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"Ich will wegen Corona keine Schulden machen"

Das Café Oriental in der Görlitzer Altstadt ist ihr Lebenstraum. Doch im Moment ist die sonst so quirlige Uma Zimmermann frustriert und ratlos.

Uma Zimmermann im Kellergewölbe vom Café in der Görlitzer Altstadt. Hier wird gerade der Fußboden trockengelegt.
Uma Zimmermann im Kellergewölbe vom Café in der Görlitzer Altstadt. Hier wird gerade der Fußboden trockengelegt. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Eigentlich zeigt Uma Zimmermann gern ihren mittelalterlichen Keller vom Café Oriental. Links ist ihr Getränke- und Lebensmittellager, rechts sind zwei große Gewölberäume. Seit Jahren schon führen hier auch die Görlitzer Unterweltenführungen hin. Jetzt aber wird Uma Zimmermann traurig, wenn sie jemanden hier hinabführt - aktuell sind das ohnehin nur Handwerker und eben mal die Presse.

"Das ist mein Lager, alles leer. Als der Lockdown kam, habe ich Stammkunden zusammengetrommelt und Verderbliches verschenkt: indische Säfte, Kokosmilch, alles", sagt Uma Zimmermann, die seit 1996 mit ihrem Mann in Görlitz lebt. Das Café Oriental auf der Nikolaistraße eröffnete sie vor 13 Jahren. In all der Zeit, sagt sie, war sie immer selbstständig im wahrsten Wortsinn - also auch finanziell. Was auch immer zu investieren war, neue Toilettentüren, Klimaanlage, neue Küche, neue Anstriche, sie hat es stets aus eigener Kraft gestemmt, nicht ihren Mann um Hilfe gebeten, schon gar nicht die Bank.

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Wann kommt die November-Hilfe?

"Mein Vater hat immer gesagt: Mache nie Schulden, lebe lieber arm", sagt sie und lächelt, obwohl ihr zum Lächeln gerade gar nicht zumute ist. Dass sie den ersten Lockdown eingerechnet bald sechs Monate keine Gäste begrüßen konnte und somit keine Einnahmen hatte und hat, macht ihr schwer zu schaffen. Aber noch mehr, dass sie sich die Füße wund läuft und doch von niemandem konkrete Aussagen bekommt, wie es weitergeht. Steuerberatern, Bank, Rathaus, IHK - alle würden mit den Schultern zucken.

Zwar hat sie die staatliche Hilfe vom ersten Lockdown erhalten und auch die erste Hälfte der versprochenen November-Hilfen. Aber auf die zweite wartet sie und niemand wisse, wann sie kommt. "Ich habe weiter laufende Kosten aber keine Einnahmen. Anfang Januar wurden allein 3.000 Euro Krankenversicherung abgebucht. Die monatlichen Fixkosten für das Café beziffert sie mit 5.000 Euro.

Ein Kredit kommt nicht infrage

So wie der gebürtigen Inderin geht es im Moment vielen Gastronomen. Dabei hat Uma Zimmermann sogar noch den Vorteil, klug gewirtschaftet zu haben und für schlechte Zeiten beziehungsweise fürs Alter ein Sparkonto angelegt zu haben. Das rettet sie im Moment. "Aber da darf man auch immer nur 2.000 Euro rüberheben, aber schon kommen die ganzen Abbuchungen und man ist im Minus." Das alles nimmt sie ziemlich mit. Wenn sie sonst ihren Stammkunden bei Problemen immer gern Mut gemacht hat, bräuchte sie in der aktuellen Situation einmal selbst jemanden, der sie aufbaut.

"Was soll ich nur tun? Mein Konzept ändern? Indische Küche anbieten?" Das will sie nicht. Anderes Konzept, andere Kundschaft, glaubt sie. Und Uma Zimmermann liebt ihr Publikum. Die große Masse sind junge Leute, viele Studenten, deren weiteren Lebensweg sie gern verfolgt. "Es ist schön, wenn sie dann wieder einmal zu Besuch kommen, zu sehen, was aus ihnen geworden ist", schwärmt sie. Gemütlich beim Wasserpfeife rauchen zusammensitzen, Spiele spielen, das sei das, was ihr Café ausmache. Orte, um schön zu essen, gebe es genug andere in der Stadt. "Bei mir ist es warm und gemütlich, meine umsatzstärkste Zeit sind die Wintermonate", sagt Uma Zimmermann. Die gehen ihr jetzt durch die Lappen. Sie fühle sich degradiert, sagt sie, im Stich gelassen. Aber ihr Stolz verbietet ihr, einen Kredit zu beantragen oder sich Geld zu leihen.

Uma Zimmermann 2017 zum zehnjährigen Jubiläum ihres Cafés.
Uma Zimmermann 2017 zum zehnjährigen Jubiläum ihres Cafés. © Pawel Sosnowski/80studio.net

Große Pläne fürs Kellergewölbe

Aber das Finanzielle allein ist es nicht. Die quirlige Inderin ist niemand, der lange allein zu Hause sitzen kann. "Ich brauche Motivation, Ziele. Ich möchte etwas tun." Weil das im Café aber eben gerade nicht geht, steckt sie ihre Nase in Bücher. Und sie hat sich eine Nähmaschine gekauft und lässt sich von Nancy Scholz vom Café Herzstück anleiten.

Doch es gibt noch ein anderes Projekt, eins, das sie doch fast täglich in ihr Café gehen lässt. Denn einer der beiden großen Kellerräume wird gerade trockengelegt. Der Holzfußboden war morsch geworden, weil es jedes Mal tropfte, wenn es draußen regnet. Ein, zwei Jahre hatte Uma Zimmermann den Hausbesitzer und Bauunternehmer Lothar Tschierschke gebettelt, etwas zu tun. Hauptargument: Der Tourismus. "Als wir damals nach Görlitz zogen, kamen höchstens ein paar alte Schlesier als Touristen, aber in den letzten zehn Jahren hat sich das extrem geändert." Sie konnte ihren Vermieter schließlich überzeugen - der Raum wird auf seine Kosten gerade gemacht. Das ist ein Lichtblick für Uma Zimmermann. Sie hat für die Kellergewölbe große Pläne, würde gerne die Gastronomie nach unten erweitern.

Das scheitert allerdings noch am Denkmalschutz. "Da muss ein Notausgang rein, aber man kann nicht einfach ein Loch in eine dicke, mittelalterliche Wand machen. Doch irgendwie will sie es trotzdem schaffen. "Ich habe eine Vision, aber ich bin wie eine Schildkröte: Ich gehe langsam, aber konstant", sagt sie. 13 Jahre würde sie gern noch einmal dranhängen.

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