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Es soll nicht zu still werden

Künstler sind vom Lockdown schwer betroffen. Auch in Görlitz. Doch sie verzagen nicht.

Am Donnerstag geben die Musiker von Philmehr! ein Konzert im Schwurgerichtssaal des Görlitzer Landgerichts, das im Livestream übertragen wird.
Am Donnerstag geben die Musiker von Philmehr! ein Konzert im Schwurgerichtssaal des Görlitzer Landgerichts, das im Livestream übertragen wird. © André Schulze

Ohne Kunst und Kultur wird's still, diesem Spruch begegnet man seit Anfang November immer wieder im Internet, in vielen Städten hängen auch Plakate. Unter diesem Motto zeigen gerade zahlreiche Künstler in ganz Deutschland, dass sie ohne Auftritte nicht überleben können. Das "uns" in "Kunst" ist rot hervorgehoben, und so haben auch Tausende Kulturliebhaber – darunter viele Görlitzer – ihr Profilbild in den Sozialen Netzwerken mit dem Banner versehen, um zu zeigen, wie sehr sie Konzerte, Theater, Kino und Ausstellungen gerade vermissen.

Freie Künstler ohne Auftritte

"Dieser zweite Lockdown wird eine sehr schwierige Zeit für Künstler werden", sagt Martin Bandel vom Verein Philmehr!, der vor allem aus Mitgliedern der Neuen Lausitzer Philharmonie besteht. "Sie laufen gerade auf eine unheimliche Leere zu." Bereits im ersten Lockdown hatten Mitarbeiter des Theaters erzählt, wie frustrierend es sei, den eigenen Beruf nicht ausüben zu können, aber da stand der Sommer bevor, und zumindest eine Weile durfte das Theater öffnen.

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Der Görlitzer Gitarrist Marc Winkler, der sonst über 100 Konzerte pro Jahr gibt, sagt, freie Künstler wie er seien in diesem Pandemiejahr am schlimmsten von allen betroffen. Nur die freien Schauspieler seien noch schlimmer dran als die Konzertbranche. "In diesem Jahr ist für mich alles weggebrochen, ich habe seit März keinen einzigen Auftritt gehabt", sagt er.

Eine Schule und andere Auftraggeber hätten sich zurückgezogen, und was an Hilfen und Erleichterungen für Soloselbstständige versprochen wurde, das sei zwar schön gedacht und klinge gut, sei aber beim Görlitzer Arbeitsamt gar nicht richtig angekommen, sagt Marc Winkler. Da ging er leer aus. Auch erstattungswürdige Betriebskosten habe er als Musiker nicht. Also lebe er im Moment vom Ersparten und von seinen – 2020 ebenfalls gesunkenen – Einnahmen als Gitarrenlehrer. "Aber ich behalte mein lockeres Herz und übe fleißig, das hält mich hoch", sagt er, "und nehme keinem übel, wenn nicht alles glatt läuft."

Der Gitarrist Marc Winkler hat sonst über 100 Auftritte im Jahr. In diesem Jahr seit März keinen einzigen.
Der Gitarrist Marc Winkler hat sonst über 100 Auftritte im Jahr. In diesem Jahr seit März keinen einzigen. © Nikolai Schmidt/Archiv

Die Görlitzer Puppenspielerin Anne Swoboda, genau wie Marc Winkler freie Künstlerin, sagt: "Ich habe seit 15. März kein Theaterstück mehr gespielt." Alle Veranstaltungen, die sie selber organisiert hatte, seien in den Lockdown gefallen, nichts, wofür sie angefragt wurde, kam zustande. Gerade in diesen Wochen hätte sie viel zu tun gehabt, weil manche Kitas und Schulen sie in Zeiten ausfallender Weihnachtsmärchen mit Vorstellungen oder Theaterprojekten ins Haus geholt hätten. Aber auch das fällt nun weg.

Besonderes Onlinekonzert aus dem Landgericht

Dennoch: Die Künstler machen das Beste aus der Situation. Bereits im ersten Lockdown hatte der Philmehr!-Verein der Zeit ohne Liveauftritte mit musikalischen Videos etwas entgegengesetzt, genau wie auch das Görlitzer Künstlerduo Julia Boegershausen und Björn Bewerich oder die Band Yellowcap. Und auch jetzt wollen sich die Musiker nicht damit zufriedengeben, dass es still werden soll.

An diesem Wochenende hätte der Verein ein Kammerkonzert im Schloss Krobnitz gegeben, was nun für Publikum ausfallen muss. Die Musiker spielen das Konzert mit Barockmusik aber trotzdem, nehmen es auf und produzieren eine DVD, die man kaufen kann und die an Pflegeheime gespendet wird.

