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Dürfen die Schwalbennester bleiben?

Reinhard Orsakowsky ist sauer. Der Reichenbacher wehrte sich gegen das Ansinnen der Wohnungsverwaltung, die Nester zu entfernen.

Die beiden Nester haben die Mehlschwalben bereits 2019 an Reinhard Orsakowskys Küchenfenster oben im 2. Stock gebaut. Darin zogen die Vögel auch Junge groß. Und in diesem Jahr?
Die beiden Nester haben die Mehlschwalben bereits 2019 an Reinhard Orsakowskys Küchenfenster oben im 2. Stock gebaut. Darin zogen die Vögel auch Junge groß. Und in diesem Jahr? © Constanze Junghanß

Die Schwalbennester sollten weg. Reinhard Orsakowsky bekam Post vom Wohnungsverwalter.

Das ist die Optimum Immobilienverwaltung GmbH & Co KG in Halle. Sie verwaltet in Reichenbach Wohnungen im Neubaugebiet auf der Thomas-Münzer-Straße und auf dem Oberen Weg. Im Brief, der den Mieter erzürnt, steht: „Leider mussten wir feststellen, dass sich an ihrem Fenster zwei Schwalbennester befinden und bitten Sie, diese noch vor Einnistung zu entfernen“, heißt es in dem der SZ vorliegenden Schreiben. Begründung: Die Nester schädigten die Fassade. Und die Vögel würden „ihre Hinterlassenschaften verteilen.“

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Reinhard Orsakowsky ist empört. „ Als sich 2019 die Schwalben bei mir ansiedelten, zwei Jahresbruten groß zogen und noch mehrere Nester am Wohnblock existierten, fand niemand etwas dabei, dass diese liebenswerte Vogelart den Sommer über hier heimisch war. Offensichtlich holt der Vermieter jetzt zum Rundumschlag aus und zerstört, was noch irgendwie an Natur erinnert“, sagt er. Im Neubaugebiet wurden vor einigen Wochen Bäume gefällt, um benötigte Parkflächen zu errichten. Darüber war Reinhard Orsakowsky nicht glücklich. Lebensräume verschiedener Vogelarten seien dadurch kaputt gemacht worden.

Und nun sollte der Reichenbacher auch noch die Mehlschwalbennester entfernen. „Ich reinige regelmäßig das Fenster und das Fensterbrett, habe das auch bei dem Nest am Treppenhausfenster so gemacht“, sagt er. Dieses Nest sei bereits von jemand einfach entfernt worden, bedauert er. „Und was die angebliche Fassadenbeschädigung betrifft, so ist anzumerken, dass Schwalben weder Löcher hacken noch die Fassade angreifen“, sagt der Naturschützer, der vor Renteneintritt beim Landesumweltamt arbeitete.

Das Schwalbennest am Hausflurfenster wurde entfernt. Von wem, ist nicht sicher. Das kann eine hohe Geldbuße nach sich ziehen.
Das Schwalbennest am Hausflurfenster wurde entfernt. Von wem, ist nicht sicher. Das kann eine hohe Geldbuße nach sich ziehen. © Constanze Junghanß

Mehlschwalben gehören zu den besonders geschützten Tierarten. Er weigerte sich die Nester zu entfernen. „Das verbietet mir zum einen das Bundesnaturschutzgesetz, zum anderen meine Einstellung“, sagt der Reichenbacher.

Die Bestände der Mehl- und noch stärker der Rauchschwalben nahmen in den letzten Jahrzehnten stetig ab, bestätigt der Landkreis. Hauptursachen dafür sind der Mangel an Nistplätzen, feuchtem Lehm zum Nestbau und Insekten als Nahrungsgrundlage. „Aber auch mangelnde Akzeptanz von Brutplätzen an Gebäuden sind Grund für den deutlichen Bestandsrückgang bei Schwalben“, sagt Kreissprecherin Franziska Glaubitz.

Schwalbennester würden aufgrund der Kotausscheidungen der Jungtiere häufig als Beeinträchtigung empfunden. Trotzdem: „Eine Beseitigung der Nester oder eine Vergrämung der Tiere ist auf Antrag nur möglich, wenn diese Nester oder das Brutgeschehen zu einer unzumutbaren Belastung des Mieters oder Vermieters führen würde“, sagt die Kreissprecherin. Gibt es eine solche Genehmigung, sind daran Auflagen geknüpft. „Es müssen an anderer Stelle Nisthilfen angeboten werden, die von den Mehlschwalben als Brutplatz angenommen werden“, erklärt Franziska Glaubitz.

Mehlschwalbe ist besonders geschützt

Das hängt mit der Vogelschutzrichtlinie zusammen. Die EU-Staaten vereinbarten bereits 1979 alle hier heimischen, wild lebenden Vögel und auch alle Zugvogelarten in ihrem Bestand zu erhalten. „Seither sind in Deutschland alle wild lebenden Vogelarten besonders geschützt, so auch die Mehlschwalbe“, erläutert die Kreissprecherin. Da Schwalben jährlich zur Brutzeit zu ihren Nestern zurückkehren und dort erneut brüten, genießen Schwalbennester einen ganzjährigen Schutz. „Grundsätzlich verboten ist, die Nester der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören“, sagt Franziska Glaubitz.

Wer dem zuwider handelt, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Die kann eine empfindliche Geldbuße nach sich ziehen. Nach Angaben der Kreissprecherin sind das bis zu 50.000 Euro.

War das der Wohnungsverwaltung in Halle, die in Reichenbach 185 Wohnungen im Neubaugebiet verwaltet, nicht bewusst? Das Schreiben mit der Aufforderung an den Mieter, die Nester zu entfernen, sei „eine falsche Interpretation der Tatsachen gewesen“, drückt es Geschäftsführer Peter Freund aus. Auch die Verwaltung habe Kontakt mit dem Naturschutz aufgenommen. Letztendlich nahm die Verwaltung ihre Aufforderung wieder zurück. Die Nester bleiben. Reinhard Orsakowsky ist damit zufrieden. Er hofft, dass auch in dieser Saison wieder Nachwuchs bei Familie Schwalbe an seinem Küchenfenster schlüpft.

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