merken
PLUS Görlitz

Görlitz verliert die Pferdekutschen

Auf die Standplatzausschreibung hat sich niemand beworben. Das liegt nicht am Preis. Die Bus-Plätze aber sind begehrt.

Christian Mähl aus Kodersdorf fuhr als Kutscher Touristen durch Görlitz. Jetzt ist er arbeitslos, denn solche Stadtrundfahrten gibt es nicht mehr.
Christian Mähl aus Kodersdorf fuhr als Kutscher Touristen durch Görlitz. Jetzt ist er arbeitslos, denn solche Stadtrundfahrten gibt es nicht mehr. © Pawel Sosnowski (Archiv)

Corona-Pandemie, eine überzeugte Tierschützerin und dann die neue Standplatzaufteilung für touristische Stadtrundfahrten: Für den Kutscher Christian Mähl aus Kodersdorf kommt gerade alles zusammen. Und nun? „Na, arbeitslos“, sagt der 63-Jährige und klingt nicht gerade hoffnungsvoll. Seit 2012 ist er für den Radeburger Kutsch- & Kremserfahrten-Unternehmer Axel Gürntke in Görlitz gefahren: „Außer uns gab es keinen, der Stadtrundfahrten mit Pferdekutschen angeboten hat.“

Doch damit ist es vorbei. Axel Gürntke bestätigt das: „Ich habe mich nicht auf die Neuausschreibung der Stadt beworben.“ Seine beiden Kutscher habe er entlassen müssen, die Pferde sind zurück in Radeburg. Die Görlitzer Stadträte hatten festgelegt, dass Kutschen ab 2021 nicht mehr am Obermarkt, sondern am Kaisertrutz ihren Platz haben sollten. Der Platz sei unattraktiv, sagt Mähl: „Dort fahren Straßenbahnen und Stadtbusse.“ Und von den Reisebussen, die dort ankommen, habe er nichts: „Unsere Kunden sind die Individualtouristen.“

Autohaus Dresden
Eines der besten Autohäuser in Deutschland
Eines der besten Autohäuser in Deutschland

Dresden braucht starke und innovative Unternehmen, wie das Autohaus Dresden. Der Opelhändler ist seit über 25 Jahren tief mit der Region verwurzelt.

Drei Anzeigen pro Woche

Doch für Gürntke ist die Stellplatzverlegung nicht der Rückzugsgrund. „Eine Frau aus Görlitz hat uns dreimal pro Woche angezeigt“, berichtet er. Es sei um den Tierschutz gegangen – darum, dass die Pferde auch bei Hitze arbeiten mussten. Das Veterinäramt des Kreises habe ihm daraufhin mitgeteilt, dass er bei Temperaturen von 27 Grad aufwärts keine Droschkenfahrten mehr anbieten dürfe, sondern seine Pferde in den Stall bringen solle.

Stimmt das? Nicht ganz, sagt das Landratsamt. „In einem Einzelfall“ sei „aufgrund mehrfacher Tierschutzanzeigen nach mehrmaliger objektiver Prüfung der Umstände in den Sommermonaten“ auf die Einhaltung der Leitlinien hingewiesen worden – insbesondere im Hinblick auf die Temperatur. Das Amt orientiere sich an der Berliner Leitlinie für Pferdefuhrwerksbetriebe. Die besagt: An Tagen, an denen die Tageshöchsttemperatur 25 Grad erreicht, sind die Pferde mindestens alle zwei Stunden zu tränken. Erreicht die Lufttemperatur im Laufe eines Tages 30 Grad im Schatten, sind Kutschfahrten unverzüglich einzustellen. Das soll nun auch hier gelten.

