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"Endlich öffnet die Synagoge"

Aus der wohl langwierigsten Görlitzer Baustelle ist nach fast 30 Jahren Sanierung ein prachtvolles Gebäude geworden. Lange aber war nicht klar, wohin die Reise geht.

Wurde vor einigen Jahren die Fertigstellung der Kuppel gefeiert, so ist die Synagoge nun vollständig saniert und als Kulturforum Görlitzer Synagoge für jeden geöffnet.
Wurde vor einigen Jahren die Fertigstellung der Kuppel gefeiert, so ist die Synagoge nun vollständig saniert und als Kulturforum Görlitzer Synagoge für jeden geöffnet. © Jens Trenkler

Für alle, die sich der Görlitzer Synagoge am Stadtpark verbunden fühlen, ist der 12. Juli ein besonderes Datum – der große Tag der Eröffnung. "Endlich" und "ich freue mich" sagen viele. Zum einen, weil die einstige "Neue Synagoge" seit einem guten halben Jahr auf ihre Eröffnung als Kulturforum wartet. Seit Dezember 2020 ist das ehemalige jüdische Gotteshaus fertig saniert, doch wegen Corona musste es geschlossen bleiben.

Zum andern geht am Montag ein Kapitel der Görlitzer Stadtgeschichte zu Ende, das Politiker, Denkmalschützer, Förderer, Veranstalter und letztlich die Nachfolger der einstigen Erbauer 30 Jahre lang bewegt hat.

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Was die Synagoge schon alles werden sollte

"Es war ja nicht immer klar, was aus der Synagoge werden wird", sagt Peter Mitsching, der die Hauptphase der Sanierung als Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde von 2008 bis 2017 begleitet hat.

2018 fand ein Teil der Literaturtage in der Görlitzer Synagoge statt. So wird das Kulturforum in Zukunft öfter genutzt werden.
2018 fand ein Teil der Literaturtage in der Görlitzer Synagoge statt. So wird das Kulturforum in Zukunft öfter genutzt werden. ©  Archiv/Pawel Sosnowski

Die Synagoge sollte in der Vergangenheit vieles werden: Europäisches Bildungszentrum, bespielbare Baustelle, Teil des Görlitzer Brückenparks, sichtbar geschändetes Symbol für den Holocaust, religiöses Zentrum für eine kleine jüdische Gemeinde. Was sie heute ist: ein Kulturforum, das die einstige Pracht der 1911 eröffneten Synagoge fast in Gänze zeigt; das dennoch die Verbrechen an den europäischen Juden nicht verschweigt; und das sowohl Veranstaltungs- als auch Bet- und Gedenkhaus ist.

Grund für die Errichtung des Jugendstilbaus kurz vor dem Ersten Weltkrieg war das rasche Anwachsen der jüdischen Gemeinde in Görlitz. Erst ab 1847 hatten sich hier wieder Juden ansiedeln dürfen, seit sie im 14. Jahrhundert aus großen Teilen Europas vertrieben worden waren. 1885 hatte die jüdische Gemeinde fast 700 Mitglieder, sie machten rund ein Prozent der Görlitzer Stadtbevölkerung aus.

Schrumpfende Gemeinde baute große Synagoge

Da war die "Alte Synagoge" an der Langenstraße schon lange zu klein. 1870 legte die Gemeinde einen Fonds zur Finanzierung eines Neubaus an, besonders die Kaufleute Emmanuel Alexander-Katz und Martin Ephraim sowie der Rabbi Siegfried Freud setzten sich für die Neue Synagoge ein. Aus einem deutschlandweiten Wettbewerb gingen die bedeutenden Architekten William Lossow und Hans Max Kühne als Erbauer der Synagoge hervor.

