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Wer ist der echte Eugen Böhler?

Er ist Pastor in Görlitz, war der städtische Familienbeauftragte und spricht jetzt auf einer Corona-Demo. Wer ihm dabei folgt, stößt auf ein Rätsel.

Eugen Boehler im Tivoli. Hier finden die Gottesdienste der Freien Evangelischen Gemeinde Görlitz statt.
Eugen Boehler im Tivoli. Hier finden die Gottesdienste der Freien Evangelischen Gemeinde Görlitz statt. © Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Das ist ein Porträt über einen Mann, den es gleich mehrfach geben muss. Nicht, weil Eugen Böhler omnipräsent in Görlitz ist, sodass er sich teilen müsste. Vielmehr sind es seine verschiedenen Rollen in dieser Stadt: umstrittener Familienbeauftragter, Prediger einer freien evangelischen Gemeinde, Redner auf Montagsdemos der Corona-Skeptiker - und als liebenswürdiger Gegenüber beim Interview. Böhler macht es einem nicht leicht, ein Bild von ihm zu gewinnen.

Böhler auf der Montagsdemo: "Luther wäre stolz gewesen"

Seit Monaten demonstrieren in Görlitz jeden Montag Gegner der Corona-Maßnahmen, angeführt von Frank Liske, der in Görlitz einen Autohandel betreibt und früher Sprecher der Kreis-AfD war. Zu Pfingsten führte der "Montags-Spaziergang" zum ersten Mal zum Lutherplatz. Einer der Redner dort: Eugen Böhler, der zugleich zum ersten Mal an der Demo teilnimmt. "Diese Stadt, auch mit dieser Demo, ist Vorbild für unsere Gesellschaft", findet er. Luther wäre stolz gewesen auf die Demonstranten, sagt er. So viele Pfarrer dagegen würden sich wegducken. "Martin Luther hätte nicht geschwiegen".

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Zwischen dessen Lebzeiten und heute sind 500 Jahre vergangen, aber geändert habe sich nichts, meint Böhler. So habe Luther schon damals geschrieben: "Die Arznei macht kranke, die Mathematik traurige und die Theologie sündhafte Leute." Lustig, so Böhler, dass Luther damals schon gewusst habe, "dass Arznei, die Big Pharma Industry, auch kranke Leute machen kann. Und dass Mathematik und Inzidenzzahlen und Statistiken kranke Menschen machen können. Und dass eine schweigende, sich weg drückende Theologie in dem gegenwärtigen Zeitgeist sündhafte Leute macht." Welche Unternehmen in der Frühen Neuzeit Big Pharma waren, lässt er offen - erntet trotzdem Applaus.

Eugen Böhler bei der Demo auf dem Lutherplatz.
Eugen Böhler bei der Demo auf dem Lutherplatz. © Sceenshot Youtube

Am Telefon gegenüber der SZ will Böhler diese Äußerungen nicht auf Impfungen bezogen sehen. Luther habe er zitiert, um zu zeigen, dass sich die Themen nie ändern, die Welt ein unablässiger Kreislauf ist. "Und der grundlegende Kern der Menschen ist fast immer ihre Freiheit, Selbstbestimmung und die Sorge vor Bevormundung". Daher halte er das Anliegen der Demonstranten, um Freiheit zu kämpfen, grundsätzlich erst mal für gerechtfertigt. Dass die Demonstration aber auch unter dem Titel "gegen Politfaschismus" angemeldet ist, lässt Böhler dabei unter den Tisch fallen.

Vor einigen Wochen sprach der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu auf der Montagsdemo von seinen Erlebnissen in Krankenhäusern und im Görlitzer Krematorium während der Pandemie. Eindrücke, die die Demonstranten offenbar nicht gern hörten. Er könne aber nicht ausschließen, so Böhler, dass es dort durchaus Menschen gebe, die offen für Diskussionen sind und das Diskussionsangebot der Veranstalter ernst gemeint ist. Die Rede Ursus habe er im Netz in einem Video gesehen, dass er an ein paar Stellen ausgebuht wurde, gehört für Böhler zum demokratischen Streit.

"Wer nur auf Applaus ausgerichtet ist, kann meiner Meinung nach nicht demokratisch sein." Warum er dann ausgerechnet Zitate auswählte, für die er den Applaus der Mehrheit bekam? "Ich fand die Analogie einfach deshalb lustig, weil Luther damals Begriffe nutzte, die heute so aktuell sind in der Debatte." Eine Kritik würde er an seiner Rede halten: "Ich habe es nicht geschafft zu Buhrufen."

Als Russlanddeutscher über Hessen nach Görlitz

Eugen Böhler wurde 1974 in Kasachstan geboren, 1987 konnte die Familie nach Deutschland gehen und zog nach Hessen. Böhler beschrieb vor Jahren gegenüber der SZ, dass er eine schwierige Zeit gehabt habe als Jugendlicher, der kaum Deutsch sprach in einer Region, die nicht auf Flüchtlinge eingestellt war, und auf einer Hauptschule, an der ein raues Klima geherrscht habe. Gläubig sei er damals nicht gewesen, sagte Böhler. Bei der Predigt eines Jugendpastors 1993 aber habe ihn die Botschaft "wie ein Blitzschlag" getroffen. Böhler kam zur Freien Evangelischen Gemeinde Gießen und studierte dort eigenen Angaben nach schließlich Theologie. 2006 kam er nach Görlitz, um eine eigene Gemeinde aufzubauen. Neun Jahre lang war er auch Familienbeauftragter, umstritten wegen seines konservativen Familienbildes, bis er kürzlich abgewählt wurde.

