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"Gottes Willen, da verdienst du doch nichts"

Friseur-Azubis bekommen jetzt mehr Geld. Die Angst: dass Friseure nun weniger ausbilden. So ist die Lage in Görlitz.

Menschen schöner machen - für viele immer noch ein Traumberuf. Allerdings hat der Friseurberuf auch den Ruf, dass die Ausbildung schlecht vergütet ist.
Menschen schöner machen - für viele immer noch ein Traumberuf. Allerdings hat der Friseurberuf auch den Ruf, dass die Ausbildung schlecht vergütet ist. © Archiv: dpa

Kathrin Grützner hat es schon manchmal erlebt, dass Kundinnen ihr erzählt haben, sie wären auch gerne Friseurin geworden. "Das ist nach wie vor für viele Mädchen ein Traumjob." Aber mit dem Lehrlingslohn eben oft einer, der sich nur mit Mühe umsetzen lässt. Kathrin Grützner ging es nicht anders. 

"Ich würde den Beruf trotzdem immer wieder wählen"

Heute leitet sie „Cutrin's Salon“ in Hagenwerder. Ihre Ausbildung hatte sie nach dem Abitur Anfang der 90er Jahre begonnen. "Wir haben mit sehr wenig Geld angefangen." Am Ende der Ausbildung waren es vielleicht um die 400 D-Mark. Kathrin Grützner hatte damals noch bei ihren Eltern gewohnt, später mit ihrem Freund zusammen, "irgendwie ging es". Dass sie wenig verdienen würde als Azubi wusste sie vorher, erzählt sie. "Und trotzdem würde ich diesen Beruf immer wieder lernen. Ich wollte diesen Beruf unbedingt." Das Herzblut ist noch immer dabei: Anfang vorigen Jahres machte sie sich selbstständig und übernahm den Salon in Hagenwerder, den zuvor Kirstin Heinzke geführt hatte. 

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Katrin Grützner hat sich voriges Jahr in Hagenwerder selbstständig gemacht.
Katrin Grützner hat sich voriges Jahr in Hagenwerder selbstständig gemacht. © nikolaischmidt.de

Seit diesem Jahr gilt das neue Berufsbildungsgesetz und damit eine Art Mindestlohn für Azubis, die Mindestausbildungsvergütung. Im ersten Lehrjahr liegt die bei 515 Euro, Azubis im vierten Lehrjahr erhalten mindestens 721 Euro. Bis 2023 soll die Mindestvergütung auf 620 Euro im ersten Lehrjahr und 868 Euro im vierten steigen. Das gilt nicht nur für Friseure. 

Bisher: Im Schnitt 325 Euro im ersten Lehrjahr

Aber bei den Friseuren wurde bislang teils deutlich weniger gezahlt. Zwar nicht mehr die Löhne, die zu Kathrin Grützeners Zeiten galten, dennoch: Laut Bundesinstitut für Berufsbildung bekamen Friseur-Azubis 2019 durchschnittlich im ersten Lehrjahr 518 Euro in Westdeutschland und 336 in Ostdeutschland. Also rund ein Drittel mehr ist es nun im Osten Deutschlands. Eine Befürchtung, die mit den Debatten um die Mindestvergütung aufkam: Die Anhebung führt dazu, dass Friseure weniger ausbilden. 

"Es wird generell schon zu wenig ausgebildet"

"Das sehe ich überhaupt nicht so", sagt Cornelia Effenberger, die mit ihrem Haarstudio in der Kö-Passage in Königshufen sowie im City-Center in der Innenstadt vertreten ist. "Wir müssen dafür sorgen, dass wir Nachwuchs haben", sagt sie. Sie selbst bildet aus, hat derzeit einen Lehrling im zweiten Lehrjahr. Die Klasse an der Berufsschule, erzählt sie, sei voriges Jahr gerade so zusammengekommen. "Daran merkt man schon: Insgesamt wird jetzt bereits zu wenig ausgebildet." Und darauf auszuweichen, bei Personalbedarf lieber  einen bereits ausgebildeten Friseur einzustellen - das funktioniere eben nicht lange, wenn keine Friseure mehr nachkommen. 

Nur zehn Friseur-Azubis zwischen Zittau und Weißwasser

"Aber die Überlegung wird es sicherlich geben", nimmt Karl-Heinz Peter an. Er hat seinen Salon auf der Dr.-Friedrichs-Straße und ist Obermeister der Friseurinnung Ostsachsen. Normalerweise sind an der Görlitzer Berufsschule 16 Friseur-Azubis in der Klasse, erzählt er. Dieses Jahr kamen zehn zusammen. "Das sagt eigentlich schon alles aus." 

Er sieht beide Seiten. Zum einen die der Azubis: "So viel, wie jetzt festgelegt, müssen sie schon bekommen" sagt Peter. Allein, weil auch Auszubildende einen Lebensunterhalt zu bestreiten haben. "Wir können nicht ganz unten bleiben." Auf der anderen Seite: Friseur-Azubis im ersten Lehrjahr dürfen beispielsweise noch nicht ans "lebende Objekt". Sie lernen noch an Puppen, nicht an echten Kunden. Ein Friseur hat davon letztlich finanziell nichts, erklärt Karl-Heinz Peter, "das überlegt sich mancher dann schon."  

Am Ende sei es eine Frage, wie rentabel ein Betrieb sei. "Die, die gut laufen, können diese Mehrkosten im ersten Lehrjahr stemmen und bilden aus." Andere werden es eher lassen. Dazu kommt: Zwischen Weißwasser und Zittau gibt es zwar 280 Friseurbetriebe, ein Großteil seien aber Ein-Mann-Betriebe, die in der Regel keine Azubis annehmen. Die großen Betriebe seien in der Region dagegen eher rar gesät. 

Wo werden Friseure künftig lernen

Karl-Heinz Peter hat immer ausgebildet. Dieses Jahr zum ersten Mal hat er keinen neuen Azubi. Mit der Mindestvergütung hat das aber nichts zu tun. Sondern zum einen mit der Unsicherheit, ob dieses Jahr in Görlitz eine Klasse aufgemacht würde, zum anderen mit der Frage, wie es mit der Ausbildung in Zukunft überhaupt laufen wird. Aktuell werden Pläne zur Umstrukturierung der Ausbildung in Ostsachen diskutiert. Ziel soll eine klarere Struktur sein, um die Ausbildung im ländlichen Raum auf stabilere Beine zu stellen. Zum Beispiel: Köche haben ihr erstes Lehrjahr derzeit am Görlitzer Berufsschulzentrum, das zweite und dritte aber in Bautzen. Diskutiert wird, ob sie die komplette theoretische Ausbildung in Görlitz erhalten sollen. Weitere Ausbildungsrichtungen sollen nach Görlitz ziehen, darunter auch die Bautzener Friseur-Azubis - fest steht das aber noch nicht. Andere Ausbildungen soll Görlitz dagegen abgeben an andere Berufsschulen in Ostsachsen. 

Kathrin Grützner darf nicht ausbilden - sie hat keinen Meister. Vor 20 Jahren wollte sie ihn machen, alles war sogar schon in die Wege geleitet - als wichtigeres dazwischen kam: ihr Kind. Trotzdem, dass die Vergütung angehoben wird, findet sie richtig. "Das sehe ich auch nicht nur für die Friseure so, sondern für alle Handwerksberufe", sagt sie. "Ein gewisser Anreiz muss auch da sein." Sie hat es schon erlebt, dass ein Kind in ihrem Salon sagte, es wolle auch mal Friseur werden, und die Eltern antworteten: Um Gottes Willen, da verdienst du doch nichts. 

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