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Gastbeitrag: Auf der Brücke von Görlitz

Für Deutsche mag es selbstverständlich sein, Grenzen zu überschreiten und zu reisen. Für Yahya Alaous, Flüchtling aus Syrien, ist das anders.

Zwar hat auch Corona im Frühjahr mit der Schließung der Grenze durch Polen gezeigt, dass der freie und ungezwungene Grenzübertritt von Görlitz nach Zgorzelec über die Altstadtbrücke keine Selbstverständlichkeit ist.
Zwar hat auch Corona im Frühjahr mit der Schließung der Grenze durch Polen gezeigt, dass der freie und ungezwungene Grenzübertritt von Görlitz nach Zgorzelec über die Altstadtbrücke keine Selbstverständlichkeit ist. ©  Nikolai Schmidt

Von Yahya Alaous

Bevor ich nach Deutschland kam, hatte ich nicht viele Grenzen zwischen Ländern überschritten – weil ich in meinem Land lange Zeit daran gehindert wurde, einen Pass zu bekommen, so wie viele andere Syrer, die die staatliche Politik kritisiert hatten. Die paar Male, die ich das Land verlassen durfte, durchlebte ich sehr schlechte Erfahrungen. Ich muss zugeben, dass das Überqueren der Grenzen in der Europäischen Union immer noch eines der Erlebnisse ist, die mich erstaunen, obwohl seit meiner Ankunft in Europa fünf Jahre vergangen sind.

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Vor ein paar Wochen besuchte ich die Stadt Görlitz, die wundervolle Stadt, die eine sein will, aber in zwei Ländern liegt. Der deutsche Name Görlitz ist bekannt und berühmt, der polnische Teil der „Europastadt“ heißt Zgorzelec.

Eine Brücke über die Neiße trennt die Stadtteile, nur in der Mitte der Brücke stellt eine imaginäre Linie die Landesgrenze dar. Wenn Sie diese Linie erreichen, bedeutet dies, dass Sie von Deutschland nach Polen oder umgekehrt gegangen sind. Als ich diesen Punkt erreichte, sah ich Menschen beim Überqueren der Brücke, ohne zu glauben, dass sie von einem Land in ein anderes Land gezogen sind, ungeachtet dessen, dass beide verschiedene Sprachen, unterschiedliche Nationalitäten und unterschiedliche Religionen haben.

Ein Schritt und wir waren im anderen Land

Na gut, Deutschland und Polen gelten als christliche Länder, allerdings sind die katholischen Polen deutlich strenger in der Auslegung ihres Glaubens als ihre überwiegend protestantischen Nachbarn.

Für mich und meine Familie war der Grenzübertritt etwas Besonderes, da wir die Gelegenheit, diesem Moment ein wenig Wertschätzung oder eine Art von Feierlichkeit zu verleihen, nicht verpassen wollten. Wir hielten an der imaginären Linie an und begannen, Plätze zu tauschen, einmal auf deutscher Seite stehend, einmal auf die polnische hüpfend. Ein Schritt nur, und wir waren in einem anderen Land.

Ich weiß nicht, ob dies Ihnen als Bürger der Europäischen Union etwas bedeutet? Sie haben das Recht, sich ohne Einschränkungen durch die meisten europäischen Länder zu bewegen. Für mich aber, aufgewachsen in Ländern, in denen über Slogans der arabischen Einheit mehr gesprochen wird als über die Würde und Ernährungssicherheit der Bürger, war dieser Grenzübertritt eine außergewöhnliche Erfahrung. Vielleicht sind es die gleichen Gefühle, die ich mit den im ostdeutschen Staat lebenden Deutschen geteilt habe, weil sie nicht in der Lage waren, auf die Westseite zu ziehen. Ich fühle mehr mit den „Ossis“ als mit den „Wessis“, denn die hatten die Möglichkeit, in den östlichen Teil und wieder zurückzureisen.

