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Er schenkte der Görlitzer Synagoge seinen Steinway

Friedrich Seibt ist der Sohn eines Görlitzer Pfarrers, lebt aber seit 65 Jahren in Bayern. Als Spender sind er und seine Frau auch in Dresden bekannt.

Der in Görlitz gebürtige Friedrich Seibt schenkte seinen Steinway-Flügel dem Kulturforum Görlitzer Synagoge.
Der in Görlitz gebürtige Friedrich Seibt schenkte seinen Steinway-Flügel dem Kulturforum Görlitzer Synagoge. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Dem 82-Jährigen kamen fast die Tränen, als er bei der Eröffnung des Kulturforums Görlitzer Synagoge am Montag sagte: "In meiner alten Heimat findet mein Flügel eine neue Heimat." Auf diesem B-Flügel der Firma Steinway & Sons hat der Psychotherapeut Friedrich Seibt 33 Jahre lang gespielt, bevor er und seine Frau Uta ihn jetzt dem Kulturforum schenkten.

Friedrich Seibt ist gebürtiger Görlitzer. 1938 zur Welt gekommen, wuchs er als Sohn von Helmut Seibt auf, dem damaligen Pfarrer der Evangelischen Kreuzkirche in der Südstadt. "Mein Vater hatte einen Stutzflügel, und seine Spielkunst begeisterte mich", erzählt Seibt. So sei es auch sein Vater gewesen, der ihm den langen Weg zu dem "von allen Seiten hochgelobten" B-Flügel gewiesen habe. Pfarrer Helmut Seibt war 34 Jahre lang an der Kreuzkirche, 1973 verließ er die DDR in Richtung Westen.

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Görlitz in den 1950ern verlassen

Viel früher schon, 1957, war sein Sohn Friedrich Seibt als 19-Jähriger aus der DDR ausgereist. Im Westen Deutschlands habe er an verschiedenen Orten unregelmäßig auf verschiedenen Klavieren gespielt, erzählt er. "Doch irgendwann fing ich an, davon zu träumen, wieder einen Flügel zu besitzen." Er hatte Unterschiedliches studiert, erst Maschinenbau, dann Wirtschaft, doch schließlich wurde er in München Psychotherapeut.

In den ersten Jahren sei er weit davon entfernt gewesen, sich einen Steinway-Flügel leisten zu können, doch immer wieder besuchte er das größte Münchener Steinway-Haus. "Dort probierte ich, scheinbar sachkundig und finanziell potent, verschiedene Flügel aus, die Mitarbeiter waren sehr zuvorkommend." Und dann war es so weit. 1986 konnte sich Friedrich Seibt den B-Flügel für damals 60.000 D-Mark kaufen.

Der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu dankte Friedrich Seibt für seine Großzügigkeit mit einem Bild von der goldenen Kuppeldecke des Kulturforums Görlitzer Synagoge.
Der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu dankte Friedrich Seibt für seine Großzügigkeit mit einem Bild von der goldenen Kuppeldecke des Kulturforums Görlitzer Synagoge. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Er erinnert sich noch, wie das Instrument mitten im frostigen Winter mit einem Kran in den ersten Stock des am Hang gelegenen Hauses transportiert wurde. "Auf gleiche Weise hat er unser Haus in Starnberg vor zwei Jahren wieder verlassen, als wir es aus Altersgründen aufgeben mussten." In ihrer neuen Wohnung begann sich Friedrich Seibt an ein elektrisches Klavinova zu gewöhnen. Davor aber lagen 33 Jahre, in denen er mit Freude Zeit an seinem Flügel verbrachte. Seine Frau, die Biologin Uta Seibt, sagte am Rande der Synagogeneröffnung, das Haus sei von Musik erfüllt gewesen, wenn ihr Mann Klavier spielte. "Es war wunderbar."

Ehepaar spendete auch für eine Gedenktafel

Friedrich Seibt hatte schon vor einigen Jahren entschieden, seinen Flügel dem Kulturforum Görlitzer Synagoge zu spenden, sobald es eröffnet wäre. Denn mit der Synagoge sind er und seine Frau schon lange verbunden. Gleich nach der Wende hatten sie Verbindung nach Görlitz aufgenommen, dann die Sanierung und das Erblühen der Altstadt mitverfolgt und am Schicksal der Synagoge lebhaften Anteil genommen.

