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Wie konservativ darf der Familienbeauftragte sein?

In Görlitz wird am Donnerstag das Amt neu vergeben. Zur Wahl steht der Amtsinhaber, Pastor einer Freikirche, und eine evangelische Pfarrerin, die als Lehrerin arbeitet.

Eugen Böhler im Tivoli. Er ist Pastor einer Freikirche und Familienbeauftragter der Stadt. Für manche passt das nicht mehr.
Eugen Böhler im Tivoli. Er ist Pastor einer Freikirche und Familienbeauftragter der Stadt. Für manche passt das nicht mehr. © Pawel Sosnowski

Ob er die zehn Jahre voll macht? Man weiß es nicht.

Es dürfte am Donnerstagabend ein Kopf-an-Kopf-Rennen werden. Wer künftig Familienbeauftragter von Görlitz wird, entscheidet der Stadtrat in geheimer Abstimmung. Zur Wahl stehen Eugen Böhler, der seit bald zehn Jahren der ehrenamtliche Familienbeauftragte der Stadt ist, sowie Ines Mory, Lehrerin an den Zinzendorf-Schulen in Herrnhut. Teile der CDU und die AfD-Fraktion sollen dafür sein, die Bürger für Görlitz, andere Teile der CDU und die Linke eher dagegen.

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Die Abstimmung wird auch zu einem Kampf ums Familienbild in Görlitz.

So richtig einräumen will das aber keiner. Entstanden ist die Debatte um den Familienbeauftragten aus einer formalen Änderung heraus. Festgelegt wurde voriges Jahr, dass die Amtszeit des Familienbeauftragten an die Wahlperiode des Stadtrates geknüpft ist. Zuvor war sie unbegrenzt. "Das haben wir am Anfang nicht richtig gemacht", erklärt Gabi Kretschmer von der CDU-Fraktion. Thema gewesen wäre die Anpassung eigentlich zu Beginn der Amtszeit des damals neuen Stadtrates 2019. Nun kommt die Neuwahl fast mitten in der Wahlperiode.

Familienbeauftragter mit festgefahrenem Familienbild?

Eugen Böhler würde gerne noch ein paar Jahre als Familienbeauftragter arbeiten, sagt er. "Es stehen Themen an, die wahrscheinlich harte Debatten mit sich bringen werden." Er verweist etwa auf den Bau einer neuen Oberschule. Debatten, in denen er sich gerne sehen würde. Auch die Debatte um den Familienbeauftragten selbst sehe er gar nicht so schlecht. "Ich finde es ganz gut, dass man merkt, dass ein so 'bedeutungsloses Amt' eben doch wichtig ist."

2012 wurde Böhler als Familienbeauftragter gewählt, vorgeschlagen hatte ihn damals die Linke. Er ist Pastor der Freien evangelischen Gemeinde (FeG) in Görlitz. Wie der Name sagt, eine Freikirche. Es gibt diverse Ausrichtungen. Manche gelten als gemäßigt, andere aber als fundamental-christlich. Die FeG Görlitz ist schwer einzuordnen, weil man von außen kaum Einblick hat. Eher evangelikal, also recht strikt, wenig kompromissbereit, beschreibt ein Mitglied einer anderen evangelischen Gemeinde seinen Eindruck.

Jörg Michel ist Pfarrer in Hoyerswerda und war neun Jahre Weltanschauungsbeauftragter der früheren Görlitzer Landeskirche. Die FeG gehört mit zum Bund der freien evangelischen Gemeinden, erklärt er. "Allgemein kann man sagen, dass sie als sehr konservativ geprägt gelten mit einem sehr festgefügten Familienbild." Das könne differenzieren, je nachdem welche Stellung der Pastor innehat, der recht frei agieren könne. Ziemlich deutlich sei beim Bund der freien evangelischen Gemeinden etwa ein sehr stringenter hart-konservativer Kurs gegenüber Homosexuellen, erklärt Michel. Ein Mitglied der FeG ist Stadtratsmitglied Gerd Weise. Auf seiner Facebookseite lässt sich zumindest ein Thema deutlich erkennen: Offensichtlich ist er ein massiver Abtreibungsgegner.

"Habe versucht, neutral zu handeln"

Er habe immer versucht, seine religiösen Ansichten von seiner politischen Beauftragung als Familienbeauftragter abzugrenzen, sagt Eugen Böhler. Die Sorge vor einer Vermengung seiner persönlichen Ansichten und seinem Einsatz für die Familien in Görlitz könne er nachvollziehen, "aber ich habe immer versucht, weltanschaulich neutral zu handeln." So sei er etwa aus dem Vorstand des Familienbündnisses Görlitz ausgetreten, sodass nicht erst der Vorwurf aufkommt, es könne zu einer Unwucht seinerseits kommen.

Es gebe auch Dinge, die er heute anders machen würde. So hatte Böhler vor zwei Jahren die Forderung der CDU nach einer bestimmten Erweiterung eines Fördergebietes unterstützt. Es ging um ein Areal, auf dem sich das Freisebad befindet, aber auch das Tivoli - das der FeG gehört. Ihm sei es nicht um das Gebäude gegangen, sondern um Fahrradstellplätze auf dem Vorplatz, sagt Böhler, aber das Ansinnen, das Fördergebiet bis dahin auszudehnen - "da lag natürlich der Verdacht nahe, ich wolle im eigenen Interesse handeln. Das war nicht klug."

