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Görlitzer Kantinen überleben mit Essen to go

Corona erschwert allen das Geschäft. Doch einer meistert die Krise besser als die anderen. Woran liegt das?

Sebastian Sarfert betreibt das Bistro Kochwerk am Görlitzer Demianiplatz. Er hat auch jetzt voll zu tun.
Sebastian Sarfert betreibt das Bistro Kochwerk am Görlitzer Demianiplatz. Er hat auch jetzt voll zu tun. © nikolaischmidt.de

Sebastian Sarfert feiert demnächst Geburtstag: Zwei Jahre alt wird sein Bistro Kochwerk am Görlitzer Demianiplatz. Ihm ist tatsächlich zum Feiern zumute: Mit täglich 30 Essensportionen hat er angefangen, heute sind es 100. Wenn man Suppen, Eintöpfe und Salate mitrechnet, sogar 150. „Es ging kontinuierlich aufwärts“, sagt er.

Auch während des aktuellen Corona-Lockdowns erlebt er keinen Einbruch. Klar, sagt Sebastian Sarfert, Schüler kommen jetzt nicht mehr. Auch auf manche Stammkunden, die im Homeoffice sind, muss er derzeit verzichten, etwa einige Senckenberg-Mitarbeiter oder Informatiker. Aber das wird durch neue Kunden ungefähr ausgeglichen. Wo die plötzlich alle herkommen? So richtig weiß er das auch nicht: „Vielleicht liegt es an der Facebook-Gruppe ,Gastro to go’, die zur Unterstützung der Gastronomen gegründet wurde und die mittlerweile 4.000 Mitglieder hat“, vermutet er. Vielleicht sind es auch Empfehlungen von Stammgästen, Mundpropaganda. Insgesamt geht sein Konzept einfach gut auf, glaubt Sarfert: „Die Leute bekommen schnell ein hochwertiges und günstiges Mittagessen an einem schönen Ort.“

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Zwangspause wegen der Lüftungsanlage

Nach SZ-Recherchen ist das Kochwerk fast der einzige Mittagessensanbieter, bei dem es so gut läuft. Das Jakobs Söhne in der Jakobstraße zum Beispiel ist zu, vielleicht sind dessen Kunden gar zum Kochwerk abgewandert. „Wir haben seit Weihnachten eine Zwangspause, weil wir die Lüftungsanlage umbauen müssen“, sagt Enrico Merker vom Jakobs Söhne. Er hofft, dass die Arbeiten diese Woche fertig werden und er nächste Woche wieder öffnen kann.

Enrico Merker (l.) und sein Koch Konrad Lehel haben das Lokal Jakobs Söhne in Görlitz derzeit geschlossen.
Enrico Merker (l.) und sein Koch Konrad Lehel haben das Lokal Jakobs Söhne in Görlitz derzeit geschlossen. © Maximilian Helm

Allerdings stimmt ihn die Corona-Situation nicht optimistisch: „Im Dezember haben wir im Schnitt nur 40 Essen pro Tag verkauft, im ersten Lockdown waren es noch 70.“ Sein anderes Lokal, das „Neiß“ in der Weberstraße, ist komplett zu. Ohne Touristen lohnt es sich dort nicht. Alles in allem ist Enrico Merker derzeit eher niedergeschlagen. Er setzte vor Corona viel auf Feiern, Feste, Vermietungen, auch Veranstaltungen der Volkshochschule. All das ist weggefallen. Sein Reservierungsbuch für 2021 ist bis auf eine einzige Hochzeit völlig leer. All das unterscheidet ihn vom Kochwerk, wo der Mittagstisch im Mittelpunkt steht. Ob er die Corona-Zeit wirtschaftlich überstehen wird, kann Enrico Merker derzeit noch nicht sagen.

Barbara Frühauf glaubt, dass sie es schaffen wird, auch wenn in ihrer Fleischerei am Demianiplatz die Zahl der verkauften Mittagessen deutlich zurückgegangen, die Gaststube seit März geschlossen und auch die Pension seit November dicht ist. „Aber ich habe sehr treue Stammkunden, denen ich sehr dankbar bin“, sagt Barbara Frühauf. Sie ist das 45. Jahr im Geschäft – und hätte nie gedacht, dass es mal so hart wird. „Aber irgendwie muss es ja weitergehen“, sagt sie. Die genaue Zahl der verkauften Mittagessen zähle sie nicht. Sie ist zweistellig. „Vielleicht noch 30 Prozent von der früheren Zahl“, schätzt sie.

