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Görlitz: Gewinner und Verlierer des kalten Sommers

Für Bauern brachte das kühle, nasse August-Wetter Probleme. Andere freuten sich über mehr Gäste als erwartet.

Auch das bot das Augustwetter: Nach einem kräftigen Gewitter mit Starkregen knickten an der Landskron Brauerei bei der Pioniereisenbahn mehrere Bäume um.
Auch das bot das Augustwetter: Nach einem kräftigen Gewitter mit Starkregen knickten an der Landskron Brauerei bei der Pioniereisenbahn mehrere Bäume um. © Danilo Dittrich

Er wirkte nicht nur sehr kalt und verregnet - der August war es auch.

Zum ersten Mal seit 2014 fiel ein August zu kühl aus. Die Durchschnittstemperatur lag in Görlitz bei 16,8 Grad. Üblich wären laut langjährigem Mittel für einen August in Görlitz 16,9 Grad. "Die Abweichung hört sich erst mal nicht viel an", sagt Anja Juckeland, Meteorologin beim Deutschen Wetterdienst in Leipzig. Aber bei dem langjährigen Mittel bezieht sie sich auf die "alten" Vergleichswerte zwischen 1961 und 1990, erklärt sie. "Aber wenn wir auf die jüngsten vergangenen Jahre blicken, war dieser August schon deutlich kühler als gewohnt."

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20 Prozent weniger Sonne - 20 Prozent mehr Regen

Fast ein Drittel mehr Regen und ein Drittel weniger Sonnenschein als üblich - so lautet das DWD-Augustfazit bundesweit. Das war auch in Görlitz zu spüren, wenn auch nicht ganz so stark. Mit 167 Stunden gab es etwa 20 Prozent weniger Sonnenstunden als üblich für einen Görlitzer August. Fast 89 Liter Regen kamen zusammen. Üblich wären etwa 74,4. Die Niederschläge seien sehr unterschiedlich ausgefallen, erklärt Anja Juckeland. "Es gibt Wetterstationen mit extremen Regenmassen. Görlitz bewegte sich da eher im unteren Bereich." Die Station in Altgehringswalde im Erzgebirge maß sogar 215,6 Liter pro Quadratmeter - bei einem ähnlichen langjährigen Mittel wie dem Görlitzer.

Seinem Namen als Sommermonat habe der August jedenfalls diesmal keine Ehre gemacht. Doch es gibt auch Profiteure von diesem Wetter.

Hallenbäder hatten Zulauf - der See nicht

Er könne sich nicht beklagen, sagt Robert Kubitz vom Neiße-Bad in Görlitz. Mit den Besucherzahlen im August ist er zufrieden. "Für uns war die Wetterlage optimal." Im Vergleich zu August-Monaten in den Vorjahren kann er auf jeden Fall einen Zuwachs bei den Besucherzahlen verbuchen. "Es gab sogar schon manche Wintermonate, die schlechter gelaufen waren als dieser August." Viele Görlitzer und Stammgäste suchten das Neiße-Bad auf, aber es waren auch viele neue Gesichter dabei, erzählt Kubitz. Womöglich Touristen, die das Bad dem Berzdorfer See vorzogen.

Dort dagegen war der August zum Vergessen, vor allem die vergangenen zwei Wochen, sagt René Freigang. Er ist Inhaber der Strandbar am Nordoststrand. "In den Monaten davor ging es ja noch", obwohl es gerade auch im Juli mehrfach Phasen mit Starkniederschlägen gab. "So ein richtiger Sommer war es insgesamt nicht. Gerade, wenn ich auf den Sommer voriges Jahr schaue - da hatten wir fast jeden Tag viel Betrieb." Dieses Jahr blieb die Strandbar öfter geschlossen, "dabei hatten wir den ganzen August über Schulferien." Touristen seien zwar dagewesen, viele Wohnmobile am Berzdorfer See. Aber viele blieben nur sehr kurzfristig, einen Tag, selten länger, erzählt René Freigang. Und viele Tage luden eben nicht zum Strandbesuch ein.

René Freigang hat seine Strandbar voriges Jahr eröffnet - als am Berzdorfer See, auch wegen der Coronakrise, Hochbetrieb herrschte.
René Freigang hat seine Strandbar voriges Jahr eröffnet - als am Berzdorfer See, auch wegen der Coronakrise, Hochbetrieb herrschte. © Nikolai Schmidt

Dafür aber ins Kino. Alexander Malt, Regionalleiter der Filmpalast-Gruppe, zieht ein gutes Fazit. "Wir hatten ungefähr so viele Besucher wie im August 2019." Damit wurden die August-Prognosen deutlich übertroffen, etwa um die Hälfte, erzählt er. Dafür habe sicherlich das Wetter gesorgt. "Es gibt zwei Phänomene, die sich überlagern", sagt Malt. Zum einen das Nicht-Sommer-Wetter, das mehr Gäste als erwartet in die Kinosäle brachte. Zum anderen die Corona-Pandemie und damit Abstandsregelungen, womöglich auch Unsicherheit, die andere wiederum abhielt.

