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Wochenmarkt: Auf heißem Pflaster

Die Deutsche Marktgilde ist der neue Pächter des Görlitzer Wochenmarktes. Ihr schlägt derzeit viel Kritik entgegen. Warum – ein Gang über den Markt.

Katrin Schiel ist die Niederlassungsleiterin der Deutschen Marktgilde Dresden, die den Görlitzer Wochenmarkt übernommen hat.
Katrin Schiel ist die Niederlassungsleiterin der Deutschen Marktgilde Dresden, die den Görlitzer Wochenmarkt übernommen hat. © Martin Schneider

Es ist ein angespanntes Gespräch. Katrin Schiel hat unter den Händlern Infozettel verteilt – wie viel sie künftig für den Strom zahlen. Es gibt drei Pauschalen für geringen, normalen und hohen Verbrauch. Welche auf ihn zukommt, will Anh Nguyen wissen, Imbissbetreiber auf dem Görlitzer Wochenmarkt. „Normalverbrauch“, sagt Katrin Schiel. Nguyen schüttelt den Kopf. Die Standgebühren seien schon viel zu hoch, sagen einige Händler. Es geht in Görlitz nicht anders, sagt die Deutsche Marktgilde. Für die Dresdner Niederlassung ist Katrin Schiel die Prokuristin. Ihr schlägt derzeit viel Kritik entgegen.

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Viel ist nicht los derzeit. Ein Händler kommt auf Katrin Schiel zu. Es gab ein Missverständnis. Er ist Textilhändler und nahm an, er darf seinen Stand wieder aufbauen. Es ist aber noch nicht möglich, erklärt Katrin Schiel. Es sei ein schwieriger Start gewesen – wegen der Coronakrise, aber auch wegen des strengen Winterwetters, das im Februar, teils noch im März herrschte. Im Februar hatte die Marktgilde den Görlitzer Markt übernommen.

Diskussion um Standgebühren

Zuvor betrieben 18 Jahre lang Francois Fritz, Marzena Paszkiewicz und Sylwia Fritz den Wochenmarkt. Sie stehen auch hinter einem Hotel in der Nähe. Die AfD forderte voriges Jahr, die Stadt solle ihnen als Marktpächtern kündigen. Es ging damals um strittige Parkplätze. Eine sofortige Kündigung lehnte die Stadt ab. Neu ausgeschrieben wurde die Konzession letztlich, weil es während der Coronakrise Veränderungen gab, die Händler und Kunden für langfristig sinnvoll hielten. Bei einer Neuausrichtung brauche es auch eine Neuausschreibung, argumentierte die Stadt.

Streit gibt es nun weiterhin, aber aus anderen Gründen. Die schilderte Anh Nguyen im jüngsten Stadtrat: Für ihn habe sich die Standgebühr erhöht von 47,12 auf 66,33 Euro pro Tag, „eine Erhöhung um 50 Prozent.“ Bei anderen Händlern sei es ähnlich. Dazu die Stromgebühren. Wie hoch die ausfallen, war im Stadtrat, in dem Katrin Schiel auch das Konzept der Markgilde für Görlitz vorstellte, noch nicht klar.

2,70 Euro für geringen, 4,20 Euro für normalen, 5,70 Euro für hohen Verbrauch, steht auf den Zetteln, die sie nun auf dem Wochenmarkt verteilte. Je nach den Geräten, die die Händler nutzen. Normalverbrauch, Anh Nguyen kann das nicht nachvollziehen. Strom brauche er nur für Licht und Kühlschrank. Bislang funktionierten die sechs Stromkästen an der Elisabethstraße mit einem Münzsystem. Damit habe er pro Tag rund zwei Euro bezahlt.

