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Donnerstags bei den Schwärmern

Die Sommerserie der SZ. Wir stellen die besten Direktvermarkter in Sachsen vor. Heute: Die Marktschwärmerei in Görlitz.

Anne Ritter aus Melaune hat die Marktschwärmerei in Görlitz aufgebaut. Dort gibt es frische regionale Produkte, vor allem aus der Oberlausitz.
Anne Ritter aus Melaune hat die Marktschwärmerei in Görlitz aufgebaut. Dort gibt es frische regionale Produkte, vor allem aus der Oberlausitz. © Jürgen Lösel

"Die Nummer 29 bitte." Zwei Kunden, Mutter und Sohn, stehen vorm Ladentisch von Dagmar Ickert. Die hat eine Kiste vor sich aufgestellt, voll mit braunen Papiertüten. Nun sucht sie die mit der 29. Aber die Görlitzerin hat „ihre“ Tüte schon entdeckt. „Da ist sie doch“, sagt sie und zeigt auf eine randvoll mit Tomaten. „Ja, die Kunden finden das meist schneller als ich“, so Dagmar Ickert, sie lächelt, plaudert noch einen Moment.

Zeitdruck gibt es nämlich nicht an diesem Nachmittag. Denn die Mitarbeiterin der Gärtnerei Jung aus Arnsdorf-Hilbersdorf bei Görlitz muss nicht sortieren, präsentieren, abwiegen, kassieren. Die Menschen, die immer donnerstags vor ihrer kleinen Behelfstheke stehen, haben schon gewählt, gekauft und bezahlt. Nun holen sie die Ware lediglich ab. „Und ich habe Kopf und Hände frei“, sagt Dagmar Ickert. Da bleibt Luft, um mal eine Rezeptidee weiterzugeben, über die Wetterlage und ihre Auswirkung auf das Gemüse zu sprechen. Oder über den Anbau auf Erde statt Substrat, den die Oberlausitzer Gärtnerei im Gegensatz zu vielen anderen praktiziert.

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Donnerstag ist eben alles etwas anders. Dann kommen die Marktschwärmer nach Görlitz auf das Gelände eines ehemaligen Schlachthofes. Zwischen Graffiti besprühten Backsteingebäuden bauen regionale Lebensmittelproduzenten ihr Stände auf. „Im Sommer draußen, im Winter drinnen“, sagt Initiatorin Anne Ritter-Hahn. Drinnen – das sind die Räume eines Vereins, der hier einen Musikclub betreibt. „Die waren Feuer und Flamme, als ich angefragt habe“, erzählt die gelernte Bibliotheksassistentin und studierte Touristikerin. Denn die 35-Jährige wollte in Görlitz ein Konzept etablieren, das vor einigen in Frankreich gestartet ist und sich inzwischen über Europa ausgebreitet hat: die Marktschwärmerei.

Anders als beim Wochenmarkt bleibt nichts liegen

Dabei bieten regionale Hersteller Waren auf einer Internetplattform zum Kauf an. Interessierte Kunden melden sich als Mitglieder an. Dann können sie Produkte bestellen, müssen aber sofort bezahlen. Zu festen Terminen holen sie Obst, Gemüse, Brot, Fisch, Fleisch und mehr an einem zentralen Ort ab. „Der Vorteil für die Betriebe ist, sie können genau planen, was sie zum Abholtag mitbringen müssen. Anders als beim Wochenmarkt bleibt nichts liegen“, erklärt Anne Ritter-Hahn, die in Melaune bei Görlitz wohnt. Der Nachteil: Wer nicht online oder mit Kreditkarte zahlen will, kann nicht mitmachen.