Von sich weist er dagegen eine Nähe zur AfD. "Hand aufs Herz, ich bin ganz sicher nicht zur AfD gegangen, um um Unterstützung zu bitten", sagt Böhler. "Ich habe es in den vergangenen Jahren geschafft, mich mit jeder Fraktion anzulegen."

Auch das könnte Böhler in der Debatte schaden, die CDU-Fraktionssprecher Matthias Urban als diffus bezeichnet. "Man weiß nicht richtig: Wo kommt die Kritik her?" Aus der Bürgerschaft oder Vereinen seien ihm keine Klagen über Böhler zu Ohren gekommen. Das Problem sei eher gewesen, dass es für den Familienbeauftragten nie eine klare Aufgabenstellung gab. Urban findet beide Kandidaten wählbar. "Die Frage ist für mich, wer mehr Familien in der Stadt repräsentieren kann."

Unvergesslich: Streit um die "Dildo-Geisterbahn"

Die CDU hatte Böhler in der Vergangenheit eher den Rücken gestärkt. Für seinen Mut etwa, der Verwaltungsspitze und den Stadträten entgegenzutreten. Böhler habe als Familienbeauftragter mehrere Schlachten geschlagen - "in meinen Augen parteiunabhängig, für die Familien", sagte Dieter Gleisberg als die Diskussion voriges Jahr aufkam.

Andere halten Böhler vor, teils wie der "Rächer der Enterbten" aufzutreten. Oder erinnern an seine Äußerungen zu einer Ausstellung über sexuelle Aufklärung. Diese bezeichnete er damals als "plumpe, plakative und ideologische Abrissbirne, die 'alte' Moral- und Wertevorstellungen abreißt" und als "Dildo-Geisterbahn". Damit sei Böhler bei so einigen untendurch gewesen, auch wegen seiner Ausdrucksweise. "Da war er selbst unter der Gürtellinie", sagt ein Stadtratsmitglied.

Vor allem habe es in der vergangenen Legislaturperiode manche seltsame Diskussion gegeben - gegen Bürgermeister Michael Wieler. "Es wirkte manchmal, als würden sich Weise und Böhler die Bälle zuspielen, um Wieler vorzuführen. Und man wusste nicht, welche Agenda die beiden dabei hatten."

Starke Gegenkandidatin

Es gehe um nichts Persönliches, betont Gabi Kretschmer. Danken wolle sie Böhler etwa für seine Treue. "Die Abberufung der bisherigen Beauftragung steht an und erfordert damit eine Neuwahl", erklärt sie. "Ein Wechsel birgt die Möglichkeit zum Aufwind einer neuen Person, einer Frau und Mutter von fünf Kindern." Ines Mory stammt aus Pasewalk, und kam durch ihren Mann in die Oberlausitz. Seit 27 Jahren ist sie verheiratet. Die Familie lebt in Görlitz. Ihr Mann ist Gefängnispfarrer in Bautzen, Ines Mory ist promovierte Theologin, war ebenfalls Pfarrerin und arbeitet jetzt als Lehrerin an den Zinzendorfschulen Herrnhut.

Der Deutschlandfunk hatte vor anderthalb Jahren mit ihr zum Fall Carsten Rentzing gesprochen. Von dem damaligen sächsischen Landesbischof waren Texte bekannt geworden, die die Kirchenleitung in Teilen als nationalistisch und demokratiefeindlich bewertete. In dem Gespräch geht es insgesamt um den Riss zwischen konservativen und liberalen Vertretern der sächsischen Landeskirche. Ein Riss, den man schon vor Jahren bemerkt habe etwa bei der Frage, ob gleichgeschlechtliche Paare gemeinsam im Pfarrhaus leben dürfen, erzählte Mory.

"Ich halte sie für eine geeignete Bewerberin", sagt Jana Lübeck von der Linken. Als Kampf ums Familienbild würde sie die Wahl am Donnerstag nicht bezeichnen. Aber ja, es spiele eine Rolle. Sie würde frischen Wind befürworten. Mit Eugen Böhler sei sie nicht mehr recht zufrieden, "vor allem, weil wir den Eindruck haben, dass sein Familienbild nicht zeitgemäß ist. Es gibt eben mehr als das Vater-Mutter-Kind-Modell." Seine persönliche Meinung könne Böhler gerne vertreten, sie habe aber den Eindruck, dass diese zuletzt zu sehr in sein Handeln als Familienbeauftragter reinspielte. "Das ist vielleicht auch das, was viele Familien davon abhält, ihn überhaupt als Ansprechpartner für alle zu sehen."

Böhler selbst vermutet, es gehe auch um die Arbeitsweise. Frischer Wind, nimmt er an, bedeutet mehr "operatives Geschäft". Böhler hatte sich eher als Anwalt gesehen, wenn es nötig war, Einspruch zu erheben. Aktiv Vorhaben für Familien einzubringen sieht er als Aufgabe des Familienbüros und des Familienbündnisses, mit denen er immer gut zusammengearbeitet habe. Böhler wolle bewusst nicht als "frischer Wind" antreten. "Ich glaube, gerade jetzt braucht es feste Strukturen". So hätten zuletzt mit Sebastian Kubasch und Silke Bähnisch zwei Mitarbeiter die Stadtverwaltung verlassen, die für Jugendarbeit und Bürgerengagement standen. "Es ist eine Lücke im Unterbau entstanden. Wir müssen auch aufpassen, dass es nicht zu einer Zerbröselung der Struktur kommt."

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