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Mitten in der Krise: Umzug von Sheffield nach Görlitz

13 Jahre lang lebten Anna und Bartek Truch in England. Bis Bartek seinen Job verlor. Jetzt wohnen sie in Görlitz. Ein Umzug zwischen Brexit und Corona.

Anna und Bartok Truch sind mit ihren beiden Töchtern von England in die Oberlausitz gezogen.
Anna und Bartok Truch sind mit ihren beiden Töchtern von England in die Oberlausitz gezogen. © Paul Glaser

Luftlinie 1.144 Kilometer. Familie Truch hielt das nicht ab. Auch die Corona-Krise nicht. Sie haben einen Umzug gewagt, vom britischen Sheffield nach Görlitz.

Räumlich kennt sich Anna Truch gut aus in Görlitz. Erstens wohnt ihre Schwester, die ein Hotel führt, schon länger hier und Familie Truch war schon manchmal zu Besuch. Außerdem macht Anna Truch jeden Tag einen Spaziergang durch die Stadt, um ihre Töchter zur Schule zu bringen. Das sei zum Beispiel ein Riesenvorteil an Görlitz. "In Sheffield kommt man ohne Auto nicht weit, hier brauche ich gar keines."

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"Wenn, dann jetzt"

Aber viele Menschen konnten Anna Truch und ihr Mann bislang nicht kennenlernen in Görlitz ob der Corona-Pandemie und der Kontaktbeschränkungen. Eine verrückte Zeit für einen Umzug, vor allem einen solch weiten? "Wir haben gesagt, wenn, dann jetzt. Hätten wir gewartet, wer weiß, vielleicht hätten wir uns dann nicht mehr getraut."

Anna Truch und ihr Mann stammen beide aus dem polnischen Lubán, wo sie sich kennenlernten. Anna Truch hat in Jelenia Gora Germanistik studiert, ihr Mann ist gelernter Automechaniker. Vor 13 Jahren zogen sie nach Sheffield in South-Yorkshire. "Wir kannten dort jemanden", erzählt Anna Truch, warum die Wahl auf Sheffield fiel. Die schwierige Joblage in Polen damals war einer der Gründe, nach Großbritannien zu gehen. Die beiden Töchter sind in Großbritannien geboren. Im August vorigen Jahres entschied die Familie dennoch, ihr Haus zu verkaufen und aufs Festland zurückzukehren.

Aus zwei Gründen. Brexit und Corona. Bartek Truch arbeitete in Sheffield in einer Fabrik, wie Anna Truch beschreibt. Aber der Geschäftsstandort, in dem ihr Mann beschäftigt war, wurde voriges Jahr geschlossen. "Ich denke, beides hat reingespielt", sagt Anna Truch: die erschwerten Bedingungen durch die Corona-Krise und die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die manche Branchen auf der Insel durch den Brexit haben. Corona und Brexit sorgten auch dafür, dass es schwer war, eine neue Arbeit zu finden, "sehr schwer, und wenn, dann sehr schlecht bezahlt."

Wohnungssuche über 1.140 Kilometer: Schwester half

Warum sie sich für Görlitz entschieden? Truchs kennen die Region - durch die Familien in Lubán, die Schwester in Görlitz. Außerdem haben Anna und Bartek Truch, bevor sie nach Sheffield zogen, eine Zeitlang in Breslau gewohnt. Wohnungssuche über 1.144 Kilometer - "wir hatten Glück, durch meine Schwester", sagt Anna Truch. "Sie und ihr Mann haben uns viel geholfen." Eine passende Wohnung fand sich in der Innenstadt. Geholfen hat die Schwester auch bei der Jobsuche. "Für mich war es einfach", sagt Anna Truch. Sie wird, wenn es wieder möglich ist, im Hotel mitarbeiten. "Für meinen Mann war es schwieriger." Aber es klappte letztlich, "ab Montag arbeitet er in einem Görlitzer Geschäft."

Im Oktober zog die Familie um. In einer Zeit, in der die Corona-Zahlen im Kreis Görlitz anfingen, kontinuierlich zu steigen. Mitte Oktober hatte Görlitz die Inzidenz-Grenze 35 überschritten. "Ich muss sagen, darüber hatte ich mir gar nicht so viele Gedanken gemacht. Es war in England zu dem Zeitpunkt viel schlimmer." Mitte Oktober lag zum Beispiel Manchester im Westen von Sheffield bei einer Inzidenz von 530, Nottingham im Süden bei 690. Zahlen, die Görlitz dann im Dezember aufwies.

Trotzdem, ein seltsames Gefühl. Keine neuen Leute sehen, keine neuen Freundschaften schließen, mit denen, die man kennt, nichts planen zu können - "das ist schon bedrückend", sagt Anna Truch. "Aber wir haben eine Arbeit gefunden, das ist erstmal gut, das war wichtig. Und jetzt müssen wir warten."

Viel drehe sich um die Kinder. Über den Umzug nach Görlitz hatten sie sich gefreut, "aber es war schon viel für die beiden." Sie gehen in Zgorzelec zur Schule, deshalb der tägliche Spaziergang. In Polen gilt aktuell, dass die Grundschüler im Präsenzunterricht sind, die höheren Klassenstufen sind im Homeschooling. Aufgewachsen sind die beiden Mädchen mit der englischen Sprache, die sie perfekt beherrschen. "Sie können natürlich auch Polnisch sprechen", erzählt Anna Truch. Aber mit dem Schreiben hapert es noch. "Sie haben eigentlich gute Noten. Aber es ist für sie jetzt natürlich deutlich schwerer als in England." Deshalb fiel auch die Entscheidung, dass sie in Zgorzelec zur Schule gehen, um den Start in der neuen Heimat nicht noch weiter zu erschweren.

Görlitz wirbt um Brexit-Rückkehrer

Görlitz wirbt seit einem Jahr mit einer Kampagne gezielt um Brexit-Rückkehrer. Die Stadt hatte kürzlich ein positives Fazit gezogen. Die Kampagne habe viel Aufmerksamkeit erzeugt, internationale Medien - vor allem britische - berichteten darüber. Bei Familie Truch waren es vielmehr die familiären Beziehungen, die sie zurück aufs Festland zogen. "Wir haben schon einige Bekannte, die nach England ausgewandert sind und jetzt mit dem Gedanken spielen", erzählt Anna Truch. "Sie überlegen schon zurückzukehren, aber ob sie es machen? Sie haben auch Angst." Das Fazit von Freunden in Sheffield zu Truchs Umzug: mutig. "Viele haben auch nicht die Hilfe, die wir haben", also Verwandte vor Ort, die Umzug und Start erleichtern können.

Andererseits: Eine Freundin von Anna Truch ist vor einem halben Jahr von Großbritannien zurückgekehrt, nach Polen. "Und neulich habe ich eine Frau kennengelernt, die in London gelebt hat und vor einem Jahr nach Zgorzelec gezogen ist."

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