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Ein haariges Problem

In Görlitz und Niesky warten Friseure und Kunden auf Lockerungen im Lockdown - beide raufen sich die Haare, aber aus unterschiedlichen Gründen.

Carolin Schneider eröffnete in der Fischmarktstraße am Rande der Görlitzer Altstadt vor einem knappen Jahr einen neuen Friseursalon. Jetzt hofft sie auf ein Ende des Lockdowns.
Carolin Schneider eröffnete in der Fischmarktstraße am Rande der Görlitzer Altstadt vor einem knappen Jahr einen neuen Friseursalon. Jetzt hofft sie auf ein Ende des Lockdowns. © Nikolai Schmidt

Christine Müller greift zur Schere. Just an jenem Tag Anfang Februar, an dem sie eigentlich einen Termin bei ihrer Friseurin hat. Doch der fällt aus, die Salons sind wegen des Lockdowns geschlossen. Also bleibt nur die Selbsthilfe.

So oder ähnlich geht es vielen Menschen derzeit im Kreis Görlitz. Wer die Haare schön haben möchte, muss sich zu helfen wissen. Oder sich mit einer Langhaarfrisur anfreunden, die offenbar für 2021 im Trend liegt.

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Friseure am Rande der Existenz

Ob jeder Kunde künftig den Haarschneider seines Vertrauens noch aufsuchen kann, ist unsicher. Denn die bereits zweite Schließzeit nach der im Frühjahr 2020 bringt so manchen Friseurbetrieb in arge Nöte, manche sogar an den Rand der Existenz. Es drohen Filialschließungen und Entlassungen von Mitarbeitern. Einige Friseurmeister beantragten bereits Hartz-IV.

Denn die versprochenen Hilfen fließen nur zäh oder gar nicht. Viele der über Wochen geschlossenen Betriebe bekamen bisher keine oder nur einen Bruchteil der Hilfsgelder. Im Frühjahr 2020 erhielten Friseure zwar Soforthilfen, mussten diese Gelder später vielfach aber wieder zurückzahlen - weil es über einen längeren Zeitraum gesehen insgesamt doch nicht so schlecht lief wie befürchtet.

Ein neues Förderprogramm, die „Überbrückungshilfe III“, fällt spärlich aus, weil es sich an Fixkosten wie Miete orientiert und nicht am Vorjahresumsatz, wie es bei den Dezemberhilfen der Fall war. Erst jetzt im Februar kann „Überbrückungshilfe III“ beantragt werden, in diesem Monat sollen Abschlagzahlungen fließen, im März der Rest.

Zudem fehlt den Friseurbetrieben eine Perspektive. Sie wissen nicht, wann sie wieder öffnen dürfen. Bundeskanzlerin Merkel hatte unlängst Hoffnung gemacht, dass nach den Schulen und Kitas die Friseure und der Einzelhandel die zweite Priorität in der Wiederöffnung hätten. Das sei ein Lichtblick für den Zentralverband der Deutschen Friseure, denn „ein rascher Re-Start der Salons ist jetzt existenziell, um viele Friseurbetriebe zu retten“, teilt der Verband auf seiner Internetseite mit.

Friseure im ganzen Land beklagen sich darüber, von der Politik alleingelassen zu werden. Einige zogen vor Gericht, um die Schließung der Salons aufzuheben. Eine Friseurmeisterin aus Thüringen zum Beispiel unterlag erst in dieser Woche mit ihrer Klage. Auch der Zentralverband erkannte längst die Lage und hatte für den 31. Januar zu einem Protest aufgerufen. In den Salons sollte nachts das Licht an bleiben. Wegen der nächtlichen Ausgangssperre dürfte diese Aktion in Sachsen allerdings kaum wahrgenommen worden sein.

Wie ein silbernes Haarsträhnchen muten nun die neuesten Verlautbarungen für den Freistaat Sachsen an: Es werden Lockerungen erwogen, allerdings nur, wenn die Inzidenz weiter fällt und mindestens fünf Tage unter 100 bleibt. Der Landkreis Görlitz liegt laut Robert-Koch-Instituts (RKI) noch ein Stückchen darüber, laut Landkreis sogar noch mehr. Maßgeblich ist aber die Zahl des RKI.

