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Ein Geopark für das Zentrum Europas

An diesem deutsch-polnisch-tschechischen Projekt arbeitet Jörg Büchner aus Görlitz mit.

In den Königshainer Bergen gewähren ehemalige Steinbrüche einen Blick in die Erdgeschichte.
In den Königshainer Bergen gewähren ehemalige Steinbrüche einen Blick in die Erdgeschichte. ©  Wolfgang Wittchen

Erloschene Vulkane, zerklüftete Steinbrüche, Basalt- und Phonolitgestein, die einen Goethekopf geformt haben – das Dreiländereck mit Oberlausitz, Niederschlesien und Böhmen steckt voller geologischer Besonderheiten. Um die besser bekannt zu machen, gab es das nun zu Ende gehende Projekt Gecon. Das Senckenberg-Museum in Görlitz, der Geopark Ralsko und die Technische Universität Liberec (Reichenberg), beides Tschechien, veranstalteten drei Jahre lang unter anderem Exkursionen und Konferenzen. Langfristiges Ziel der Partner ist ein grenzüberschreitender Geopark im Dreiländereck. Die SZ sprach darüber mit Jörg Büchner vom Senckenberg-Museum für Naturkunde.

Herr Büchner, Sie als Geologe haben jetzt drei Jahre lang in einem Projekt versucht, Menschen auf die Geologie im Dreiländereck neugierig zu machen. Haben Sie denn dabei selbst noch Überraschendes oder Neues entdeckt?

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Unbedingt. Das war einer der großen Mehrwerte dieses Projekts. Aber das ist auch generell so, wenn ich als Geologe ins Gelände gehe, sehe ich immer etwas Neues, auch wenn ich zum 20. Mal an denselben Ort komme. Und durch die Zusammenarbeit mit Kollegen aus Polen und Tschechien, die alle ihre eigene Spezialisierung haben, gibt es ganz verschiedene Blickwinkel. Und Laien sehen Dinge ganz anders, als wir sie betrachten.

Haben Sie ein Beispiel für so eine Entdeckung?

Das Jeschkenmassiv in Tschechien im Raum Liberec (Reichenberg) war für mich aus geologischer Sicht etwas ganz Neues. Da ist die Geologie wahnsinnig bunt. Das reicht von metamorphem über magnetisches bis hin zu Sedimentgestein.

Diese „Farbigkeit“ wäre ein Argument, dass für einen Geopark im Dreiländereck spricht, in dem man auf so etwas aufmerksam machen kann, oder?

Das ist ganz sicher ein Punkt. Die Idee eines Geoparks in der Region hat sich für uns im Rahmen des Projekts total bestätigt. Beispielsweise auch mit Blick auf das Thema Sandstein, mit dem wir uns vorher nicht so intensiv befasst hatten. Die Erfahrungen aus Gecon haben uns auf jeden Fall bestärkt am Vorhaben Geopark festzuhalten.

Die Idee dazu gibt es schon länger. Gecon war ein Schritt in die Richtung. Was steht als Nächstes an?

Wichtig ist nun eine Machbarkeitsstudie. Da geht es um strukturelle Fragen, darum, welche Organisationsformen möglich sind, aber auch darum, wie so ein Vorhaben finanziert werden kann. Die landschaftlichen und geologischen Belange können wir selbst gut beurteilen, für das Strukturelle und Finanzielle braucht es andere Fachleute. Das Thema Geopark ist aber auch nichts völlig Neues. Da gibt es viel Erfahrung, auf die wir aufbauen können.

Sind Sie im Gespräch mit dem Team vom Geopark Muskauer Faltenbogen?

Da gibt es einen engen Austausch. Ebenso mit anderen Geoparks. Wir erleben die Parks dabei wirklich als eine Familie. Da gibt es kein Konkurrenzdenken, bei dem einer dem anderen nichts gönnt, sondern einen guten Austausch. Da werden Ideen kommuniziert nach dem Motto: „Ist das nicht etwas für Euch?“ Auch deswegen wäre ein Geopark eine Bereicherung für die Region – da geht es um weitreichende Zusammenarbeit und Aufmerksamkeit.

Wie sieht es denn aus mit lokaler Unterstützung für das Ansinnen?

Da sind wir dank Gecon ein gutes Stück vorangekommen. Wir haben im Landkreis Bautzen und im Landkreis Görlitz Fürsprecher gefunden. Eigentlich war für dieses Jahr auch eine gemeinsame Konferenz geplant. Die konnte wegen der Corona-Pandemie nicht stattfinden. Aber wir möchten das nachholen.

Der Geopark, den Sie und die Partner aus Tschechien und Polen im Sinn haben, soll alle drei Länder einschließen?

Auf jeden Fall, das macht uns aus. Wir sind hier im Zentrum Europas. Die Menschen leben seit Jahrhunderten weitgehend grenzüberschreitend. Das ist etwas, mit dem wir wuchern können, das ist unsere Besonderheit.

