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Görlitz: Geheime Codes an Häusern sorgen für Unruhe

Werden in Görlitz Einbrüche in Wohnungen vorbereitet? Gaunerzinken deuten darauf hin. Nicht nur die Polizei rät zu Aufmerksamkeit und Vorsicht.

Von Gabriela Lachnit
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Karolina Preusche vor dem Haus, in dem sie vor zwei Jahren wohnte und dort ungebetenen Besuch bekam. Ähnliche Zeichen, wie sie hier hält, waren damals ans Haus gekritzelt.
Karolina Preusche vor dem Haus, in dem sie vor zwei Jahren wohnte und dort ungebetenen Besuch bekam. Ähnliche Zeichen, wie sie hier hält, waren damals ans Haus gekritzelt. © Martin Schneider

Karolina Preusche kann sich noch ganz genau an den Vorfall erinnern, als ob er gestern geschehen ist. Dabei passierte alles bereits vor zwei Jahren: Gauner hatten das Haus auf der Heilige-Grab-Straße in Görlitz, in dem sie damals wohnte, ausspioniert und wollten nun Beute machen. Doch sie hatten nicht mit der rigorosen Reaktion der heute 22-jährigen Auszubildenden gerechnet.

Als die junge Mutter einer Tochter an der Hauswand Kreidezeichen und an der Klingel merkwürdige Krakel sah, dachte sie zunächst, Kinder hätten diese gemalt. Als sie zur gleichen Zeit bemerkte, dass unten an der Straßenbahnhaltestelle mehrere Tage lang stundenlang immer die gleichen Menschen saßen, fand Karolina Preusche das seltsam.

Plötzlich stand das Veterinäramt da - vermeintlich

Schließlich klingelte es an ihrer Wohnungstür. Zwei Männer und eine Frau behaupteten, sie kämen vom Veterinäramt und müssten kontrollieren, ob Frau Preusche ihre beiden Maine-Coon-Katzen artgerecht hält. Das machte sie misstrauisch. Woher wollten diese Leute wissen, dass sie zwei Katzen hat? Im Gegensatz zu Hunden muss man Katzen nämlich nicht anmelden. Karolina Preusche verlangte, einen Dienstausweis zu sehen. Den konnten die Herrschaften nicht vorweisen.

Die 22-Jährige drängte darauf und ließ sich auch von Ausflüchten nicht beirren. Als die junge Frau drohte, die Polizei zu rufen, wurden die drei vor der Tür ausfällig. Karolina Preusche ließ sich aber nicht einschüchtern. Es gelang ihr, den ungebetenen Besuch abzuweisen. Ein späterer Anruf beim Veterinäramt bestätigte, dass es sich um Betrüger gehandelt hatte. "Ich mag mir gar nicht vorstellen, was passiert wäre, hätte ich die in die Wohnung gelassen", sagt sie.

Gaunerzinken verstehen nur Eingeweihte

Die junge Frau muss derzeit öfter an diesen Fall denken. Denn zurzeit tauchen merkwürdige Schriftzeichen an vielen Häusern in Görlitz auf, vor allem im Stadtteil Rauschwalde. Sie sind mit Kreide an die Haustür gezeichnet, manche mit Kugelschreiber auf Briefkasten oder Klingel. Manchmal stehen die Krakel an der Hauswand, an einem staubigen Fenster oder am Gartenzaun. Es sind Gaunerzinken, spezielle Zeichen. Diese verstehen aber nur Eingeweihte.

Eingeweihte sind in diesem Fall Gauner und potenzielle Einbrecher, die mit ihren Schriftzeichen kundtun, was sie ausbaldowert haben.

Was sind Gaunerzinken?

Was von Hausbewohnern leicht übersehen wird, sind wichtige Informationen für Einbrecher - eben die sogenannten Gaunerzinken. Die gibt es seit dem Mittelalter. Die Zeichen sind Geheimcodes, mit denen Gauner übermitteln, ob sich hier ein Einbruch lohnt. Sie signalisieren, dass es Geld zu holen gibt.

Sie verraten aber auch, ob in der Wohnung eine alleinstehende Frau lebt, ob das Haus vielleicht schon ausgeraubt wurde. Eine moderne Variante, Gaunerzinken zu verwenden, ist das WarChalking. Hier werden mit Kreide offene oder öffentlich zugängliche WLANs markiert.

Was ist zu tun?

Polizeisprecher Kai Siebenäuger bestätigt, dass der Polizei aktuell mehrere Fälle von Gaunerzinken bekannt sind. "Es wird geprüft, inwieweit der Anfangsverdacht einer Straftat besteht", erklärt der Sprecher. "Die Beamten auf Streife sind sensibilisiert und zeigen entsprechende Präsenz", erläutert Siebenäuger.

Werden am Haus merkwürdige Zeichen entdeckt, rät die Polizei, sie nicht sofort wegzuwischen, sondern erst zu fotografieren. Danach sollte die Polizei informiert werden. Sollten unangemeldet Verkäufer oder wie in Karolina Preusches Fall vermeintliche Beamte ohne Dienstausweis an Türen klingeln, rät die Polizei zur Vorsicht: Es könnte sich um Betrüger handeln.

Nach der Entdeckung der Zeichen sollten die Bewohner eines Hauses besonders aufmerksam sein. Denn sind lohnende Einbruchsziele markiert, begeben sich meist kurze Zeit später die Komplizen auf den Weg, um Beute zu machen.

Polizei rät zu Vorsicht und Sicherung des Eigentums

Die Polizei nimmt das Vorkommen der Gaunerzinken im Görlitzer Stadtgebiet erneut zum Anlass, auf die Sicherung des Eigentums hinzuweisen. Viele nützliche Informationen über den Schutz des Eigentums vor fremdem Zugriff und Präventionsangebote gibt die Polizei im Internet. Bei Fragen können sich die Bürger persönlich an die Polizeiliche Beratungsstelle der Polizeidirektion Görlitz auf der Gobbinstraße 5/6 in Görlitz oder telefonisch unter 03581 650 502 melden.

Karolina Preusche allerdings blitzte vor zwei Jahren mit einer Anzeige bei der Polizei ab. Es sei ja nichts passiert, so lautete damals die Begründung. In dem Haus, in dem sie nun wohnt, achtet sie jedoch viel mehr als früher auf ungewöhnliche Zeichen.