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Jüdische Enkel grüßen Görlitz aus der ganzen Welt

Die Erinnerungswoche hat mit einem Treffen von jüdischen Nachfahren begonnen. Viele ihrer bewegenden Geschichten wurden noch nie erzählt.

Von Ines Eifler
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Tamara Meyer ist die Enkelin von Walter Totschek. Sie erinnerte daran, wie glücklich ihre Vorfahren in Görlitz waren.
Tamara Meyer ist die Enkelin von Walter Totschek. Sie erinnerte daran, wie glücklich ihre Vorfahren in Görlitz waren. © Martin Schneider

Wie das Treffen einer einzigen großen Familie, deren Geschichte sich aus Puzzleteilen aus der ganzen Welt zusammenfügt. So wirkte die Zusammenkunft der Nachfahren von Görlitzer Juden, mit dem am Donnerstag die erste Jüdische Erinnerungswoche im Kulturforum Synagoge eröffnet wurde.

Mitglieder von neun Familien, die früher gut bekannt miteinander waren – der Arnades, der Muhrs, der Kupferbergs, der Totscheks, der Wallachs und Rauchs, der Herbsts, der Slotowskis, der Feldmanns und der Hannes' – waren auf Einladung von Lauren Leiderman, der Organisatorin dieser Woche, nach Görlitz gekommen, um hier ihre Geschichten zu erzählen und zueinander zu finden.

Von Görlitz in die Welt

Von ihren Vorfahren sprachen sie, die sich ab 1847 nach dem "Judenverbot" in Görlitz ansiedelten; von den Geschäften und Fabriken ihrer Urgroßeltern; von dem glücklichen Leben, in das ihre Großeltern in Görlitz hineingeboren wurden, bevor das Unglück 1933 über sie hereinbrach; und davon, wie ihre Großmütter und Großväter als wenige Überlebende dem Holocaust entkamen und sich in den USA, aber auch in vielen anderen Ländern, ein neues Leben aufbauten.

Die Veranstaltung mit Nachfahren von Görlitzer Juden war am Donnerstag ausverkauft.
Die Veranstaltung mit Nachfahren von Görlitzer Juden war am Donnerstag ausverkauft. © Martin Schneider

Die Familien gehörten Anfang der 1930er zu den knapp 380 Mitgliedern der Görlitzer Jüdischen Gemeinde. Mehrere Nachfahren sagten, sie empfänden Glück und Stolz, aus Görlitz zu stammen. Die meisten lobten die vorbildliche Sanierung der Synagoge ihrer Vorfahren. Einige sagten, sie hätten sich sofort heimisch gefühlt, als sie Görlitz betraten. Und alle lobten das Engagement von Lauren Leiderman, die diese große Zusammenkunft und die Erinnerungswoche dank Unterstützung des US-Generalkonsulats in Leipzig und anderer ermöglichte, sowie Daniel Breutmann, zuständig für die Verlegung der Stolpersteine.

Glücklich, aus der Görlitzer Gemeinde zu stammen

Mit dabei war Peter Arnade aus Kalifornien, der Urenkel des Kofferfabrikgründers Julius Arnade. Anders als sein Onkel Paul, der in Theresienstadt umkam, war Peters Großvater Kurt lange beim Militär. So konnte er durch seine Kontakte über die Schweiz nach Bolivien fliehen. Dann ging die Familie in die USA. Neun Familienmitglieder seien in Theresienstadt und Auschwitz, insgesamt aber 30 im Holocaust umgekommen, sagte Peter Arnade. Und trotz allem: "Ich bin sehr stolz darauf, Nachfahre der Görlitzer Gemeinde zu sein." Er sei seit 1975 zum zweiten Mal da. "Ich kann gar nicht glauben, wie schön Görlitz geworden ist und wie nett die Görlitzer sind."

