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Gerichte lassen Anklage gegen Fußballverein nicht zu

Viereinhalb Jahre nach der Razzia beim NFV Gelb-Weiß Görlitz haben sich die Vorwürfe als haltlos erwiesen.

Das waren noch Zeiten: Görlitz hatte eine starke Fußballmannschaft, und der immer engagierte Trainer Fred Wonneberger (2. von rechts) setzte alles daran, sie immer besser zu machen. Hier erklärt er neuen ausländischen Spielern mit viel Gestik die Takt
Das waren noch Zeiten: Görlitz hatte eine starke Fußballmannschaft, und der immer engagierte Trainer Fred Wonneberger (2. von rechts) setzte alles daran, sie immer besser zu machen. Hier erklärt er neuen ausländischen Spielern mit viel Gestik die Takt © SZ-Archiv / H.-E. Friedrich

Auf der einen Seite ist Erleichterung. Nach viereinhalb Jahren Ermittlungen gegen Fußballfunktionäre und -trainer des NFV Gelb-Weiß Görlitz – nach Anklageerhebung der Görlitzer Staatsanwaltschaft, Nichtzulassung der Anklage durch das Amtsgericht wegen fehlender Substanz, Widerspruch der Staatsanwaltschaft und erneuter Anklage diesmal vor dem Landgericht, ist das Verfahren nun beendet.

Das Landgericht hat die Anklage „auseinandergenommen“ und erneut nicht zugelassen. Der Beschluss ist inzwischen rechtskräftig. Über vier Jahre Ungewissheit und mindestens mulmiges Gefühl sind für die Ehrenamtler beim damals wichtigsten Fußballverein in Görlitz beendet. Von den Vorwürfen sind sie reingewaschen, sie sind „weggeschmolzen wie die Butter in der Sonne“, sagt Christian Penning, der einen der Beschuldigten juristisch vertreten hat.

Stars im Strampler aus Weißwasser
Stars im Strampler aus Weißwasser

So klein und doch das ganz große Glück: Wir zeigen die Neugeborenen aus Weißwasser und Umgebung.

Auf der anderen Seite bleiben ein fast zerstörter, mindestens weit zurückgeworfener Fußballverein, ein verärgerter Fußballtrainer und honorige Ehrenamtler, deren Ruf durch diese Geschichte völlig zu Unrecht beschädigt wurde.

NFV holt auch Nicht-EU-Spieler

Das war damals geschehen: Der Görlitzer Traditionsverein spielte in der Landesliga, mit den besten Görlitzer, aber eben auch mit ausländischen Spielern. „Aufgrund unserer geografischen Lage gab es letztlich keine andere Möglichkeit, wenn wir leistungsorientierten Fußball auf diesem Niveau bieten wollten“, sagt der damalige Trainer und Sportliche Leiter Fred Wonneberger noch heute. Spieler aus dem Dresdner Raum waren zu weit weg und auch zu teuer. Also schauten die Görlitzer Richtung Osten, setzten im Laufe der Jahre polnische und tschechische Spieler ein, aber eben auch Spieler aus Nicht-EU-Staaten, die über Spieleragenturen nach Görlitz vermittelt wurden, um den Landesligisten möglichst als Sprungbrett in eine der Profiligen zu nutzen. Nach Görlitz kamen so Spieler aus der Ukraine und Brasilien, die in Polen in einem Camp lebten und zum Training und den Spielen mit einem polnischen Touristenvisum nach Görlitz einpendelten.

Bis auf eine kleine Aufwandsentschädigung floss kein Geld. Alles war mit dem Deutschen Fußballbund, der ja den Spielern die Spielberechtigung erteilte, abgesprochen. Außerdem war der NFV Gelb-Weiß Görlitz bei weitem nicht der einzige Verein, der sich dieser Praxis bediente. Und Wonneberger war im Gespräch mit Ausländerbehörde und Bundespolizei, es wurde also mit „offenen Karten“ gespielt.

Durchsuchung in Vollmontur

Trotzdem kam es ohne Vorwarnung zur Eskalation. Im Mai 2016 tauchten plötzlich Beamte der Bundespolizei und des Zolls auf der Geschäftsstelle des NFV Gelb-Weiß Görlitz auf der „Jungen Welt“ im Görlitzer Norden auf. Gegenüber der SZ versicherte der Bundespolizei-Sprecher damals zwar, dass man keine Rufschädigung des Vereins wolle, aber Fred Wonneberger sagt noch heute: „Da stehen am Nachmittag, mitten im Trainingsbetrieb von Nachwuchsmannschaften und bei vielen anwesenden Eltern, mehrere Beamte in Vollmontur da, kündigen eine Durchsuchung an und führen sie auch durch. Man kann sich vorstellen, was da bei uns los war. Viel mehr Rufschädigung geht nicht.“ Der Verein kooperierte. Unterlagen und Speichermedien wurden mitgenommen, auch steuerlich relevante. Auf deren Rückgabe sollte der Verein mehrere Jahre warten müssen.

