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Warum nicht jedes Flugzeug auf einem Feld ein Notfall ist

In Görlitz gab es jetzt Aufregung um eine Polizeimeldung. Die Flieger geben Entwarnung.

Heinz-Dieter Schüch steht vor seinem Segelflugzeug auf dem Flugplatz in Görlitz. Hier ist sein Flugsportclub ansässig.
Heinz-Dieter Schüch steht vor seinem Segelflugzeug auf dem Flugplatz in Görlitz. Hier ist sein Flugsportclub ansässig. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Die Polizeimeldung von vor zwei Wochen lässt Heinz-Dieter Schüch noch immer mit dem Kopf schütteln. Dass er mit seinem Segelflugzeug „unsanft“ auf einem Feld nahe des Görlitzer Flugplatzes gelandet sei, war dort zu lesen, von einem „harten Aufprall“ und „Unfall“ war die Rede.

„Unsanft, Aufprall, Unfall – nichts davon stimmt“, sagt der 68-Jährige, der seit über 50 Jahren fliegt, im Görlitzer Flugsportclub zweiter Vorsitzender und seit 48 Jahren auch Fluglehrer ist. Was die Polizei korrekt mitgeteilt hat: Er ist am 12. August in einem Feld gelandet, knapp einen Kilometer vom Flugplatz entfernt auf der anderen Seite der Girbigsdorfer Straße.

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So sah es aus, als Heinz-Dieter Schüch mit seinem Segelflugzeug in einem Erbsenfeld gelandet ist.
So sah es aus, als Heinz-Dieter Schüch mit seinem Segelflugzeug in einem Erbsenfeld gelandet ist. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Das allerdings war keine Notlandung, sondern eine Außenlandung, sagt Schüch. Der große Unterschied: Es gibt keinen Notfall, sondern Außenlandungen sind völlig normal: „Sie sind Bestandteil jeder Flugausbildung.“ Im Görlitzer Flugsportclub gab es dieses Jahr bisher sieben Außenlandungen, sagt er. Sechs davon blieben unbemerkt. Sie müssen auch nicht bei der Polizei oder anderen Behörden gemeldet werden.

Nötig werden sie immer dann, wenn keine Thermik mehr vorhanden ist. Anders gesagt: Segelflugzeuge brauchen die Sonne. „Am 12. August kam plötzlich eine dicke Schichtbewölkung auf“, sagt Schüch. Die habe die Sonneneinstrahlung völlig weggenommen. „Wenn die Sonne weg ist, ist kein thermischer Aufwind mehr da, dadurch sinkt man mit dem Segelflugzeug immer tiefer“, erklärt der erfahrene Pilot.

Die Landestelle (roter Kreis) ist ganz nah am Flugplatz (vordere Wiese) – eigentlich nur auf der anderen Seite der Girbigsdorfer Straße.
Die Landestelle (roter Kreis) ist ganz nah am Flugplatz (vordere Wiese) – eigentlich nur auf der anderen Seite der Girbigsdorfer Straße. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Ab 400 Metern Höhe sollte man sich dann nach einem Außenlandefeld umschauen. Wichtig ist, dass es keinen oder nur niedrigen Bewuchs gibt. Ein Maisfeld zum Beispiel ist ungeeignet, die hohen Maispflanzen könnten das Flugzeug beschädigen. Schüch wählte stattdessen ein Erbsenfeld aus, denn Erbsen sind flach. So konnte er sein Flugzeug problemlos, sanft und sicher landen. Anschließend holte er ein Auto, um das Flugzeug zu verladen.

„Mit dem Auto versucht man, auf Feldern die Traktorspuren zu nutzen, um möglichst wenig Schaden anzurichten“, sagt er. Ein kleiner Flurschaden entsteht natürlich fast immer – es sei denn, das Feld ist schon abgeerntet. Doch dafür haben alle Piloten eine Pflichtversicherung, die bei Flurschäden greift. „Ich habe in meinem Leben schon ein paar Außenlandungen hinter mir, aber Ärger mit den Landwirten gab es dabei nie“, erklärt Schüch.

Auf dem Feld steht links von dem gelandeten Segelflugzeug ein Strommast (mit Pfeil markiert). Auf solche Masten müssen Segelflieger bei Außenlandungen achten.
Auf dem Feld steht links von dem gelandeten Segelflugzeug ein Strommast (mit Pfeil markiert). Auf solche Masten müssen Segelflieger bei Außenlandungen achten. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Der Flug, den er an jenem 12. August absolvierte, war ein Langstreckenflug über 520 Kilometer. Schüch flog ein Dreieck: von Görlitz nach Zerbst, von da nach Rzepin östlich von Frankfurt/Oder und dann zurück nach Görlitz. Es war sogar ein Wertungsflug für die dezentrale deutsche Meisterschaft im Streckensegelflug. Dabei kann jeder Pilot fliegen, wann und wo er will. Die drei weitesten Flüge des Jahres kommen in die Wertung. Wer den Ausgangsort wieder erreicht, erhält 30 Prozent Bonus auf die Punkte, die er für den Dreiecksflug erhalten hat.

Die bekam Schüch in diesem Fall nicht, denn er landete nicht auf dem heimischen Flugplatz, sondern einen knappen Kilometer entfernt. „Diese fehlenden Bonuspunkte haben dafür gesorgt, dass ich dieses Jahr in meiner Klasse in Sachsen nur Dritter geworden bin, hinter zwei Piloten aus Pirna“, sagt Schüch. Hätte er den Flugplatz erreicht und die Bonuspunkte bekommen, wäre er Zweiter geworden.

Der 520-Kilometer-Flug war sein drittbester in diesem Jahr. Die anderen beiden, die er in die Wertung einbrachte, hatten Längen von 637 und 608 Kilometern. Zwischen sechseinhalb und siebeneinhalb Stunden benötigte Schüch pro Flug. „Die Zeit wird aber nicht gewertet, es geht nur um die Kilometer“, erklärt er. Seinen längsten Streckenflug absolvierte er allerdings weit von der Heimat entfernt in Südafrika. Dort hat er 1.100 Kilometer am Stück zurückgelegt. Solche Entfernungen wären in Deutschland wetterbedingt nicht möglich.

Es gab aber auch schon Jahre, in denen er – damals noch mit einem anderen Flugzeug – Sachsenmeister wurde. Doch der 68-Jährige ist auch mit seinem dritten Platz zufrieden. Fast noch zufriedener wäre er, wenn die Bekanntheit von Außenlandungen stiege – und wenn niemand mehr die Worte „unsanft“, „Aufprall“ und „Unfall“ dafür nutzen würde.

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