Geologe Jörg Büchner (46) vom Senckenberg Museum in Görlitz, hier bei einer Steinbruch-Exkursion.
Geologe Jörg Büchner (46) vom Senckenberg Museum in Görlitz, hier bei einer Steinbruch-Exkursion. ©  Wolfgang Wittchen

Und wie groß könnte so ein Park werden?

Momentan sprechen wir von rund 5.500 Quadratkilometern, etwa je zu einem Drittel in Polen, Böhmen und der Oberlausitz. Allerdings ist das manchen noch zu groß. Es wäre sicher auch Thema in der Machbarkeitsstudie, zu schauen, wie man so einen Geopark umrahmen kann, welche Größe sinnvoll ist. Es gibt allerdings auch viel größere Geoparks – zum Beispiel den Geopark Harz-Braunschweiger Land mit etwa 10.000 Quadratkilometern.

Wie groß ist denn das Interesse der Menschen am Thema Geologie?

Erstaunlich groß. Das haben wir zum Beispiel bei Exkursionen im Rahmen von Gecon gemerkt. Es gab zwar durchaus Stammpublikum, Menschen mit einer Begeisterung für das Thema, die immer wieder gekommen sind, aber nicht nur. Als wir nach dem ersten coronabedingten Lockdown wieder eine Exkursion anbieten konnten, kamen ganz kurzfristig 45 Leute. Das hat uns gefreut und überrascht. Wir merken aber auch bei Veranstaltungen im Senckenberg-Museum für Naturkunde in Görlitz, dass das Interesse der Menschen an Natur sehr groß ist. Wir müssen vielleicht noch mehr ins Bewusstsein rücken, dass Natur mehr ist, als Tiere und Pflanzen, sondern dass unter anderem auch Boden, Gestein, Klima und Wasser dazugehören.

Und wie ist es um das geologische Wissen der Oberlausitzer bestellt?

Da ist sicher noch viel Grundwissen zu vermitteln. Es ist ja ein Kernanliegen eines Geoparks, dies zu tun, und es war auch ein wichtiges Vorhaben im Gecon-Projekt. In der Schule in Deutschland spielt Geologie ja leider kaum eine Rolle. Und wir erleben Geologie hier nicht so sehr, wie Menschen anderswo. Es gibt kaum aktiven Erzbergbau, keine Erdbeben oder Vulkanausbrüche – deswegen ist das hier nicht so im Bewusstsein verankert. Auch mit Blick auf den Alltag: Wer weiß denn, dass Geologie die Voraussetzung ist für das Zähneputzen, weil in der Paste zum Beispiel Silikatverbindungen oder Schlämmkreide enthalten sind? – Das ist Geologie. Ohne sie würden Natur und Kultur nicht funktionieren.

Wie wird es jetzt mit dem Projekt und der Idee weitergehen?

Wir wollen Gecon auf jeden Fall unter dem Namen, fortsetzen, auch wieder Geländeworkshops und andere Veranstaltungen anbieten. Wir haben ein tolles Netzwerk geschaffen und gute Verbindungen geknüpft beispielsweise mit den Mitarbeitern des Nordböhmischen Museums oder der Technischen Universität Liberec. Das wollen wir weiter ausbauen. Es gibt kleine Folgeprojekte, so beschäftigen wir uns jetzt wissenschaftlich mit den Vulkanen des Isergebirges. Für Weiteres müssen wir schauen, wie und wann es EU-Förderprogramme gibt, die für uns passen.

Gibt es aus Gecon heraus etwas zum Nachlesen, Nacherleben?

Wir haben eine Internetseite, die bestehen bleibt. Und es wird eine Broschüre geben, auf Deutsch und Tschechisch sowie als Pdf-Datei zum Herunterladen auf Polnisch, in der wir die Vielfalt der Geologie und ihre Besonderheiten in der Region vorstellen.

Sie hatten in einem früheren Gespräch zum Thema gesagt, es gebe in der Oberlausitz vermutlich um die 500 Vulkane. Aber das müsse noch genauer untersucht werden, darum könne sich zum Beispiel ein Student verdient machen. Haben Sie da jemand gefunden?

Bis jetzt noch nicht. Es kann sich gern noch jemand bereitfinden. Das sollte jemand sein, mit Interesse an Computerarbeit. Denn zunächst müsste man die Datenlagen mit einem Geoinformationssystem untersuchen und anhand von digitalen Modellen bewerten. Dann müsste man dies im Gelände überprüfen.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass so ein Vulkan wieder ausbricht?

Die ist hier in der Oberlausitz in den nächsten Millionen Jahren gleich Null.

Was es über Geoparks zu wissen gibt

  • Ein Geopark ist ein besonders ausgewiesenes Gebiet, in dem vermittelt wird, wie Landschaften entstehen, welche Gesteine und Rohstoffe vorkommen und wie Geologie und Böden die Landnutzung beeinflussen.
  • In Deutschland gibt es 17 anerkannte Nationale Geoparks, einige tragen den Titel Unesco-Geopark, darunter der Muskauer Faltenbogen.
  • Abschlusskonferenz Gecon online am 20. November, 9 bis 15 Uhr

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