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Gibt's eine Zukunft für Post, Lotto und Co.?

Die Inhaberin von „Richters Kaufpunkt“ in Melaune geht in Rente, fast 30 Jahre nach der Eröffnung. Was danach mit dem Laden geplant ist.

Der Laden von Ilona Richter hat bis Ende Juni täglich geöffnet.
Der Laden von Ilona Richter hat bis Ende Juni täglich geöffnet. © Constanze Junghanß

Es war kurz nach der Wende, als Ilona Richter ihren Laden eröffnete – in einem Ort mit weniger als 400 Einwohnern. Die Industriewarenverkaufsstelle des DDR-Konsums in Melaune hatte da gerade die Türen für immer geschlossen. Beim Konsum arbeitete Ilona Richter zuvor. Angestellt. Das Konsumgebäude gibt es immer noch – seit Jahren verwaist. An der S 122, die durch den Vierkirchener Ortsteil führt, baute Familie Richter das Elternhaus ihres Ehemanns Klaus-Dieter zum Kaufpunkt aus. Unten das Geschäft, oben Mietwohnung. Eine Art Warenhaus auf kleiner Fläche mitten im Dorf entstand. Und für Frau Richter eine neue Arbeitsstelle.

Dicht an dicht hängen auf der Stange T-Shirts, Pullover und eine weiß gepunktete rosa Dederon-Kittelschürze. Kittelschürzen würden immer mal nachgefragt, ist Frau Richters Erfahrung. Deshalb bleibt das gute Stück im Sortiment. Ein Relikt aus DDR-Zeiten, das diese Dank der praktischen Handhabung und der blitzschnellen Trocknung auf der Leine überlebte. Ebenfalls beliebt: Kochbücher aus DDR-Zeiten. „Neu aufgelegt“, wie die Inhaberin berichtet. Die verkauften sich super. Warum? Frau Richter vermutet, weil da vor allem einfache und auf ein notwendiges Minimum reduzierte Zutaten Schmackhaftes aufzeigen. Darauf legten neuerdings immer mehr junge Leute Wert.

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Nebenan die Kindersachen, dazu Deko, Deckchen, Nippes und eine kleine Spielwarenabteilung zum Stöbern. Und Literatur aus der Oberlausitz. Herzstück des Ladens sind die Post und das Lottospiel. An der Kasse gibt es Ansichtskarten: Von Melaune und von Tetta – zwei kleine Orte, die in Tourismusführern wahrscheinlich weniger auftauchen.

Textilien, Schreibwaren, Lotto: Ein Minikaufhaus auf dem Dorf.
Textilien, Schreibwaren, Lotto: Ein Minikaufhaus auf dem Dorf. © Constanze Junghanß

Die Türglocke bimmelt. „Ist das hier die Post“, fragt ein Mann, der offenbar in Eile ist. Zwei Briefe will er abgeben. Ilona Richter zeigt ihm, dass draußen der Briefkasten hängt. „Hier kommen viele Leute rein, die Richtung Niesky oder Cunewalde auf Arbeit und wieder zurückfahren“, erzählt sie. Ihr Kaufpunkt: Ein Ort zum zwischendurch mal anhalten. Die Lage an der Durchfahrtstraße habe sich immer als Vorteil erwiesen. „Die Straße ist die Lebensader des Dorfs. Sie hält kleine Läden am Laufen“, sagt die Unternehmerin.

Doch nun ist Schluss. Ilona Richter geht nach fast 30 Jahren der Selbstständigkeit in den Ruhestand. Am 30. Juni ist ihr letzter Arbeitstag. Vielleicht gibt es zum Abschied für die Kunden ein Gläschen Sekt? So genau weiß sie das noch nicht. Eine Feier zu planen, sei in diesen Tagen nicht möglich. Sie wird abwarten, wie sich das mit Corona entwickelt. Sekt gabs aber auch vor einer Weile schon einmal. Ein Unbekannter hatte ihr einen ganzen Karton vor die Tür gestellt, verbunden mit einer anonymen Dankeschön-Karte. Vielleicht jemand, der in ihrem Laden irgendwann das große Los gezogen hatte? Es gab in der Vergangenheit einige sechsstellige Gewinne beim Lotto in Melaune. Damals durfte damit noch Werbung gemacht werden. Auf einer Tafel stand die Höhe des finanziellen Glücksgriffs. Jetzt sei das aus Datenschutzgründen nicht mehr möglich.

Ilona Richter sieht ihrem Ruhestand entspannt entgegen.
Ilona Richter sieht ihrem Ruhestand entspannt entgegen. © Constanze Junghanß

Die Glocke schellt erneut. Ein Paket wird abgegeben. Wer eintritt, muss Maske tragen. Darauf achtet Ilona Richter resolut. „Es gab einige wenige, die drehten wieder um, weil sie sich nicht dran halten wollten“, sagt sie. In ihr Geschäft kommen auch Eltern und Großeltern: Spielzeug bestellen über den Katalog – kein Problem. Oft bleibt Zeit für einen kleinen Schnack. Zuhören können, das sei wichtig in diesem Beruf.

Wird ihr das nicht fehlen, wenn sie in Rente geht? Ilona Richter lacht. Sie freut sich auf ihren Ruhestand mit 65 Jahren. Endlich sei dann mehr Zeit für die Familie, den Garten und das Schmökern in Büchern. Von ihren Kindern bekam sie einen Gutschein für die Volkshochschule geschenkt. Einen Fotografie-Kurs möchte Frau Richter belegen. Das Wichtigste sei jedoch, gesund zu bleiben. Alles andere würde sich finden.

Gefunden hat Ilona Richter auch eine Nachfolgerin. Im Juli wird der Laden renoviert und im August soll er neu eröffnet werden. Eine junge Frau aus dem Nachbarort Meuselwitz tritt in ihre Fußstapfen. „Ich freue mich sehr, dass das Geschäft erhalten bleibt“, sagt sie.

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