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Treibt Corona die Händler in den Ruin?

Es rumort im Görlitzer Handel. Mit gutem Grund, wie die Lage bei "Adler" zeigt. Aber Initiativen gegen die Corona-Politik haben noch keine Chance.

Als der Neißepark vor reichlich zwei Jahren eröffnet wurde, war Adler schon lange da. Das Modegeschäft gibt es in Königshufen schon lange.
Als der Neißepark vor reichlich zwei Jahren eröffnet wurde, war Adler schon lange da. Das Modegeschäft gibt es in Königshufen schon lange. © nikolaischmidt.de

Wie ist gerade die Stimmung im Neißepark? Gerade ist gar keine Stimmung, sagt Sevket Demir, Manager des Neißeparks in Königshufen. Weil die meisten Geschäfte ohnehin gerade geschlossen sind. Auch das Bekleidungsgeschäft Adler Mode hat zu.

Symbolbild: Wie es jetzt mit den Adler-Modemärkten konkret weitergeht, ist noch nicht bekannt.
Symbolbild: Wie es jetzt mit den Adler-Modemärkten konkret weitergeht, ist noch nicht bekannt. © dpa

Adler hat einen Insolvenzantrag gestellt. Die Kette betreibt deutschlandweit, in Österreich, Luxemburg und der Schweiz 171 Filialen, eine davon im Neißepark. Was jetzt passiert, ist noch nicht klar. Von dem Insolvenzantrag hat Sevket Demir über die Medien erfahren, Kontakt zu den Mitarbeitern vor Ort hat er derzeit wegen des Lockdowns nicht.

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Stars im Strampler aus Görlitz

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Schon früher rote Zahlen

Wie etwa die Tagesschau berichtet, seien durch die Schließung fast aller Adler-Filialen ab Mitte Dezember erhebliche Umsatzeinbußen entstanden. Es sei nicht möglich, die Liquiditätslücke, mithilfe staatlicher Unterstützungsfonds oder durch Investoren zu schließen. Allerdings hatte die Modekette auch schon 2019 rote Zahlen geschrieben. Den ersten Shutdown im Frühjahr 2020 hatte Adler laut ZDF noch mit Kurzarbeit und einem mit einer Staatsbürgschaft gesicherten Kredit überstanden. Im November dann soll Adler von einem "spürbaren Aufwärtstrend" geprochen haben. Bis zum zweiten Lockdown.

Adler strebt ein Insolvenzverfahren in Eigenverantwortung an. Ziel sei, das Unternehmen über einen Insolvenzplan zu sanieren, unter Fortführung des Geschäftsbetriebes. Was das für Görlitz bedeutet - das wird sich erst noch zeigen.

Handelsverbände machen laut

Die ganze Branche ist im Moment in Sorge. Wie wird sich der zweite Lockdown auswirken, wird es in diesem Jahr ein Ladensterben geben? Einblick in die konkrete Lage einzelner Händler habe er nicht, sagt Frank Reiman vom Aktionsring Görlitz. Seinem Eindruck nach trifft es die kleinen Händler. Vor allem, weil es mit den Bundeshilfen so schleppend vorangehe. "Die Kernaussage, die ich mitbekomme, ist: Wer darauf wirklich angewiesen ist, hat keine guten Karten."

Ende vergangener Woche hatte sich der Handelsverband Deutschland mit den regionalen Verbänden an Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Länderchefs, darunter Ministerpräsident Michael Kretschmer gewandt. In einem Brief fordern auch sie, versprochene Hilfsprogramme umzusetzen. Enttäuscht zeigen sich die Händler, dass keine Perspektive für das Wiedereröffnen aufgezeigt werde, vor allem aber, "dass die versprochenen Hilfeleistungen nicht ankommen".

Es schwinde unter den Händlern daher die Akzeptanz für die politischen Maßnahmen. "Wir erleben mit großer Sorge, dass sich aus Verzweiflung Initiativen bilden, die trotz Schließungsverfügung Lokale und Geschäfte öffnen, ihre Anliegen über Kettenbriefe mit großer Reichweite transportieren und zu massiven Protestaktionen aufrufen wollen."

Einfach öffnen? Eher nicht

Damit dürfte die Inititiative "Wir machen auf" gemeint sein, die zunächst als Gruppe in dem Messengerdienst Telegram entstanden war. Hinter der Initiative, die schnell tausende Unterstützer fand, steht der Krefelder Kosmetikstudio-Betreiber Macit Uzbay. Ziel war es, an diesem Montag, Geschäfte und Restaurants trotz Lockdowns zu öffnen.

Daraus wurde nichts. Zu groß offenbar die Unklarheit, was es juristisch bedeuten würde, Geschäfte entgegen der Corona-Schutz-Verordnungen zu öffnen. Neben der Telegram-gruppe gibt es die Plattform "Coronapedia", die laut Impressum ebenfalls von Macit Uzbay angelegt wurde. Dort hieß es am Freitagabend: "Auf Grund der geführten Gespräche, insbesondere Rechtslage, muss ich eine offizielle Frist anlegen gegenüber der Regierung." Die soll nun bis 17. Januar dauern, am 18. wolle er öffnen.

