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Freud und Leid: Wenn eine ganze Straße Drehort ist

Die Geschäftsinhaber auf der Weberstraße sind stolz: Ihre Straße ist wichtiger Drehort für die Serie "Torstraße 1". Allerdings hat das auch eine andere Seite.

Iris Näwig vor ihrem „Vita Regia“ -Schuhgeschäft.- das jetzt aber ganz anders aussieht.
Iris Näwig vor ihrem „Vita Regia“ -Schuhgeschäft.- das jetzt aber ganz anders aussieht. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Selbst die Türklinke konnte nicht bleiben. Zu modern. Ein goldfarben schimmerndes Schloss ziert jetzt die Tür zum Schuhgeschäft Vita Regia an der Weberstraße. Drinnen verabschiedet sich eine Kundin. Eine Stammkundin, erzählt Inhaberin Iris Näwig später. "Und selbst sie musste wirklich zweimal hinschauen." Denn das Vita Regia ist beim besten Willen nicht mehr als Schuhgeschäft zu erkennen.

Detailgenau bis zum Pferdeapfel auf der Straße

In einem Schaufenstersind Stoffe ausgestellt. Eine Tafel an der Tür verkündet die Preise der "Stoffe für wenig Geld". Auf der anderen Seite, zur Krischelstraße, gibt es "Wollwaren & Tricotagen". Noch ein Fenster weiter: Kolonialwaren wie Weine aus Palästina gibt es hier. "Wir sind jetzt also drei Geschäfte", sagt Iris Näwig.

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Die halbe Weberstraße und zum Teil die Krischelstraße sind Drehort für die Serie "Torstraße 1". "Wir sind jetzt das Scheunenviertel in Berlin etwa 1928." In dieser Woche wurde bereits gedreht in der Weberstraße, auch von Montag bis Mittwoch sollen Dreharbeiten stattfinden. Für insgesamt zweieinhalb Wochen ist die Weberstraße verwandelt.

Test der Requisiteuer: nächste Woche soll es wohl in die 30er Jahre gehen - und das jüdische Kolonialwaren-Geschäft ist plötzlich zugenagelt.
Test der Requisiteuer: nächste Woche soll es wohl in die 30er Jahre gehen - und das jüdische Kolonialwaren-Geschäft ist plötzlich zugenagelt. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Geschäft nicht mehr wahrnehmbar

Auf der einen Seite ist die Freude groß, Teil einer so aufwendigen Produktion zu sein. Dass die eigenen Räumlichkeiten, auch wenn man sie nicht erkennt, vielleicht in der Serie zu sehen sein werden. Die andere Seite: "Es gibt uns eben auch noch als Geschäft", sagt Iris Näwig. Aber das nehme dieser Tage kaum jemand wahr.

Vorteil: Nie war die Weberstraße so gut geschützt. Auch wenn keine Kamera läuft, achtet ein Sicherheitsdienst auf den Drehort. Wenn nicht gedreht wird, kann man die Straße auch betreten. Dann weisen Schilder darauf hin, was sich wirklich in den Geschäften verbirgt. Aber die täuschend echt wirkenden Kulissen lassen das schnell übersehen. "Bei bei mir stand jetzt eine ältere Dame im Laden und fragte mich nach Garnen", sagt Iris Näwig. Einerseits witzig. Andererseits: "Für ein Schuhgeschäft ist der September der wichtigste Monat. Dann suchen die Kunden nach Schuhen für den Winter. Im Moment fehlt die Laufkundschaft."

Aber Iris Näwig will sich nicht beschweren. "Man sieht gerade, welches Potenzial die Weberstraße hat." Sie ist zufrieden mit dem Standort ihres Geschäftes. "Wer sich in der Altstadt bewegt, kommt irgendwann über die Weberstraße." Dennoch stehen viele Läden leer. Jetzt nicht mehr.