Peter Büttner aus Görlitz bietet bei der Marktschwärmerei in Görlitz selbst gerösteten Kaffee an. Er lasse den Bohnen bei seinem schonenden Verfahren viel Zeit, mehr als bei industriell hergestelltem Kaffee, wie er sagt. Er weiß viel über den Anbau, Herstellung, Verarbeitung und gibt gern Auskunft.
Peter Büttner aus Görlitz bietet bei der Marktschwärmerei in Görlitz selbst gerösteten Kaffee an. Er lasse den Bohnen bei seinem schonenden Verfahren viel Zeit, mehr als bei industriell hergestelltem Kaffee, wie er sagt. Er weiß viel über den Anbau, Herstellung, Verarbeitung und gibt gern Auskunft. © Jürgen Lösel
Die Gärtnerei Jung aus Hilbersdorf bei Görlitz ist von Anfang an bei der Marktschwärmerei aktiv. Seit 1991 gibt es den Betrieb. Inhaber Stefan Jung setzt auf den Anbau von gentechnisch unveränderten Pflanzen und auf Erde beim Gemüse, statt auf sterile Nährlösungen als „Boden“.
Die Gärtnerei Jung aus Hilbersdorf bei Görlitz ist von Anfang an bei der Marktschwärmerei aktiv. Seit 1991 gibt es den Betrieb. Inhaber Stefan Jung setzt auf den Anbau von gentechnisch unveränderten Pflanzen und auf Erde beim Gemüse, statt auf sterile Nährlösungen als „Boden“. © Jürgen Lösel
Gerd Hummitzsch engagiert sich im Landschaftspflegeverband unter anderem für Streuobstwiesen. Die Nutzung der Früchte ist ihm wichtig. Darum verarbeitet er diese seit Jahren zu Saft. Mit seiner Mosterei Oberlausitzer Saftquell vermarktet er die Produkte.
Gerd Hummitzsch engagiert sich im Landschaftspflegeverband unter anderem für Streuobstwiesen. Die Nutzung der Früchte ist ihm wichtig. Darum verarbeitet er diese seit Jahren zu Saft. Mit seiner Mosterei Oberlausitzer Saftquell vermarktet er die Produkte. © Jürgen Lösel

2018 wurde das Prinzip in Görlitz vorgestellt. Erst fand sich niemand, um es an der Neiße umzusetzen. Dann packte Anne Ritter-Hahn, damals hochschwanger mit ihrem dritten Kind, das Vorhaben an. Sie sprach Gärtner, Bäcker, Fleischer, Fischzüchter, Imker, Keltereien und andere an. Erstellte für einige sogar den Internet-Warenkatalog. Warb mit Flyern, über soziale Netzewerke und in Gesprächen um Mitglieder, also Kunden. Suchte einen Verkaufsort. Mit neun Erzeugern ist die Schwärmerei im September 2019 gestartet. Inzwischen sind es über 20. Die Gärtnerei Jung ist von Anfang an im Boot; die Inhaber sagten nach kurzem Zögern zu. Heute muss Anne Ritter-Hahn nicht mehr Klinken putzen. „Die Unternehmer melden sich bei mir.“

Peter Büttner veredelt seine Kaffeebohnen

Zu denen gehören auch solche, die Produkte veredeln. So wie Peter Büttner aus Görlitz. Er röstet Kaffee. An die 20 Sorten. Darunter ausgefallene wie „Barrique“, für den die Bohnen in Weinfässern gelagert werden. Für Peter Büttner, der früher einen Baubetrieb hatte, war Kaffee die Idee, als es auf dem Bau für ihn nicht mehr ging. Die Marktschwärmerei habe ihm und seiner Frau sofort zugesagt. „Ich geh da auch nicht mit dem Gedanken ran, heute muss ich Millionär werden.“ Er schätzt den direkten Kontakt zum Kunden. Und zu anderen Produzenten.

Mit dem Horkaer Bäcker Armin Hübner habe er ein Kaffeebrot entwickelt. Neben typischen Back-Zutaten kommen da auch Kaffee und Schokolade rein. Die Kunden, mittlerweile knapp 940, treiben unterschiedliche Gründe zur Schwärmerei. Eine junge Görlitzerin sagt, hier müsse sie sich nicht mit Suchen aufhalten und habe alles beisammen. Eine andere erzählt, dass sie unverpackte Lebensmittel einkaufen will. „Darum habe ich jahrelang auf einiges verzichtet, zum Beispiel auf Erdbeeren, weil man die fast nur in Plastik bekommt.“ Hier finde sie regional, saisonal, plastikfrei alles.

Fast alles – Wein fehlt Anne Ritter-Hahn bislang im Sortiment. Und Pilze. Aber vielleicht ergibt sich da noch was. Die 1000er-Marke bei den Mitgliedern will sie bis September jedenfalls knacken.

Alles hausgemacht

  • Die Marktschwärmerei in Görlitz findet donnerstags, 17 bis 18.30 Uhr statt. Es ist kein Wochenmarkt; angemeldete Mitglieder können Ware nur abholen. Sie bestellen vorher im Internet und bezahlen die Ware dabei online oder mit Kreditkarte.
  • Es gibt u. a. Gemüse, Obst, Backwaren, Fleisch, Fisch, Eier, Honig, Kaffee. Zudem ist das Textil-Labal „Laba“ vor Ort mit normalem Verkauf.
  • Noch mehr lokale Produkte aus Sachsen finden Sie in den DDV-Lokalen und unter www.ddv-lokal.de/manufakturen/kulinarisches-aus-sachsen

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