Böhler als Pastor: "Wir sind ein Halunkenstaat geworden"

Als Pastor in seiner Kirche bedient Böhler häufig Bilder, die auf die Corona-Demo gut passen würden. Mit der Bibel in der Hand und deren Texten von vor 2.000 Jahren geht er auf Politiker im jetzt und heute los. Ein "Halunkenstaat sind wir geworden, ohne Anstand, ohne Moral."

Aus Sicht von Böhler ist es deshalb auch nicht "verwunderlich, dass das Land mit vollem Karacho gegen die Wand fährt". Schon mehrfach nahm er sich die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock vor. Die hatte auf dem Ökumenischen Kirchentag - O-Ton Böhler: "Ich will gar nicht wissen, was das ist" - erklärt, sie sei nicht ganz gläubig und hatte damit gemeint, dass sie christlich nicht gebunden ist, aber hin und wieder in die Kirche gehe. Böhler griff diese Äußerung auf und verglich das mit einer undichten Vase. Da sage man auch nicht sie sei nicht ganz dicht. Deswegen müsse man sagen: "Wenn man nicht ganz gläubig ist, dann ist man ungläubig."

Klaus Schwab, ein Lieblingsziel von Verschwörungstheoretikern, war auch in Böhlers Predigten schon Thema.
Klaus Schwab, ein Lieblingsziel von Verschwörungstheoretikern, war auch in Böhlers Predigten schon Thema. © SZ

Auch die Endzeit ist in Böhlers Predigten häufiger Thema. Böhlers Dreiklang, der sich durch seine Predigten zieht, lautet: Deutschland bekommt seine Bestrafung, weil es vom Glauben abgefallen ist; Politiker lügen und sind wahlweise eitel oder Komödianten, die sich für wichtig halten; die Menschen könnten sich nur noch retten, indem sie sich zu Gott bekennen. Das ist weniger evangelisch, schon gar nicht lutherisch, sondern eher bekannt von sich christlich nennenden Sekten.

Scheint Böhler selbst schon aufgefallen zu sein: "Das ist überhaupt nichts sektenhaftes", beruhigte er kürzlich während einer Predigt. Es gehe lediglich um die Frage, was die Bibel den Menschen zu sagen hat. Das tun auch die Evangelischen Landeskirchen. Aber ihr Ton ist ein ganz anderer. Der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Christian Stäblein, sprach dieser Tage vom Trost des Evangeliums, also der Bibel. "Ich möchte mir eine Welt ohne diesen Trost nicht vorstellen müssen - und ohne die, die diesen Trost weitersagen, mal laut, mal leise, mal zitternd, mal vollmundig, immer von Herzen", sagte er vor der Landessynode. "Weil wir um den Trost im Sterben wissen, haben wir Mut zum Leben". Solche Worte würden Böhler nie über die Lippen kommen.

Und so sieht auch der Weltanschauungsbeauftragte der früheren Görlitzer Landeskirche, der Hoyerswerdaer Pfarrer Jörg Michel, durchaus Übereinstimmungen bei Böhlers Äußerungen mit aktuellen Verschwörungstheorien, die Weltuntergangsszenarien beinhalten. „Er interpretiert biblische Quellen als Belege für eine jetzt angebrochene Endzeit“, sagt Michel.

Böhler zur SZ: Ich bin kein Coronaleugner

Bei der Montagsdemo las Böhler aus Luthers "Von der Freiheit eines Christenmenschen" vor. Entstanden war die Schrift aus einem Antwortschreiben Luthers, der sich gegen eine moralisch verkommene, verkrustete Kirche wehrte, an den Papst. "Jetzt kann es sein, dass du nicht weißt, wer der Papst damals war", so Böhler. "Du kennst diesen alten Mann vielleicht heute." Der damalige Papst aber sei eher eine Mischung aus "Bill Gates, Klaus Schwab und Dalai Lama" gewesen.

Auf diese Weise bringt Böhler die Feindbilder der Querdenker unter die Leute: Bill Gates, dem vorgeworfen wird, die Pandemie erst ins Laufen gebracht zu haben; Klaus Schwab, der auf seinem Weltwirtschaftsforum in Davos dem Bösen schlechthin ein Forum bietet; und der Dalai Lama, der hilflos mit anschauen muss, wie sein Land Tibet kulturell umgepflügt wird.

Angst, auf diese Weise selbst in den Reihen von Verschwörungstheoretiker zu stehen, habe er nicht, sagt der Telefon-Böhler. Er kenne Fälle aus dem engsten Freundeskreis mit schweren Corona-Verläufen und sei kein Coronaleugner. Diskutiert werde in seinem Umfeld allerdings, wer in der Coronakrise eigentlich was bestimme. Im vorigen Jahr seien Politiker zu sehr gegensätzlichen Aussagen gekommen, was es den Menschen schwer mache, Halt zu finden. "Sehen Sie, ich komme aus Kasachstan, ich bin sozusagen Ausländer. Ich habe schon einiges im Leben mitgemacht. Von wem ich wie in Verbindung gebracht werde, das ist eigentlich meine geringste Sorge." Sorge mache ihm eher, dass aus Sorge, missverstanden zu werden, nicht mehr kommuniziert werde. Nur macht es Böhler einem auch nicht leicht: Denn welcher ist der echte?

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