Eröffnung der Neuen Synagoge 1911.
Eröffnung der Neuen Synagoge 1911. © Robert Scholz/Ratsarchiv Görlitz

Als das eindrucksvolle Gebäude 1911 mit seinen 500 Plätzen eröffnet wurde, zählte die jüdische Gemeinde schon nicht mehr ganz so viele Mitglieder wie noch 10 Jahre zuvor. Und je stärker der Antisemitismus in den 1920ern wurde, desto mehr Juden verließen Görlitz. 1933 lebten 94.000 Menschen in der Stadt, davon 376 Juden, nur noch ein halbes Prozent der Bevölkerung. Bis 1938 sank ihre Zahl auf 200, danach endet die Statistik – die jüdische Gemeinde wurde ausgelöscht.

Dass in der Reichspogromnacht der christliche Küster der Synagoge die Feuerwehr rief, die vom Befehl, alles Jüdische brennen zu lassen, noch nichts wusste, ist oft berichtet worden. So überstand die damals noch junge Synagoge den 9. November 1938 und wie ganz Görlitz auch den Krieg. Geschändet wurde sie trotzdem. Den Davidstern riss man vom Dach, Inschriften, auch jene, die an die Verdienste von Görlitzer Juden im Ersten Weltkrieg erinnerte, wurden zerschlagen, das Gebäude verfiel über Jahrzehnte. 1945 ging die Synagoge in den Besitz der Jüdischen Gemeinde Dresden über, die sie 1963 der Stadt Görlitz verkaufte.

Neubeginn nach 1990

Görlitzer wie der langjährige CDU-Landtagsabgeordnete Volker Bandmann erinnern sich, dass die frühere Synagoge im Bewusstsein der Stadt bis in die 1980er kaum eine Rolle spielte. Erst Ende des Jahrzehnts habe die Frauenkirchengemeinde begonnen, an die Pogromnacht zu erinnern und der Görlitzer Juden zu gedenken.

Prächtig saniert und teilweise restauriert, fast wie die jüdische Gemeinde vor 100 Jahren ihre Synagoge kannte. Der Löwenfries unter der blau-goldenen Kuppel.
Prächtig saniert und teilweise restauriert, fast wie die jüdische Gemeinde vor 100 Jahren ihre Synagoge kannte. Der Löwenfries unter der blau-goldenen Kuppel. © Martin Schneider

Bandmann war es auch, der sich in den ersten Nachwendejahren im Sächsischen Landtag für die Sicherung und Sanierung der Synagoge einsetzte. "1990 in Straßburg erfuhr ich, was mit europäischen Geldern alles möglich ist", erinnert sich der heute 69-Jährige. Wofür es damals Geld gab, wenn auch nicht aus Europa, sondern von Bund, Land, Stadt und Stiftung Denkmalpflege, war ein Europäisches Bildungs- und Informationszentrum, mit Volker Bandmann, Ulf Großmann und dem Landesdenkmalpfleger Udo Frenschkowski im Vorstand des gleichnamigen Vereins, kurz: EBIZ. Dieses Zentrum sollte der Begegnung von Deutschen, Polen und Tschechen dienen.

Die Geschichte des EBIZ mit Ulf Großmanns Strang Kultur und Information und Bodo Voigts Strang Bildung und Beschäftigung ist ambivalent. Zum einen ist sie eng damit verbunden, dass die Stadt sich ab 1991 wieder um die Synagoge kümmerte, sie baulich sicherte und vor allem ihr Kuppeldach sanierte. Andererseits ist die Sanierung durch das EBIZ in den 1990ern umstritten.

Sanierung zur bespielbaren Baustelle

Häufig wird behauptet, damals seien durch den Einsatz von ABM-Beschäftigten historische Befunde verloren gegangen. Andere sagen, das EBIZ habe sich nie an der Substanz vergriffen, die Facharbeiten seien von Firmen ausgeführt worden. Manches wurde auch bewusst als Provisorium eingebaut, falls irgendwann eine hochwertige Sanierung folgen würde. Aber der Verein brachte das Erdgeschoss in den Zustand einer "bespielbaren Baustelle", die 1997 durch das von Bodo Voigt organisierte Konzert mit dem weltberühmten Geiger Yehudi Menuhin eröffnet wurde. Die Sanierung blieb jedoch unvollendet, 1998 ging der Beschäftigungszweig des EBIZ insolvent.