Peter Arnade gehörte zu den Nachfahren jüdischer Görlitzer, die im Kulturforum Synagoge über ihre Familien sprachen.
Peter Arnade gehörte zu den Nachfahren jüdischer Görlitzer, die im Kulturforum Synagoge über ihre Familien sprachen. © Martin Schneider
Lauren Leiderman, die den Abend als Auftakt der Jüdischen Erinnerungswoche Görlitz organisiert und 20 Nachfahren jüdischer Görlitzer eingeladen hat.
Lauren Leiderman, die den Abend als Auftakt der Jüdischen Erinnerungswoche Görlitz organisiert und 20 Nachfahren jüdischer Görlitzer eingeladen hat. © Martin Schneider
Schuhhaus Rauch in der Berliner Straße, später Salamander.
Schuhhaus Rauch in der Berliner Straße, später Salamander. © Martin Schneider
Familie Slotowski, für die jetzt Stolpersteine in der Nonnenstraße verlegt wurden.
Familie Slotowski, für die jetzt Stolpersteine in der Nonnenstraße verlegt wurden. © Martin Schneider
Peter Feldmann, der trotz der Geschichte seiner Familie seit 35 Jahren in Deutschland lebt, "ohne Hass im Herzen".
Peter Feldmann, der trotz der Geschichte seiner Familie seit 35 Jahren in Deutschland lebt, "ohne Hass im Herzen". © Martin Schneider
Die Nachfahren von neun jüdischen Görlitzer Familien, deren Vorfahren in den 1930ern flohen und überlebten.
Die Nachfahren von neun jüdischen Görlitzer Familien, deren Vorfahren in den 1930ern flohen und überlebten. © Martin Schneider

Laura und Sabine Landsberger fanden durch Ahnenforschung heraus, dass sie vom jüdischen Religionsreformer Abraham Muhr (1781 bis 1847) abstammen und mit Renate Muhr aus Görlitz verwandt sind, Ecke Moltke-/Blumenstraße in einer herrschaftlichen Wohnung aufwuchs und heute 92-jährig in Sao Paulo, Brasilien lebt. Die beiden animierten eindrücklich dazu, Ahnenforschung zu betreiben, indem sie zeigten, wie ihr erst kleiner Stammbaum zu einem Dokument von fünf Metern Länge anwuchs, das ihnen viele neue Verwandte bescherte.

Dan Peri aus Kalifornien erzählte von seiner Grußmutter Ilse Kupferberg, 1906 in Görlitz geboren, und dem Schneiderbedarfshandel, den die Familie ab 1880 mit zeitweise 42 Angestellten in der Elisabethstraße 36 betrieb, bis es 1933 boykottiert wurde. Die Initialen von Georg Kupferberg sind bis heute an der Tür zu lesen. Peris Großeltern konnten nach Palästina fliehen und gingen später in die USA. Bitter jedoch: Seine Uroma war noch 1937 in Palästina zu Besuch gewesen, wollte aber dort nicht allein bleiben. Zurück in Görlitz, bekam sie aber kein zweites Visum, sondern kam in Auschwitz um.

Das Schweigen der Großväter

Welch glückliche Zeit ihre Großeltern in Görlitz hatten, erzählte Tamara Meyer, die Enkelin von Walter Totschek, dem letzten jüdischen Inhaber des Kaufhauses in der Steinstraße. Sie lebt heute in Maryland und zeigte Fotos von ihren Großeltern: tanzend, möglicherweise im Stadthallengarten, mit Kegelfreunden beim Wandern, unterwegs in den Bergen – Eindrücke aus einer Zeit, als es noch keine Rolle gespielt habe, ob man Jude oder Nichtjude war. Für die Familie Totschek, die nach Amerika floh, wurden am Freitag vier Stolpersteine verlegt.

Auch norwegische Nachfahren von Julius Herbst waren da, dessen Görlitzer Eisenmöbelfabrik von seinem nichtjüdischen Schwager August Voss weitergeführt wurde und so bis 1965 bestand. Dessen Witwe starb 1981 in Görlitz.