Ohne die Pandemielage und mit dem Wetter wären es sicher noch mal deutlich mehr gewesen, nimmt er an. "Aber wir sind sehr zufrieden." Zumal es in Görlitz noch eine Besonderheit gab: Nach der Neugestaltung des Großen Saales im Görlitzer Filmpalast nutzen manche das Regenwetter, um sich das Ergebnis der Renovierung einmal anzuschauen.

Erst am Wochenende war im Görlitzer Kino Hochbetrieb: Schauspieler Tom Schilling war zu Gast für die Premiere des Films "Fabian", der zum großen Teil in Görlitz gedreht wurde.
Erst am Wochenende war im Görlitzer Kino Hochbetrieb: Schauspieler Tom Schilling war zu Gast für die Premiere des Films "Fabian", der zum großen Teil in Görlitz gedreht wurde. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Tolle Kartoffeln, schlechter Weizen

Weniger glücklich sind die Landwirte. Eric Krems, Geschäftsführer des Bauernverbandes Oberlausitz, zieht ein gemischtes Fazit. Es gab Pflanzen, denen endlich mehr Feuchtigkeit guttat: "Der Mais, die Kartoffeln und Rüben stehen bei uns im Landkreis sehr gut da", sagt er. Und hofft auf trockenes Wetter in den kommenden Tagen. "Die Ernte muss abgetrocknet sein, sonst wird es mit der Lagerung schwer", erklärt Krems. Und auch die Befahrbarkeit der Felder bei nassem Boden könnte problematisch werden. "Es kann dann passieren, dass man mit den Maschinen nicht übers Feld kommt."

Nicht gut getan hat die Feuchtigkeit dagegen dem Weizen. "Den spät geernteten Weizen können wir wegen Qualitätsverlusten zum Teil nicht mehr als Brotweizen verkaufen." Zumal mit der Feuchtigkeit auch die Gefahr für Pilze steige. "Was jetzt noch auf den Feldern steht, wird Futtergetreide", erklärt Eric Krems.

Landwirte hoffen auf Spätsommer

Eine andere Frage: Wird es noch was mit dem Winterraps? Dieser muss Ende August, spätestens in den ersten Septembertagen eingebracht werden, "sonst friert er uns mit dem ersten Frost ab." Auch dafür hofft Eric Krems auf gutes Wetter in den kommenden Tagen - und einen späten Winterbeginn.

Anja Juckeland hat zumindest für die Görlitzer Region gute Nachrichten. Nachdem in den vergangenen Tagen erstmals nach dem Sommer wieder polare Luft einströmt, rechnet sie in den kommenden Tagen mit einer Zwischenhochlage. Sie bringt bis Freitag etwa bis 20 Grad Celsius, am Wochenende im Tiefland 22 bis 23 Grad. In den Vormittagsstunden wird es voraussichtlich dennoch meist bewölkt sein. "Jetzt, Anfang September, hat die Sonne bereits deutlich weniger Zeit, um Boden und Luftmassen zu erwärmen", und damit die Wolkenbildung aufzulösen, erklärt sie. Niederschlag ist aber erst mal kaum in Sicht.

Entspannung für die Natur, Sorge für Menschen

Rekordkalt oder extrem nass war es im zurückliegenden August zumindest in Görlitz nicht. Der kälteste August steht beim DWD mit dem Jahr 1956 zu Buche. Das Temperatur-Monatsmittel lag damals bei 14,8 Grad. Das Gegenprogramm, der wärmste August bislang, war der von 2015 mit einem Monatsmittel von 22,2 Grad in Görlitz. Am heißesten Tag, der 7. August 2015, stieg das Thermometer auf 37,9 Grad im Schatten, erzählt Anja Juckeland. Dieser August dagegen hatte keinen einzigen sogenannten heißen Tag zu verbuchen, und lediglich sechs Sommertage. Das sind Tage, auf denen das Thermometer auf über 25 Grad steigt. Am wärmsten war es in Görlitz am 13. August. Die Durchschnittstemperatur des Tages lag bei 22,5 Grad, die Maximaltemperatur bei 29,2 Grad.

"Für die Natur, die Flora und Fauna, war der Sommer eine Erholung", fasst die Meteorologin zusammen. "Viele Pflanzen haben in den vergangenen Jahren durch die Trockenheit richtig gelitten", sagt sie. "Wir hatten diesen Sommer im Grunde alles dabei. Es gab bereits im Juni sehr schöne Tage. Wir hatten im Juli mehrfach heftige Gewitterlagen mit Starkniederschlägen, die auch in Sachsen durchaus große Schäden verursacht haben, das darf man auch nicht vergessen." Durchwachsen, lautet ihr Sommer-Fazit 2021.

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