Situation schlägt auf die Gesundheit

Und so hoffen die Friseure im Kreis, bald wieder mit Schere, Kamm und Fön tätig zu sein. Darunter auch Simone Tempel. Die Friseurmeisterin führt einen Salon in Markersdorf mit einer Mitarbeiterin. Es geht ihr schlecht. Vor allem ihre wirtschaftliche Situation schlägt sich auf ihre Gesundheit nieder. Simone Tempel bekam jetzt keine finanzielle Hilfe vom Staat, "weil ich weniger als 30 Prozent Einbuße gegenüber dem Vorjahrszeitraum hatte", sagt sie und fühlt sich bestraft dafür, dass sie von April bis Mitte Dezember 2020 mit ihrer Mitarbeiterin sehr viel gearbeitet hat und alles dafür tat, um die Verluste aus der ersten Schließzeit aufzuholen. Ihre Reserven hatte sie im ersten Lockdown fast aufgebraucht. Simone Tempel ist ziemlich verzweifelt und spürt auch Wut auf die Politik, "die uns Friseure im Stich lässt, nachdem man jahrzehntelang fleißig Steuern gezahlt hat."

Viola Bittner aus See (rechts) hat in Niesky ihren Friseursalon Haarschneider. Anne George (links) unterstützt sie mit Nagelzauberei - derzeit arbeiten beide aber nicht, denn der Salon ist wegen der Pandemie geschlossen.
Viola Bittner aus See (rechts) hat in Niesky ihren Friseursalon Haarschneider. Anne George (links) unterstützt sie mit Nagelzauberei - derzeit arbeiten beide aber nicht, denn der Salon ist wegen der Pandemie geschlossen. © André Schulze

Keine Einnahmen für Mini-Jobberin

Viola Bittner ist seit 16 Jahren selbstständig. Eine so schwere Zeit wie jetzt aber machte die Nieskyer Friseurmeisterin mit Salon in der Königshainer Straße noch nicht durch. Ihre Mitarbeiterin ist in Kurzarbeit, die Nageldesignerin mit Minijob steht ohne Einnahmen da. Viola Bittner wartet auf eine klare Ansage, wann Salons wieder öffnen dürfen. "Ich hoffe, bald", sagt sie, denn derzeit lebt sie von Ersparnissen. Der finanzielle Puffer für den Salon ist fast aufgebraucht.

Staatliche Hilfe reicht nur für die Miete

Carolin Schneider eröffnete im Vorjahr nach dem Lockdown in der Görlitzer Fischmarktstraße ihren Friseursalon. Der wurde von den Kunden gut angenommen. "Ich habe viel gearbeitet, keinen großen Urlaub gemacht, um mir einen großen Kundenstamm zu schaffen", erklärt sie. Und sie legte Geld beiseite. Davon zehrt sie jetzt. Staatliche Hilfe bekam sie. Aber die reicht nur, um die Miete für den Salon zu bezahlen.

Kirstin Heinzke betreibt am Görlitzer Obermarkt einen Salon mit vier Mitarbeiterinnen. Die sind in Kurzarbeit und müssen mit weniger Geld auskommen. Auch das Trinkgeld fehlt, das die Kunden geben. Dennoch wird die Friseurmeisterin nicht jammern. Zu lange ist sie dafür schon im Geschäft. Auch sie hat wirtschaftliche Ausfälle, lebt derzeit von Reserven. Und sie hofft wie Simone Tempel, Viola Bittner und Carolin Schneider, dass die Friseure bald öffnen dürfen. Sie alle sind gern Friseurmeisterinnen, lieben ihre Arbeit. Sie stehen in den Startlöchern und wissen, dass auch die Kunden darauf warten, einen Friseurtermin zu bekommen.

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Kirstin Heinzke und Viola Bittner werden eine Woche vor dem Neustart in ihren Salons sein, um telefonisch Termine zu vergeben. Carolin Schneider und Simone Tempel handhaben das ähnlich. Christine Müller hofft, einen der ersten Termine ergattern zu können und darauf, dass ihre Friseurin dann nicht zu viel zu korrigieren hat, nachdem Frau Müller selbst die Schere angesetzt hatte.

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