Problem Generationenwechsel

In den Pauschalen sind Investitionskosten einbezogen, erklärt Katrin Schiel. „Wir müssen die Kästen sanieren lassen“, hatte sie bereits im Stadtrat erklärt. Das Einzige, was bislang gemacht worden sei: die Münzuhr abzustellen, hält Nguyen dagegen. Und damit die Pauschalen einzuführen. „Damit verdienen Sie mehr“, nimmt er an. Eine Dose in einem der Stromkästen habe diese Woche sogar angefangen zu schmoren, erzählt Katrin Schiel. An der Technik arbeite die beauftragte Firma in diesen Tagen. Und das Pauschalsystem sei effizienter. Anh Nguyen winkt ab. Ein Händler, der bisher auch auf dem Markt zu finden war, hatte kürzlich ein Ladengeschäft in der Nähe bezogen. Dieser zahle weniger Miete als er für seinen Wagen-Standplatz, sagt Nguyen.

Die Grundgebühr sei etwa gleich geblieben, sagt Katrin Schiel. Sie ist zuständig für 36 Standorte in Ostdeutschland. Der Görlitzer Markt sei tatsächlich der teuerste. Die Brutto-Standgebühren berechnen sich erstmal auf Grundlage der Platzmiete, die der Pächter an den Verpächter, die Stadt, bezahlen muss. Derzeit gibt es einen Corna-Nachlass, die Normal-Pacht für die Marktgilde soll im Vergleich zum vorigen Jahr leicht niedriger sein. Dennoch sei sie im Vergleich zu anderen Städten hoch, sagt Katrin Schiel.

„Das ist eigentlich nicht mehr zeitgemäß.“ Vor allem nicht für das Marktgeschehen in Görlitz: die Zahl der Händler und der potenziellen Kunden. Sie nimmt an, dass das vor 20 Jahren anders aussah. Ein generelles Problem. Nach der politischen Wende hätten nicht wenige in Ostdeutschland, die ihre Arbeit verloren hatten, sich als Händler auf Wochenmärkten ein neues Standbein gesucht. „Es waren viele. Diese Händler gehen jetzt in Rente“, ihre Kinder oder andere Nachfolger wollen den Markthandel kaum übernehmen.

Zu den Grundgebühren kommt noch anderes hinzu, etwa die Platzpflege, für die die Marktgilde eine Görlitzer Firma beauftragt hat. Dass nun vor allem Imbisse höhere Standmieten haben, hat wahrscheinlich auch mit den Wagen-Klappen zu tun. Die zählen laut Marktordnung mit zur Standfläche, bestätigt Katrin Schiel. „Wir messen ordentlich aus, dazu stehen wir auch.“

Gab früher schon Streit

Ein Pflanzenhändler will sich eigentlich nicht einmischen. In einigen Wochen geht er in Ruhestand. Bis dahin: „Wir haben unseren Stand ein bisschen verkleinert, so bezahlen wir etwa dasselbe wie früher.“

Tomasz Trodler nutzt wegen einiger Saisonwaren derzeit etwas mehr Platz. Daher zahle er jetzt etwas mehr, „ein paar Euro“. Auch die Strompreise seien realistisch angesetzt. Warum andere Händler so sauer sind? Trodler zuckt die Schultern. Nicht gerade glücklich ist auch er, dass es keinen Wasseranschluss mehr gibt, wenigstens zum Händewaschen. Und dass der Weg zur Toilette im City Center, früher waren sie in Fritz’ Hotel, weiter ist. Aber zur Wahrheit gehöre auch, dass einzelne Händler auch unter dem Vorpächter bereits nach „eckigen Eiern“, also Problemen gesucht hätten. Etwa voriges Jahr im Mai, als einzelne Händler behaupteten, dass polnische Händler weniger zahlen müssten. Damals wurden wegen der Abstandsregeln die Standplätze neu verteilt und ausgemessen. Ausgerechnet zu der Zeit habe Tomasz Trodler, selbst gebürtiger Pole, eine der höchsten Standrechnungen gehabt.

Wie weiter? Anh Nguyen hofft, dass die Stadt vermitteln kann, „wir bleiben dran“. Katrin Schiel hofft ebenfalls auf die Stadt, ein Überdenken der Preispolitik. „Wir sind gekommen, um zu bleiben“, sagt sie.

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