Die jüngste Nachfahrin war Jodi Wallach aus Connecticut, eine Ururenkelin von Karl Wallach, der zusammen mit seinem Schwager David Rauch mehrere Schuhgeschäfte in Görlitz betrieb. Sie erzählte unter Tränen, dass ihr Großvater nie über Görlitz sprach und wie schwer es war, etwas über die Herkunft zu erfahren. Ein Grund sei, dass ihr Opa seine Mutter zurücklassen musste. Seine Frau und er fanden sich nach dem Krieg in den USA wieder, seine Mutter aber war schon auf dem Transport ins Warschauer Getto, bevor ihr Visum ankam. Das habe er nie verwunden.

Ohne Hass im Herzen

Die US-amerikanischen Nachfahren der Familie Slotowski, für die gestern in der Nonnenstraße vier Stolpersteine verlegt wurden, erzählten, Musik spiele in der Familie bis heute eine große Rolle. Die Musikerin Ibolyka Slotowski floh mit ihrem Mann und zwei ihrer drei Kinder, eins neugeboren, von Görlitz nach Shanghai, wo sie und ihr Mann an Typhus starben. Die Kinder wurden getrennt adoptiert, fanden aber später wieder in den USA zusammen.

Peter Feldmann aus Buenos Aires erinnerte an die Görlitzer Sockenfabrik seines Urgroßvaters Nathaniel, der den Bau der Synagoge unterstützt hatte, und alles schwer wurde, als dem Feldmann-Haus in der Konsulstraße gegenüber das "braune Haus der Hitlerjugend" eingerichtet wurde. "Mein Vater sprach nie darüber", sagte Feldmann. Trotz aller Schwere war er voller Hoffnung. "In meinem Herzen ist kein Hass", sagte er und zeigte Fotos von seinen fünf Cousins in Israel, ihren 18 Kindern und 30 Enkeln. Er selbst lebt seit 35 Jahren in Deutschland.

Lauren Leiderman und Judi Hannes Mendelsohn, die Urenkelin von Amanda Hannes, bei der Veranstaltung "Telling Our Story" mit jüdischen Nachfahren in der Görlitzer Synagoge.
Lauren Leiderman und Judi Hannes Mendelsohn, die Urenkelin von Amanda Hannes, bei der Veranstaltung "Telling Our Story" mit jüdischen Nachfahren in der Görlitzer Synagoge. © Martin Schneider

Amanda Hannes, die ebenfalls den Synagogenbau unterstützte und nun mit einem Stolperstein in der Kunnerwitzer Straße geehrt wird, hat eine Urenkelin in Florida. Auch diese sagte, wie stolz sie sei, von dieser bedeutenden Görlitzer Persönlichkeit und Frauenrechtlerin abzustammen. Deshalb sei sie froh, seit Kurzem die deutsche Staatsbürgerschaft zurückbekommen zu haben, die ihrer Familie einst geraubt wurde.

Jüdische Geschichte bringt Europastadt zusammen

Das gilt auch für die Nachkommen von Martin Ephraim, zwei Brüder, die sich per Videobotschaft aus London meldeten. Sie seien seit zwei Jahren deutsche Staatsbürger. "Wir sind Patrioten", sagten sie und grüßten euphorisch nach Görlitz. Fast ein Viertel der 80 Nachfahren, die Lauren Leidermann auf der ganzen Welt gefunden hat, schickten ebenfalls Videogrüße. Aus zahlreichen Orten der USA, aus Chile, Australien, Israel, Brasilien, Mexiko, aber auch Berlin und Ulm, meldeten sich mit meist überschwänglichen Botschaften. Besonders häufig waren Nachkommen der Familie Alexander-Katz vertreten, dem sich der Bau der Synagoge in besonderem Maße verdankt.

Außer dem US-Generalkonsul Ken Toko aus Leipzig, der Lauren Leidermans Engagement würdigte, sprach auch Zgorzelec' Bürgermeister Rafal Gronicz in der Synagoge. Als Vertreter der Europastadt sagte er, schätze er sich glücklich, dass der 1945 abgerissene Faden der gemeinsamen Geschichte dieser Stadt nun durch den Besuch der jüdischen Familien wieder ein Stück zusammengeknüpft werde. Mit dem Erinnern an die gemeinsame jüdische Geschichte wachse die Europastadt weiter zusammen.