Jedes Mal, wenn die Leute aus meinem Land Syrien in ein anderes Land reisten, gab es lange Schlangen von Menschen, die an den Häfen oder Grenzübergängen standen, um ein Ausreisevisum zu erhalten. Ich erinnere mich an meine jüngsten Erfahrungen, als ich Syrien vor fünf Jahren gen Libanon verließ. Ich erinnere mich an die Misshandlungen, die ich erleiden musste, um die Genehmigung für die Einreise in die libanesischen Gebiete zu erhalten. Ich hatte die ganze Zeit Angst und erwartete jeden Moment, dass jemand herauskommen und mich bitten würde, an meinen Herkunftsort (Damaskus, im Krieg) zurückzukehren.

Glücklicherweise geschah dies nicht, und ich konnte das Land zum ersten Mal nach 15 Jahren verlassen, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass ich tatsächlich die Grenzen überschritt. Das war erst der Fall, als die syrischen Autos vollständig von den Straßen verschwanden und durch libanesische ersetzt wurden. Leider ließ ich an diesem Tag Hunderte von Syrern zurück, die an der Grenze gestrandet waren und nicht wussten, ob sie die Grenze überqueren würden oder nicht.

Graffito wirkt mächtiger als jeder politische Slogan

Das Leiden der reisewilligen Syrer beschränkt sich nicht nur auf schlechte Behandlung durch die Behörden, sorgfältige Inspektion ihrer Habseligkeiten und die Gefahr, dass ihnen die Einreise in andere Länder verweigert wird. Vielmehr stellt ihr eigenes Land eine Gefahr für sie dar. Syrer können heutzutage erst in ihr Land zurückkehren, wenn sie eine „Einreisegebühr“ in Höhe von 50 US-Dollar bezahlt haben. Hunderte von Syrern, die kein Geld mehr haben, sitzen an der Grenze fest und schlafen im Freien. Die Behörden sagen nur: Sie müssen bezahlen!

Als ich vor zwei Jahren Genf besuchte, traf ich französische Damen, die jeden Tag aus Frankreich in die Schweiz kamen, um zu arbeiten und abends zurückzukehrten. Als reisten sie einfach aus einem anderen Stadtviertel an, nicht aber aus einem anderen Land. In Görlitz ziehen Hunderte Pendler täglich über die Fußgängerbrücke, sie überqueren jeden Tag die Grenze, um in Deutschland zu arbeiten. Sicherlich haben sie den Eindruck, in einem anderen Land tätig zu sein, längst verloren. Ich stellte mir vor, dass die Behörden ihres Landes beschließen würden, ihnen 50 Euro aufzuerlegen, nur um täglich zum Abendessen zur Familie in ihr Land zurückzukehren. Auf der schönen Brücke von Görlitz gibt es keine Polizei oder Grenzschutzbeamten, und trotzdem genießt Görlitz auf beiden Seiten viel Sicherheit und Frieden, man kann es sehen auf dieser Brücke. Einige Liebende – vielleicht deutsch-polnische Paare? – haben Schlösser auf der Mitte der Brücke, der Landesgrenze, befestigt. Geht man von Polen nach Deutschland zurück, sieht man ein Graffito: „I love Görlitz“. Diese schönen, in knallrosa Farbe geschriebenen Wörter wirken mächtiger als jeder politische Slogan.

Zum Autor und seiner Übersetzerin

  • Dieser Beitrag erschien in einer leicht anderen Form zuerst in der Süddeutschen Zeitung. Dort schreibt Yahya Alous regelmäßig Kolumnen über "Mein Leben in Deutschland".
  • Yahya Alaous arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 46-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung.  Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin.
  • Jasna Zajcek ist Journalistin und Übersetzerin. Sie kennt Yahya Alaous bereits aus der Zeit, als er noch in Syrien lebte und half ihm auch bei der Flucht. Sie übersetzt seine Kolumnen. Für die Sächsische Zeitung hat sie diesen Text noch einmal leicht überarbeitet. Frau Zajcek ist seit Sommer als Marketing-Leiterin am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz/Zittau tätig.

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