Bodo Voigt organisierte in den 1990er-Jahren mit dem EBIZ die erste Sanierung der Synagoge zur bespielbaren Baustelle.
Bodo Voigt organisierte in den 1990er-Jahren mit dem EBIZ die erste Sanierung der Synagoge zur bespielbaren Baustelle. © Archivfoto: Pawel Sosnowski

Lange konnte sich der Görlitzer Stadtrat nicht einigen, was mit der teilweise sanierten Synagoge werden soll. Nach der EU-Ost-Erweiterung 2002 war im Gespräch, dass sie Teil des Brückenparks rund um Stadthalle, Stadtpark und Dom Kultury werden solle. Viele waren skeptisch, ob dann noch genug Geld für die Stadthalle bliebe. Wie heute bei der Stadthalle hieß es damals bei der Synagoge, es fehle ein Betreiberkonzept. Auch bestehe kein Grund, das Gebäude ohne jüdische Gemeinde perfekt wiederherzustellen.

Kleine jüdische Gemeinde kam nach Görlitz

Eine solche jüdische Gemeinde gründete sich 2005 mit wenigen Mitgliedern, die außer Mira Gelehrter, Avi Goldreich und später Alex Jacobowitz kaum in Erscheinung trat, aber signalisierte, die Synagoge kaufen zu wollen. Das Angebot über 20.000 Euro lehnte die Stadt Görlitz allerdings ab.

Weil die jüdische Gemeinde eine Art Anspruch auf die Synagoge zu erheben schien, kamen sie, die Stadt und der 2004 gegründete Förderkreis, der die Gemeinde unterstützte, in Konflikt über der Frage, ob das Gebäude wieder religiös genutzt werden solle. Doch spätestens als Mira Gelehrter Görlitz verließ, war diese Frage vom Tisch.

Der Förderkreis Synagoge griff dafür den Gedanken der "bespielbaren Baustelle" auf und organisierte ab 2008 Benefizveranstaltungen und Führungen.

Der Förderkreis Synagoge organisiert seit 2008 Führungen und Veranstaltungen, gab aber 2014 auch das Buch "Die Juden von Görlitz" von Ratsarchivar Siegfried Hoche (l.) und Markus Bauer heraus.
Der Förderkreis Synagoge organisiert seit 2008 Führungen und Veranstaltungen, gab aber 2014 auch das Buch "Die Juden von Görlitz" von Ratsarchivar Siegfried Hoche (l.) und Markus Bauer heraus. © Pawel Sosnowski/Archiv

Noch vor der EBIZ-Sanierung hatte der spätere Chefrestaurator Wolfgang Bendorf den Zustand der Synagoge umfangreich dokumentiert. Diese Befunde sollten bald sehr wichtig werden. Denn die denkmalgerechte Sanierung wurde möglich, als die Synagoge 2012 in die Liste der "National wertvollen Kulturdenkmäler" aufgenommen wurde, weil sie als einzige in Sachsen 1938 nicht verwüstet wurde.

Das war der Türöffner. Damit konnte Görlitz mithilfe der Unterstützung von Michael Kretschmer, damals noch CDU-Bundestagsabgeordneter, große Fördermittelsummen von Bund und Land erhalten, das Gebäude Stück für Stück sanieren und teilweise restaurieren. Als 2017 der Görlitzer Kulturservice den Auftrag erhielt, das "Kulturforum Görlitzer Synagoge" zu betreiben, und ein Nutzungskonzept vorlegte, akquirierte die Stadt noch einmal 3,7 Millionen Euro, mit denen der Bau nun schnell voranschritt. Insgesamt sind in die Sicherung und Sanierung der Synagoge seit 1991 12,6 Millionen Euro geflossen.

Freude über Pracht und versteckte Technik

Dass sie nun in ihrer ganzen Pracht wieder zu erleben ist, freut Volker Bandmann, den ersten Unterstützer der Synagoge nach der Wende: "Jetzt sieht man endlich, was für einen Schatz wir mit ihr haben und was wir den früheren jüdischen Görlitzern verdanken."

