aus Baumwolle, sondern aus Kunststoff, der in der Natur schwer abbaubar ist.

Mit den Leuten im Gespräch

So beschloss die Neu-Görlitzerin, die gern und oft in der Natur unterwegs ist, wenigstens ihr Wohnumfeld von den Zigarettenkippen zu befreien. Zwei bis dreimal in der Woche unternimmt sie einen Spaziergang und sammelt auf der Strecke alle Zigarettenkippen auf. Etwa anderthalb Stunden ist sie unterwegs. Einen bereits gebrauchten Beutel aus Plastik nimmt sie dafür mit und Handschuhe. "Vor allem an den Haltestellen finden sich Zigarettenkippen", erklärt sie. Meistens wird der Beutel voll. Den entsorgt sie dann in einem der wenigen öffentlichen Abfallbehälter in Rauschwalde.

Inge Müller sammelt jedoch nicht nur die Kippen ein, sie spricht die Menschen auch an, wenn sie gerade eine Kippe weggeworfen haben, oder erklärt Jüngeren und Älteren, was sie da eigentlich tut, vor allem warum. "Erstaunt war ich, dass die Görlitzer Verständnis für meine Kippensammelei zeigen und viele ins Nachdenken kommen über die Gedankenlosigkeit der schnell hingeschmissenen Kippe", sagt sie. Hier, in Görlitz, seien die Menschen viel offener für ihr Anliegen als die in Norddeutschland, weswegen sie dort resigniert aufgegeben habe und erst hier wieder anfing, zu sammeln.

Steter Tropfen höhlt den Stein

Oft kommt sie mit den Leuten ins Gespräch. "Ich will Raucher gar nicht bekehren, sondern aufklären, wie wichtig die Natur für uns alle ist und dass jeder sie schützen kann", erklärt sie. Und wenn es nur durch die richtige Entsorgung der Zigarettenstummel ist. "Wir können die Welt nur retten, wenn alle dabei mitmachen und ein neues Miteinander entwickeln", ist die 82-Jährige überzeugt.

Dieses Mitmachen hätte sie gern auch aus dem Görlitzer Rathaus gehört. Zwar sei man bei einem Anruf im Ordnungsamt nicht abweisend gewesen, aber dort habe man wohl resigniert, vermutet die Rauschwalderin. "Vor etlichen Jahren habe man Zigarettenstummel eingesammelt, aber letztlich habe das nichts gebracht, wurde mir gesagt." Doch Inge Müller will nicht aufgeben. "Wenn das Problem immer wieder öffentlich angesprochen wird, gibt es vielleicht eine Bewusstseinsveränderung", hofft sie.

Mittlerweile hat die Sammlerin den Eindruck, dass es weniger Kippen in ihrem Wohnumfeld werden. Ob das Ordnungsamt doch etwas unternommen hat, ob Anwohner häufiger den Bürgersteig an ihrem Grundstück fegen oder saubere Wege eine Hemmschwelle für Raucher sind, ihre Kippe einfach wegzuwerfen - Inge Müller weiß es nicht.

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