Am Donnerstag, 10. Dezember, geben sie 19.30 Uhr ein Konzert im Livestream aus dem Schwurgerichtssaal des Landgerichts, das später online abrufbar bleibt. Es hätte im November in der Reihe Kunst und Justiz erklingen sollen und ist "allen gewidmet, die unsere Zuwendung besonders benötigen", sagt Martin Bandel. Musik von Bach und Mozart ist dabei, aber auch Armenische Kirchengesänge, Experimente mit elektronischer Musik und eine Erstaufführung sowie weihnachtliche Texte.

Musik in Kliniken und Kirchen

Am 2., 3. und 4. Advent spielen die Musiker außerdem in den beiden Görlitzer Krankenhäusern für Patienten. Im Klinikum vormittags um zehn Uhr im Stream von der Kapelle aus, im Carolus um 15 Uhr mit Abstand auf drei Stationen. Hier war es Martin Bandel wichtig, auch Musiker anzufragen, die nicht im Verein sind. "Es gibt genug Künstler, denen jetzt die Decke auf den Kopf fällt, sie haben damit die Chance, wenigstens einmal auftreten zu können."

Dazu gehört zum Beispiel die Radiologin Angela Ladewig, die fast wie ein Profi Querflöte spielt und sonst im Advent zu den Musikern gehört, die mit dem Bachchor das Weihnachtsoratorium aufführen, und seit über 30 Jahren bei der Weihnachtsmesse am 24. und 25. Dezember in Heilig Kreuz und St. Jakobus auftritt. "Das fehlt mir natürlich sehr", sagt sie. "Auch wenn es für mich bei Weitem nicht so dramatisch wie für die Berufsmusiker ist."

Trotzdem sei sie froh, bei kleineren Gelegenheiten spielen zu können, zum Beispiel auch, wenn die Frauenkirche an manchen Tagen im Advent für musikalische Andachten öffnet. In der katholischen Kirche Heilig Kreuz gibt es am heutigen Sonnabendnachmittag eine Anbetung mit Musik, als Ersatz für den "Abend des Lichts", der in den vergangenen drei Jahren in der Dreifaltigkeitskirche am Rande des Christkindelmarktes stattfand.

Puppenspielerin vermisst Publikum und geht online

Anne Swoboda sagt, sie habe die Zeit seit März so gut genutzt, wie sie konnte. Sie sei zwar traurig, dass sie ihre Arbeit nicht machen könne, und das Publikum fehle ihr sehr, vor allem die Kinder. "Aber ich komme gut zurecht." Sie habe beizeiten Fördergelder beantragt, habe ein neues Stück einstudiert und sich mit Möglichkeiten für Onlineunterricht beschäftigt.

Die Bildungsstätte in Niedersachsen, in der sie sonst Figurentheater unterrichtet, bietet zurzeit keine Präsenzseminare an, dafür aber online. "So kann ich wenigstens etwas Geld verdienen", sagt Anne Swoboda.

Dass Anne Swoboda ein Stück spielte, ist schon länger her. Ihre Inszenierung "Die Grimmschwestern" entstand lange vor dem Lockdown.
Dass Anne Swoboda ein Stück spielte, ist schon länger her. Ihre Inszenierung "Die Grimmschwestern" entstand lange vor dem Lockdown. © PR

Da sie 2020 im Sächsischen Mitmachfonds einen Preis bekam und die damit verbundenen Mittel auch verwenden möchte, ist ihre Vorstellung "Aus dem Nähkästchen geplaudert" live aus dem Jugendhaus Wartburg am heutigen Sonnabend, 15.30 Uhr, im Livestream zu erleben und danach eine Woche auf ihrem Youtube-Kanal verfügbar. "Aber ich mag kein abgefilmtes Puppentheater", sagt Anne Swoboda. Deshalb erzählt sie drei Märchen frei mit verschiedenen Gegenständen und hofft, dass bald wieder echtes Figurentheater möglich ist.

Hoffen auf nächstes Jahr

Marc Winkler hat sich entschieden, keinen Auftritt ins Internet zu verlagern. Normalerweise bereite er ab Oktober, also weit vor Weihnachten, besondere Stücke für sein jährliches Adventskonzert mit Anne Großhäuser im Görlitzer Apollo vor. Doch für seine Künstlerpartnerin und ihn sei es zu frustrierend gewesen, etwas einzustudieren ohne die Gewissheit, es auch aufführen zu können.

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"Vielmehr hoffen wir darauf, dass sich unsere Zuhörer im nächsten Jahr wieder daran erinnern, dass es auch mal Livemusik gab", sagt Marc Winkler, "und dass dann alle wieder zu unseren Konzerten kommen."

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