Peter Mitsching ist glücklich, dass neben den beiden großen Baustellen Bahnhofshalle und Kaufhauskuppel, die er in seiner Zeit als Stadtbildpfleger betreute, nun auch die dritte große Sanierung seiner Amtszeit abgeschlossen ist. Besonders die Restaurierung der Leuchter und Lampen war ihm ein wichtiges Anliegen. "Und ich freue mich, dass es gelungen ist, die für Veranstaltungen nötige technische Ausstattung fast unsichtbar zu integrieren."

Dass solche originalgetreuen Leuchten in den Kuppelsaal gehängt werden konnten, darüber freut sich der frühere Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde Peter Mitsching (nicht im Bild) besonders.
Dass solche originalgetreuen Leuchten in den Kuppelsaal gehängt werden konnten, darüber freut sich der frühere Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde Peter Mitsching (nicht im Bild) besonders. © Nikolai Schmidt
Leuchte in der Synagoge.
Leuchte in der Synagoge. © Martin Schneider

Der Görlitzer OB Octavian Ursu sagt, gerade in den aufwühlenden Zeiten gesellschaftlicher Auseinandersetzungen sei die Eröffnung des Kulturforums ein bedeutendes Zeichen. "Ich wünsche mir, dass es ein Ort der Begegnung, Erinnerung und des vielfältigen kulturellen und gesellschaftlichen Angebotes wird."

Dazu will der Förderkreis Synagoge weiter beitragen. "Wir werden in Zukunft wieder Führungen und Veranstaltungen anbieten", sagt Vorsitzender Markus Bauer, bis April Direktor des Schlesischen Museums in Görlitz. Ursprünglich sei er kein Freund der fast originalgetreuen Restaurierung gewesen. Genau wie Bodo Voigt war er dafür, das Gebäude als Zeugnis sowohl der jüdischen Geschichte als auch der Barbarei zu sanieren und die Wunden sichtbar zu lassen. Aber auch er könne sich dem Charme des Gebäudes nun nicht mehr entziehen, sagt Bauer. Mit dem Gebets- und Gedenkraum in der früheren Wochentagssynagoge sei eine gute Lösung gefunden worden, die dem religiösen Ursprung des Gebäudes gerecht werde.

Buchvorstellung am 17., Tag der offenen Tür am 18. Juli

Und auch Alex Jacobowitz vom Verein Jüdische Gemeinde Görlitz ist froh, dass die Synagoge nun offen ist. "Wir möchten in der Wochentagssynagoge Gottesdienste feiern, aber wir erheben keinen Anspruch auf sie", räumt er eventuelle, um 2005 entstandene Befürchtungen aus.

Für jüdische Gottesdienste trägt Alex Jacobowitz die aus Leipzig geborgte Thora-Rolle hin und wieder in die Wochentagssynagoge.
Für jüdische Gottesdienste trägt Alex Jacobowitz die aus Leipzig geborgte Thora-Rolle hin und wieder in die Wochentagssynagoge. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Etwas jüdische Kultur wird er am nächsten Wochenende verbreiten. Am 17. Juli wird um 19 Uhr sein Buch "Die Neue Görlitzer Synagoge" vorgestellt. Am 18. Juli ist Tag der offenen Tür in der Synagoge mit Musik und Führungen.

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Am Montag wurde das neue Kulturforum eröffnet. Als Zeichen gegen Antisemitismus, als Beispiel für ostdeutschen Denkmalschutz und als Symbol der Freude.

Ist die Eröffnung am 12. Juli nur für geladene Gäste gedacht, so öffnet ab Dienstag die Synagoge für alle, ob sie sich das Gebäude über den Multimediaguide oder eine Führung erschließen oder zu einer der zahlreichen Veranstaltungen kommen wollen, die künftig im Kulturforum Görlitzer Synagoge stattfinden werden.

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