Edwin Schneider gibt im Wichernhaus derzeit nur 40 bis 50 Essen pro Tag aus - zum Mitnehmen statt zum Essen vor Ort.
Edwin Schneider gibt im Wichernhaus derzeit nur 40 bis 50 Essen pro Tag aus - zum Mitnehmen statt zum Essen vor Ort. © Foto: privat

30 Prozent sind es auch bei Edwin Schneider im Wichernhaus. Vor Corona hat er 150 bis 170 Portionen am Tag ausgegeben, aktuell sind es 40 bis 50. „Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig“, sagt er. Die hohen Fixkosten laufen schließlich unverändert weiter. Sein großer Vorteil: Er kocht auch fürs benachbarte Altenheim und für das Essen auf Rädern der Malteser. Diese Standbeine sind ihm nicht weggebrochen. Aber gut funktioniere es eben nur mit allen Standbeinen, sagt er. Für November und Dezember habe er Abschlagszahlungen vom Staat bekommen, aber ab Januar sind diese reduziert: „Wir werden auf enormen Kosten sitzenbleiben.“

Rücklagen vom Sommer helfen jetzt

Auch Jörg Daubner von der Obermühle hat die Abschlagszahlungen für November und Dezember erhalten. „Zudem habe ich im Sommer Rücklagen gebildet und jetzt die variablen Kosten runtergefahren“, sagt er. Aus diesen drei Gründen ist er guter Dinge, dass er die Corona-Zeit überstehen wird. Leicht ist es aber auch für ihn nicht: Mittags verkauft er aktuell 150 statt der sonst üblichen 800 Portionen, also nur noch ein Fünftel. Geblieben sind ihm nur die Notbetreuung der Kindergärten, Horte und Grundschulen sowie ein paar Firmen, die er auch schon vor der Krise beliefert hat. Ein paar Einrichtungen sind sogar neu hinzugekommen, weil deren Anbieter aktuell nicht kochen. Aber selbst die sind in den 150 Portionen schon eingerechnet.

Jörg Daubner kocht in der Obermühle vor allem für Kindergartenkinder.
Jörg Daubner kocht in der Obermühle vor allem für Kindergartenkinder. © André Schulze

Ähnlich drastisch ist der Rückgang bei André und Judith Geißler, die vor Corona mit 14 Mitarbeitern etwa 1.000 Portionen am Tag gekocht haben und jetzt nur noch zu zweit bis dritt sind. Sie betreiben die Kantine „Emmerich’s“ im Rathaus, hauptsächlich aber kochen sie für Kindergärten und Horte. „Dorthin liefern wir derzeit 100 bis 120 Essen für die Notbetreuung“, sagt Judith Geißler. Die Rathaus-Kantine ist ganz zu, weil es sich aktuell nicht lohnt. Aber immerhin liefern sie jetzt auch an Familien, die zu Hause sind. „Die sind froh, dass sie nicht jeden Tag selbst kochen müssen“, sagt Judith Geißler. Aktuell sind das etwa 40 Portionen: „Wir haben viele Anfragen und ich hoffe, dass diese Zahl wächst.“

Familien bestellen jetzt in Markersdorf

Ganz ähnliche Erfahrungen macht derzeit Katrin Lange von der Schulküche Markersdorf. „Statt der üblichen 400 Portionen sind es bei mir aktuell 200“, berichtet sie. Drei Kitas sind in Notbetreuung offen, die Schule auch. Außerdem gehörten schon immer Rentner und diverse Firmen zu den Kunden. „Jetzt sind ungefähr zehn Familien im Homeoffice dazugekommen, darunter viele in Pfaffendorf“, sagt Katrin Lange. Doch die Familien können den Abbruch nicht aufwiegen. Und: „Das Abfüllen und Ausfahren braucht jetzt die doppelte Zeit im Vergleich zu früher“, sagt sie. Wirtschaftlich sei das schwierig. Deshalb ist sie allen dankbar, die ihr die Treue halten.

Jetzt blicken fast alle Anbieter auf den Dienstag: Wird der Lockdown weiter verschärft? Können sie mit Hilfen rechnen? Und wie lange geht das noch so weiter? Von den Antworten auf diese Fragen ist für viele das Überleben abhängig. Bisher, sagt beispielsweise Barbara Frühauf, habe sie alle Regeln noch in Ordnung gefunden: „Aber jetzt langsam nicht mehr.“ Es müsse etwas passieren, der Staat müsse sich mehr um die kleinen und mittelständischen Unternehmen kümmern, damit sie überleben.

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