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Corona: Warum sind die Altenheime nicht sicher?

Zwar bessert sich die Lage im Kreis Görlitz, aber noch immer stehen 15 Einrichtungen unter Quarantäne. Dabei gibt es doch jetzt Schnelltests.

Für Besucher in Altenheimen ist ein negativer Corona-Schnelltest nötig. Erst dann ist der Zutritt erlaubt - wenn das Heim nicht unter Quarantäne steht.
Für Besucher in Altenheimen ist ein negativer Corona-Schnelltest nötig. Erst dann ist der Zutritt erlaubt - wenn das Heim nicht unter Quarantäne steht. © dpa

Monika und Hubert Müller wollen weder ins betreute Wohnen noch in ein Altenpflegeheim. So lange die beiden über 80-Jährigen noch können, wollen sie im eigenen Haus wohnen bleiben. Jetzt führen sie ein weiteres Argument für ihre Ablehnung gegen ein Heim an: die Corona-Pandemie.

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Denn gerade in Altenpflegeheimen wütet das Coronavirus. Im Süden des Kreises besonders, da dort die Dichte an Pflegeeinrichtungen sehr hoch ist. Im Landkreis Görlitz starben bislang mehr als 700 Männer und Frauen am oder mit dem Coronavirus. Wie viele davon in einem Altenheim lebten, kann der Landkreis im Moment nicht sagen. Aber der Anteil dürfte sehr hoch sein, denn in den Gemeinschaftsunterkünften wie den Altenheimen leben viele besonders gefährdete Personen: Alte Menschen oftmals mit Vorerkrankungen - sie haben ein erhöhtes Risiko für schwere Krankheitsverläufe bei einer Corona-Infektion. Die SZ zieht eine Zwischenbilanz.

Wie ist die aktuelle Lage in den Heimen?

Derzeit verzeichnet der Landkreis ein Sinken der Infektionszahlen, gerade auch in Altenheimen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Carsten Seitz, Fachbereichsleiter Altenhilfe bei der Arbeiterwohlfahrt (Awo) vermutet, dass Sorgfalt und Vorsicht auch bei den Angehörigen von Heimbewohnern größer geworden seien. Eine Rolle könnte spielen, dass viele Heimbewohner die Infektion überstanden und Antikörper gebildet haben.

Aktuell stehen 15 Pflegeeinrichtungen im Kreis unter Quarantäne. Besucher haben hier keinen Zutritt. 500 Bewohner betrifft das. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie derzeit aktiv mit dem Coronavirus infiziert oder an Covid-19 erkrankt sind, heißt es aus dem Landratsamt. In den Heimen des Landkreises leben knapp 4.000 Menschen. Anfang Januar führte Landrat Bernd Lange bis zu 50 Prozent aller Corona-Infektionen im Landkreis direkt und indirekt auf das Ausbruchsgeschehen in Alten- und Behindertenheimen zurück.

Lediglich vier von etwa 80 Altenpflegeeinrichtungen im Kreis blieben bislang von Corona verschont. Es sind Heime in Friedersdorf bei Neusalza-Spremberg, in Weißwasser, in Großschweidnitz und in Eibau. Alle anderen Heime entwickelten sich in der ersten und/oder zweiten Welle der Pandemie zu einem Hotspot oder hatten zumindest einzelne Corona-Fälle zu verzeichnen, bestätigt Landkreissprecherin Franziska Glaubitz.

Welche Lehren wurden aus der ersten Welle gezogen?

Zu den am schwersten in der ersten Welle betroffenen Einrichtungen gehörte das Haus „Abendfrieden“ in Niesky. Viele der erkrankten Bewohner starben. Wie im Frühjahr 2020 das Coronavirus in das Haus gelangte, kann Heimleiterin Viola Knappe nicht sagen, sie weiß es nicht. Seit Juni 2020 ist im „Abendfrieden“ kein Bewohner mehr an Corona erkrankt. Strikte Einhaltung des Hygienekonzepts und dessen sofortige Anpassung an neue Möglichkeiten des Schutzes – unter anderem mit Schnelltests - seien wohl der Grund dafür.

Die schlimmen Erfahrungen aus der ersten Welle - vor allem das Besuchsverbot - wollte niemand noch einmal erleben – vielleicht auch deshalb waren alle viel mehr sensibilisiert als anderswo. Alle – das sind Mitarbeiter und Angehörige der Bewohner, und auch jene Bewohner, die das Pandemie-Geschehen noch bewerten können. Bewohnern mit Demenz oder anderen kognitiven Einschränkungen fällt es schwer, die Situation überhaupt zu verstehen. Hier Kontaktbeschränkungen durchzusetzen, ist eine Herausforderung für das Personal, aber unumgänglich. i

Trotzdem wurde das Corona-Virus auch in der zweiten Welle ab Ende Oktober verstärkt in die Heime hineingetragen. Heime sind auch schwer zu schützen, weil die Pflegekräfte, das Reinigungs- und Küchenpersonal ja nicht unter Quarantäne stehen, sondern noch ein soziales Leben außerhalb der Heime haben. Genauso geht es den Besuchern. Als sich das Coronavirus im Herbst verbreitete, blieben Infektionen da nicht aus.