Das ehemalige Geschäft für Wohnaccessoires von Designer Thomas Overesch etwa ist jetzt das Pelzgeschäft der Familie Gessler. Der Großteil der Filmläden hat jüdische Inhaber – so wie im Berliner Scheunenviertel, wo es bereits in den 1920er Jahren zu Ausschreitungen gegen jüdische Geschäftsinhaber kam. In der Messerschleiferei Lattka gibt es jetzt dem Schaufenster nach Fleisch- und Wurstwaren. Daneben ist ein Café und eine Konditorei. Viel Mühe steckt in den Requisiten - bis hin zu den Pferdeäpfeln von den Kutschpferden.

Geschäftsinhaber wünschen sich mehr Information

"Es sind auch nicht viele Geschäftsinhaber betroffen. In einer belebteren Straße wäre es alles noch viel schwieriger." Und es gibt eine Aufwandsentschädigung. Nachdem diese erhöht wurde, würde Iris Näwig sie als angemessen bezeichnen. Vor Monaten bereits sprachen Mitarbeiter der Produktionsfirma X-Filme sie an. "Ich bin das erste Mal Motivgeber", sagt sie. Das ist die andere Seite: "Ich hätte mir mehr Informationen gewünscht."

So seien am Anfang die Drehtermine anders gewesen. Zunächst habe es geheißen der zweite Drehabschnitt, der nächste Woche stattfindet, sei für Oktober geplant. "Es ist ja sinnvoll, das zusammenzuziehen." Nur hatte sie angenommen, kommende Woche freie Bahn zu haben und Erlebnistage im Vita Regia eingeplant. Eine Veranstaltung, um die Herbst-Winter-Kollektion vorzustellen. Die Erlebnistage werden von Freitag bis Sonntag auch stattfinden - mit Kulisse, die dann noch zu sehen sein wird.

Unterschiedlich stark betroffen

Darunter die Hebräische Buchhandlung und Leihbibliothek. Dahinter verbirgt sich die Buchhandlung Art Goreliz von Jana Krauß, die kürzlich ins ehemalige Café Neiß auf die Weberstraße zog. „Es ist einfach großartig aufgemacht. Es ist der Supermarkt von vor hundert Jahren.“ Bäcker, Fleischer, Kleidung, Geschirr in lauter kleinen Geschäften nebeneinander. Nachdem die Requisiteure in ihrem Geschäft ihr Werk getan hatten, habe es keine zehn Minuten gedauert, bis zwei US-Amerikaner die Tür öffneten und alles über die hebräische Buchhandlung wissen wollten, erzählt sie. Eine schwierige Seite haben solche Begebenheiten für sie weniger: Was draufsteht, ist in ihrem Fall beinahe drin. "Das war wirklich Zufall", sagt Jana Krauß. Der Kritik will sie sich nicht anschließen. "Es ist mal Leben in der Bude."

Die Werbeagentur von Corina Obst ist jetzt ein Glas- und Keramikgeschäft. Das Ergebnis findet auch sie schön, detailreich. Aber auch sie sagt, sie hätte sich mehr Informationen gewünscht, "gerade, weil wir so wenige sind. Dann wäre manches sicher besser zu regeln gewesen“.

Selbst der Postbote gab auf

Zwei Seiten sieht dagegen auch die Inhaberin der Kreativ Werbung, Corina Obst. Ihre Werbeagentur ist jetzt ein Glas- und Keramikgeschäft. Das Ergebnis findet auch sie schön, detailreich. Aber auch sie sagt, sei hätte sich mehr Informationen gewünscht, "gerade, weil wir nicht viele sind, wäre manches sicher besser zu regeln gewesen."

So habe etwa der Postbote Anfang der Woche aufgegeben - und die Pakete kurzerhand bei der Postfiliale abgegeben. Auch Iris Näwig holte Kartons mit neuer Ware vom Postplatz ab. Es sind Kleinigkeiten, "aber es ist mehr Aufwand, als man denkt", sagt Corina Obst. "Mit manchem rechnet man auch nicht", sagt Iris Näwig. Zum Beispiel: Wird gedreht, ist es stockduster im Geschäft, "dann muss das Licht aus bleiben". Sind bei den Dreharbeiten Oldtimer dabei, zieht schnell der Geruch der Abgase herein. Will man als Anwohner zufällig während der Drehrbeiten nach Hause oder ausgehen, braucht man mitunter etwas Geduld - bis die Kamera nicht mehr läuft.


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