Vor allem über das Magazin der Stiftung Denkmalschutz erfahren die Seibts häufig von Denkmalen, die der Unterstützung bedurfen. So war es auch mit dem Dresdner Eliasfriedhof und dem Grabmal von Johann Georg Lichtenegger, ein hoch dekorierter General in der Chevaliergarde, einer Elite-Reitereinheit von August dem Starken. Der König von Polen und Kurfürst von Sachsen war es dann wohl auch selbst, der anordnete, Lichtenegger nach seinem Tod 1729 ein Grabmal zu errichten. Nicht nur für dieses Grabmal, sondern für weitere auch spendeten die Seibts.

Ganz ähnlich auch bei der Görlitzer Synagoge. Als die Stiftung Denkmalschutz in einer Zeitschrift um Spenden warb, zögerten sie nicht lange. "Ich hatte geerbt", erzählt Uta Seibt, "und war reicher, als ich je sein wollte." Also gab die einstige Biologin, die viele Jahre in Afrika, Südamerika und Asien gelebt hat, gern Geld für die Restaurierung der Tafel im Vestibül der Synagoge, die heute wieder an den Görlitzer Kaufmann Emanuel Alexander-Katz erinnert.

Dr. Uta Seibt und ihr Ehemann Dr. Friedrich Seibt im April 2018 vor der Gedenktafel für Emanuel Alexander-Katz in der Synagoge.
Dr. Uta Seibt und ihr Ehemann Dr. Friedrich Seibt im April 2018 vor der Gedenktafel für Emanuel Alexander-Katz in der Synagoge. © nikolaischmidt.de

Der hatte 1907 den Bauplatz der Synagoge an der heutigen Otto-Müller-Straße gekauft und sich für den Neubau eingesetzt. Er sah die "Neue Synagoge" als Symbol dafür, dass die Jüdische Gemeinde in der Mitte der Görlitzer Gesellschaft angekommen war. Anders als eine zweite, verschwundene Tafel zum Gedenken an die Errichtung der Synagoge blieb die für Emanuel Alexander-Katz erhalten. Sie war lange Zeit in der Feierhalle des Jüdischen Friedhofs eingelagert und wurde 2018 restauriert.

Dankbar und stolz

Als die Tafel in der Eingangshalle der Synagoge angebracht wurde, erfuhr das Ehepaar Seibt, dass die Sanierung der Synagoge zum Kulturforum voranschritt, aber noch ein Konzertflügel gebraucht werde. Da sie ohnehin überlegen mussten, was mit dem Steinway-Flügel geschehen solle, wenn sie ihr Haus in Starnberg verließen, schlug Uta Seibt ihrem Mann vor: Wie wäre es mit der Görlitzer Synagoge?

Friedrich Seibt wuchs als Sohn eines Pfarrers der Görlitzer Kreuzkirche auf und mag die Ähnlichkeit dieses Jugendstilgebäudes mit der Synagoge.
Friedrich Seibt wuchs als Sohn eines Pfarrers der Görlitzer Kreuzkirche auf und mag die Ähnlichkeit dieses Jugendstilgebäudes mit der Synagoge. © nikolaischmidt.de
Die Neue Synagoge wurde von 1909 bis 1911 im Jugendstil erbaut, ähnlich wie die etwas jüngere Kreuzkirche in der Görlitzer Südstadt.
Die Neue Synagoge wurde von 1909 bis 1911 im Jugendstil erbaut, ähnlich wie die etwas jüngere Kreuzkirche in der Görlitzer Südstadt. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

"Das klang für mich sofort stimmig", sagt Friedrich Seibt. Die Architektur der Synagoge erinnere ihn an die der Görlitzer Kreuzkirche, in deren Pfarrhaus er aufwuchs. Beide seien im Jugendstil erbaut worden – die Architekten hätten ja auch eine Zeit in Dresden zusammen verbracht – und begeisterten ihn durch ihre Ausstrahlung von Schönheit und Kraft sowie die eindrucksvolle Verbindung von Religiosität und Weltlichkeit.

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"Doch ich gebe zu, die Synagoge hat eine Spur mehr Eleganz als die Kreuzkirche", sagt Seibt. "Deshalb bin ich, obwohl ich etwas verschenke, dankbar und stolz, dass mein Flügel in einem so herrlichen Raum stehen darf." Hier werde er mit seinem schönen Klang viel mehr Menschen erreichen, als er es bei ihm und seiner Frau zu Hause jemals konnte.

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