Am gestrigen Montag dagegen sollten die Ladentüren nur für ein Foto - mit einem Plakat einer anderen Initiative - geöffnet werden, um die Bilder dann in den sozialen Medien zu teilen. In Görlitz war davon nichts zu merken. Aber viele scheinen, den Diskussionen in dem Forum "Coronapedia" nach, ihre Zweifel bekommen zu haben, aus rechtlichen Gründen, möglicherweise auch wegen der Inhalte der Diskussionen, in denen wirtschaftliche Verzweiflung eher am Rande zu merken ist. Derweil ist auch die Rede von "Schlafschafen" und dem "Merkelschen Diktat", es gibt Diskussionen über Verschwörungstheorien, "Empfehlungen", wie man Kunden am besten andeutet, dass sie auch ohne Maske einkaufen können.

Der Initiator hatte mehrfach beteuert, nicht dem Querdenker-Milieu anzugehören. Er habe keinen politischen Hintergrund, sondern stehe „am Ende seiner Existenz". Tatsächlich aber soll er laut "tageszeitung" (TAZ) schon im Herbst den Telegramkanal „Corona die Lüge“, eröffnet haben. Im August soll er selbst auf einer Querdenken-Demo aufgetreten sein.

Unsicherheit zehrt an Händler-Nerven

Von vornherein kein Interesse hatte Daniela Hamann. Erst Anfang des Jahres war sie mit ihrem Salon "Daniela Kaps" an den neuen Standort auf der Elisabethstraße gezogen. Bereut habe sie es trotz des schwierigen Jahres nicht.

Viel Unsicherheit habe die Corona-Pandemie mit sich gebracht, Fragen wie "Wann müssen wir wieder schließen?" und "Wann dürfen wir wieder öffnen?" Bei "Wir machen auf" würde Daniela Hamann trotzdem "im Leben nicht mitmachen", sagt sie. "Das ist für mich das gleiche, wie ohne Maske demonstrieren zu gehen", sagt sie. "Es wird dadurch nicht beschleunigt, dass wir wieder öffnen können." Am Ende, befürchtet sie, könnten solche Aktionen eher dazu führen, dass Corona-Zahlen weiter steigen, "das bringt am Ende niemandem etwas." Zumal: "Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass unsere Kunden so kontra zu den Maßnahmen eingestellt sind und kommen würden."

Aktuell ist auch ihr Mann, der in der Gastronomie arbeitet, zu Hause, ebenso ihr Kind. Trotz der Lage, als komplett schrecklich will Daniela Hamann das vorige Jahr nicht beschreiben. So sei gerade der Umzug in ihr größeres Geschäft von Vorteil gewesen: Während sie öffnen konnte, ließen sich Hygienemaßnahmen besser umsetzen, mancher Verlust wieder aufholen. "Aktuell ziehen wir auch Positives aus der Zeit gemeinsam zu Hause." Bis wieder geöffnet werden kann, wird sie die Zeit vielleicht noch für die eine oder andere Verschönerungsarbeit im Salon nutzen - und für die Familie.

Dehoga: Nicht unser Weg

Gegen die Initiative "Wir machen auf" spricht sich auch der Gastroverband Dehoga in Sachsen aus. Die Nöte der Gastronomen derzeit könne er nicht nur nachvollziehen, "sondern wir bekommen sie auch selbst zu spüren", sagt Sprecher Axel Klein. Täglich würden zig Anrufe eingehen. Eine brennende Frage: Wo bleiben die Bundesmittel seit November? Daher könne er den Ärger bei den Gastronomen voll nachvollziehen, "da müssen wir nacharbeiten, und kämpfen, aber auf eine fachliche Art", sagt Klein.

Inzwischen gibt es nun eine andere Initiative, "Wir machen aufmerksam". Es handelt sich um andere Initiatoren, darunter ein Frankfurter Modehändler, die zu einer Plakataktion aufrufen. Auch sie fordern die Öffnung des Einzelhandels - oder "angemessene Entschädigungen". Es drohe nicht nur das Aus von Betrieben, "sondern es gleicht einem staatlich angeordneten Berufsverbot." Ein Hauptproblem sei: "Wenn die für die laufende Saison eingekaufte Ware nicht verkauft wird, so muss sie nahezu komplett abgeschrieben werden."

Auf ihrer Website schreiben die Initiatoren: "Wir möchten uns gleich vorab entschieden von 'falscher' Einordnung unseres Protestes distanzieren." Sie seien keine Corona-Leugner, Rechte, Schwurbler oder Maskenverweigerer. "Viele unter uns", heißt es auf der Website, "teilen bestimmt nicht die Meinung der Regierung, dennoch sind wir bereit die angeordneten Maßnahmen zu befolgen." Allerdings "nicht zu jedem Preis", heißt es. Man lasse sich nicht "tatenlos hinrichten". In Weißwasser etwa teilten ein Friseur und ein Ledergeschäft das Plakat von "Wir machen aufmerksam" auf ihrer Facebookseite.

Was er von all dem halten soll, weiß Frank Reimann auch nicht recht. "Ich bin definitiv dagegen, einfach Geschäfte zu öffnen." Aufmerksam zu machen auf die Not der Händler findet er aber schon richtig. Was er sich und seinen Kollegen wünscht, ist eine Zukunftsperspektive. "Das Schwere ist, es ist keine Lösung in Sicht. Der Lockdown ist eine der wenigen Möglichkeiten, die wir haben in dieser Pandemie", sagt er. "Aber dass kein zielführendes Arbeiten möglich ist, ist mental mit der Zeit wirklich belastend."

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