Tierarzt ist nicht besorgt

Der Görlitzer Tierarzt und Pferdezüchter Matthias Barth findet das übertrieben: „Pferde haben viel mehr Schweißdrüsen als wir Menschen.“ Solange sie genug Wasser und Pausen bekommen, seien Kutschfahrten für sie kein Problem: „Denen geht es gut.“ Schwieriger ist aus seiner Sicht das Finanzielle: „Der Unternehmer musste seine Kutscher bezahlen, dazu die Pferde und den Rosenhof, wo die Tiere den Sommer über untergebracht waren.“ Wenn jetzt noch Standgebühren hinzugekommen wären, wäre für den Unternehmer am Ende wohl gar nichts mehr hängengeblieben.

Auch Christian Mähl bestätigt die hohen Kosten. Die halten ihn davon ab, sich eigene Pferde zu kaufen und sich selbstständig zu machen: „Ich bin 63, da werde ich mir das nicht antun.“ Zumal derzeit wegen Corona keine Fahrten möglich sind und im Winter auch niemand Pferdekutsche fahren will. Weder er noch Gürntke rechnen damit, dass jemand anderes einspringen und Kutschfahrten anbieten wird.

Elf Unternehmen wollten

Die Standplätze für Stadtrundfahrten-Busse am Obermarkt hingegen sind sehr begehrt. Das bestätigt die Stadtverwaltung. „Eingegangen waren zwölf Interessenbekundungen von elf Unternehmen“, sagt Amtsleiter Torsten Tschage. Davon hätten sieben Unternehmen die Voraussetzungen erfüllt. Drei Abfahrtsstellen seien bereits zugeteilt worden: Zwei vor dem Napoleonhaus und die eine vor der Dreifaltigkeitskirche. Die Abfahrtsstelle vor der Staatsanwaltschaft am Obermarkt habe wegen nicht erfüllter formeller Voraussetzungen nicht zugeteilt werden können.

Diese, aber auch die Abfahrtsstellen am Kaisertrutz und in der Fleischerstraße – auf die es auch keine Bewerbungen gab – wurden kürzlich ein zweites Mal bekannt gemacht. Die Antragsfrist endete am Montag, die Auslosung soll am Donnerstag sein.

Stefan Menzel hat einen Platz sicher

Der Unternehmer Stefan Menzel ist sehr gespannt: Für seinen Görliwood-Bus hat er sich auf den Platz vor der Staatsanwaltschaft beworben, sagt er. Den vor der Dreifaltigkeitskirche habe er bereits sicher. Dort aber passt sein Görliwood-Bus nicht hin: „Ich habe auch zwei kleinere blaue Cabrio-Busse, mit denen gehe ich an die Dreifaltigkeitskirche“, bestätigt er. Einen der zwei Busse hatte er schon voriges Jahr, den anderen hat er neu angeschafft.

Vor dem Napoleonhaus hat ein polnischer Unternehmer, der unter dem Namen Salis eine Salzgrotte betreibt und Stadtrundfahrten anbietet, den einen Platz erhalten. Den anderen konnte sich Hans-Ulrich Koinzer mit seinem Oldtimer-Bus sichern. Er wollte sich wegen der hohen Gebühren ursprünglich nicht bewerben, hat es sich aber anders überlegt: „Ich will es zumindest versuchen.“ Den Bus verkaufen könne er immer noch. Derzeit würden aber so viele Busse zum Verkauf stehen, dass er keinen guten Preis erzielen könnte.

Ingo Menzel hofft auf Donnerstag

Ingo Menzel mit seinem Stadtschleicher hat noch keine Zusage. „Ich habe auch eine Bewerbung für den Platz vor der Staatsanwaltschaft abgegeben“, sagt er – und hofft auf Donnerstag. Doch falls das nicht klappt und Stefan Menzel mit dem Görliwood-Bus auch dort den Zuschlag bekommt? Beide sind zwar Namensvetter, aber nicht verwandt. Stefan Menzel bietet Lösungen an: „Wir unterhalten uns darüber, wie man sich ordentlich arrangieren kann.“ Gemeint ist wohl: Mehrere Unternehmen könnten sich in einen Standplatz teilen. Und damit auch in die Gebühren.

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Görlitz