Diese Aktion „überlebte“ der Verein noch, die erste Mannschaft spielte die Saison zu Ende. Eine zweiter Vorfall im September 2016 brachte den Verein zum Fallen. Der Fußballverein hatte den eigenen Kader in einer ähnlichen Konstellation wie Monate zuvor mit Brasilianern aufgestockt, abgestimmt mit dem Fußballverband, der die Spielgenehmigungen erteilte. Anders als die polnischen Behörden waren die deutschen dann der Meinung, dass deren Aufenthaltsgenehmigung im Schengen-Raum abgelaufen sei, eine 90-Tage-Frist überschritten sei.

Zwei Spieler, beide 19 Jahre alt, wurden an der Grenze festgehalten und über Nacht in eine Zelle gesteckt. Das Verfahren damals regt Fred Wonneberger noch heute auf: „Das waren zwei Jungs aus Brasilien, die den Traum hatten, Fußballprofis zu werden und bei und nichts anderes als sich für den Beginn einer solchen Karriere empfehlen wollten. Sie vertrauten auf die europäischen Behörden und waren sich keiner Schuld bewusst. Sie waren schon mehrfach ohne Beanstandungen oder Hinweise von der Bundespolizei kontrolliert worden. Und plötzlich werden sie wie Verbrecher anderthalb Tage in eine Zelle gesteckt. Ich habe ihnen dann was zu Essen und zu Trinken gebracht.“

Mit diesem Tag blieben diese und auch andere Spieler in ähnlicher Konstellation verständlicherweise weg. Der Verein war gezwungen, die Landesliga-Mannschaft zurückzuziehen. In der Folge änderte sich auch die personelle Zusammensetzung des Vorstands. Rein sportlich spielt der Verein seitdem allenfalls noch eine kleine Rolle im Nachwuchsbereich, ist im Männerbereich meilenweit entfernt von leistungsorientiertem Fußballsport. Und natürlich zogen sich nach diesen Negativ-Schlagzeilen neben vielen Ehrenamtlichen auch Sponsoren zurück.

Keine Vernehmung in vier Jahren

So bitter das alles war, es war erst der Anfang der juristischen Aufarbeitung. Zwar hieß der Vorwurf zunächst „Beihilfe zur unerlaubten Einreise“. Aber schnell ging es im Kern letztlich darum, ob diese Fußballspieler als Arbeitnehmer anzusehen waren. Oder eben als Freizeitsportler, die sich für eine berufliche Karriere empfehlen wollen und nur eine kleine Aufwandsentschädigung erhalten. Der Verein war sich immer sicher, dass diese Spieler keine Arbeitnehmer waren. Diese Position konnten die Beschuldigten jedoch nie darlegen oder begründen. „In den über vier Jahren Ermittlungen wurde mein Mandant von der Staatsanwaltschaft nicht ein einziges Mal zu den Vorwürfen auch nur befragt“, sagt Rechtsanwalt Christian Penning.

Summen maximal „aufgeblasen“

Die Staatsanwaltschaft bewertete das Verhältnis des Spielers zum Verein als Arbeitnehmerverhältnis. Damit stand im Raum, dass der Verein Sozialversicherungsbeiträge hinterzogen haben könnte. Das Finanzamt wandte sich jetzt mit harschen Vorwürfen an die Beschuldigten und eine ganze Reihe weiterer Vorstandsmitglieder der vergangenen Jahre, sorgte damit bei einer ganzen Reihe weiterer Ehrenamtlicher für einen Schock. Wen es traf, erschien willkürlich. Einige waren nur wenige Monate im Vereinsvorstand und wurden „getroffen“. Andere, die sogar für die Finanzen im Verein zuständig waren, wiederum nicht.

Und der finanzielle Rahmen der Vorwürfe wurde mächtig aufgeblasen. Den „berechneten“ fehlenden Sozialversicherungsbeiträgen lagen Lohnkosten zugrunde, die den Jahresetat des Vereins um ein mehrfaches überschritten. Das konnte nicht stimmen und war ja auch vom Finanzamt selbst mit den Jahresabschlüssen geprüft worden. „Wir haben das alles als Schikane empfunden“, sagen ehemals Beschuldigte noch heute. Auch, dass neue belastende Schreiben „zufällig“ immer kurz vor Weihnachten per Post eintrafen.

Nur diesmal ist alles anders. Kurz vor Weihnachten gab es die Erlösung: Die letzte Einspruchsfrist der Staatsanwaltschaft ist abgelaufen. Amtsgericht und Landgericht haben beide mit sehr deutlichen Worten bestätigt, dass keine Zweifel daran bestehen, dass die erhobenen Vorwürfe nicht berechtigt sind. Aber der Ruf der Beschuldigten lässt sich nicht so leicht wieder herstellen und die Zeit nicht zurückdrehen.

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