Lange Zeit war es deshalb schwierig, Heime ausreichend zu schützen, trotz scharfer Hygienekonzepte. Deswegen sind viele Ausbrüche auch im Nachhinein nicht mehr nachzuvollziehen. Regelmäßige Kontrollen, ob in den Heimen die Hygienekonzepte eingehalten wurden und werden, gab und gibt es durch den Landkreis nicht. Er sieht das nicht als seine Aufgabe, sondern der Heimaufsicht des Freistaates.

Warum dauerte es so lange, Schnelltests zu verwenden?

Zu lange hat es aber gedauert, ehe mit Schnelltests Mitarbeiter und Bewohner systematisch auf das Coronavirus getestet wurden. Ministerpräsident Michael Kretschmer erklärte bereits Ende November beim Besuch des Görlitzer Klinikums, das sei jetzt die Hauptaufgabe. Mitte Dezember versprachen Bund und Länder personelle Hilfe den Heimen, um die Tests durchzuführen. Tatsächlich waren einige Bundeswehr-Angehörige Ende des Jahres 2020 in Altenheimen wie dem Görlitzer Bethanien oder dem Kursana in Weißwasser im Einsatz. Aber erst jetzt verständigten sich Bund und Länder auf massive Hilfe - zwei Monate nach der Ankündigung Kretschmers.

Zudem kamen zu der Personalnot auch Engpässe bei den Schnelltests, was weitere Verzögerungen nach sich zog.

Die sind überwunden, seit kurzer Zeit ist es möglich, überall mittels Schnelltests eine Infektion von Personal und Besuchern mit ziemlicher Sicherheit auszuschließen. Nur bei negativem Test ist der Eintritt in eine quarantänefreie Einrichtung erlaubt. Nach Aussage des Landkreises stehen allen Heimen nach den anfänglichen Engpässen nun genügend Schnelltests für Bewohner und Personal und auch ausreichend Schutzausrüstung zur Verfügung. Die Kosten dafür übernehmen in der Regel die Pflegekassen.

Wer half bei Personalnot in den Heimen?

Da sich in den Heimen auch zahlreiche Mitarbeiter mit dem Virus infizierten oder Personal wegen Kontakten zu Infizierten in Quarantäne mussten, stießen manche Altenheime an ihr Personallimit. Die Träger der Heime reagierten, um die Betreuung der Heimbewohner zu sichern. Bei der Awo zum Beispiel halfen Erzieherinnen aus, die wegen der Kita-Schließung nicht mehr die volle Stundenzahl ihrer Arbeit erreichten. Im "Abendfrieden" sprangen Mitarbeiter aus anderen Emmaus-Bereichen ein. Beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) unterstützen Mitarbeiter aus der gesamten gemeinnützigen GmbH die Betreuung im Heim.

Wird mit dem Impfen alles besser?

Solange nicht alle Heimbewohner und das Personal geimpft sind, sind Schnelltests die einzige Möglichkeit, den Eintrag des Virus in das Heim mit hoher Sicherheit auszuschließen. Weil es aber nicht genügend Impfstoff gibt, warten Heime auf einen Termin, wann Bewohner und Personal geimpft werden. So auch das "Abendfrieden" in Niesky. "Dabei könnte es sofort losgehen", sagt Heimleiterin Viola Knappe.

Geimpft werden Altenheim-Bewohner und auch das Personal auf Wunsch. Nach Angaben des DRK, das in Sachsen für die Impfung zuständig ist, sind im Landkreis Görlitz bislang in 27 Pflegeeinrichtungen 1.683 Personen geimpft worden. 81 Personen haben bereits eine Zweitimpfung erhalten. Eine Aufgliederung, ob es sich dabei um Personal oder Bewohner handelt, unternimmt das DRK aber nicht. Von den 25.000 Einwohnern über 80 Jahre im Kreis Görlitz leben 3.700 in Altenheimen.

Wer eine Corona-Infektion überstanden hat, wird übrigens in den nächsten drei bis sechs Monaten nicht geimpft. Hier geht man von einer Immunität aus.

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Entscheidend wird sein, wie wie viele der Bewohner und Pfleger von Altenheimen sich impfen lassen werden. Eine Impfquote von 30 Prozent, wie sie aus manchen Heimen vom Personal berichtet wird, ist zu wenig, um die Gefahr eines Eintrags des Coronavirus auszuschließen. Das aber wäre wichtig, um vor allem die Krankenhäuser zu entlasten. Und endlich den Bewohnern der Altenheime wieder mehr Lebensqualität zu schenken.

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