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Zu Corona kommt ein schlimmer Erkältungsherbst

Niedergelassene Görlitzer Ärzte bestätigen, dass eine heftige Erkältungswelle hereingebrochen ist, in den Krankenhäusern ist es aber noch ruhig.

Krankes Kind - das erleben zurzeit viele Familien. Wegen der strengen Corona-Maßnahmen im vergangenen Winter fürchten Experten, dass vor allem die Kinder Infekte vom vergangenen Jahr jetzt noch nachholen.
Krankes Kind - das erleben zurzeit viele Familien. Wegen der strengen Corona-Maßnahmen im vergangenen Winter fürchten Experten, dass vor allem die Kinder Infekte vom vergangenen Jahr jetzt noch nachholen. © dpa-tmn

Es hustet und schnieft an jeder Ecke, Kinder werden reihenweise vom Unterricht oder dem Training entschuldigt - und das alles hat nicht in erster Linie mit Corona zu tun. Denn neben den hier stark steigenden Fallzahlen kommt jetzt eine heftige Erkältungswelle. Von einem sprunghaften Anstieg von Infektpatienten spricht etwa der Görlitzer Allgemeinmediziner Dr. Leonhard Großmann. Weil Corona und Erkältungen nun mal die gleichen Symptome haben, versuche er in seiner Praxis auf der Goethestraße konsequent zu testen.

Daher kann er auch so genau sagen, dass viele der aktuell kranken Patienten tatsächlich nicht Corona haben, sondern eine starke Erkältung. "Schwere Verläufe beobachten wir hier nicht, aber wir fordern so wie jedes Jahr unsere Patienten zur Grippeschutzimpfung auf, um in den kommenden Monaten nicht noch zusätzlich durch die zu erwartende Influenza-Welle beeinträchtigt zu werden", sagt der Arzt. Derzeit wird das auch rege in Anspruch genommen, weil die Patienten die Notwendigkeit zur zusätzlichen Influenza-Immunisierung zur eventuell schon vorhandenen Corona-Impfung erkennen würden.

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Kinder fiebern lange

Durchaus schwere Verläufe solcher Erkältungen kann dagegen Kinderarzt Dr. Markus Rentsch beobachten. Im Augenblick gebe es sehr viele Erkältungen, ungewöhnlich viele für diese Jahreszeit, so seine Einschätzung. "Es ist fast so schlimm wie sonst erst im Januar, Februar." Influenza sei bei den kleinen Patienten bislang zwar noch kein einziges Mal festgestellt worden. Was ihm aber auffällt: Es gibt viele Kinder, die lange fiebern. Manchmal seien in den Abstrichen sogenannte RSV- und auch Bocaviren dabei - letztere sind neuartige Viren, die akute Atemwegs- und Magen-Darm-Infektionen und nach neuesten Erkenntnissen auch Lungenentzündungen hervorrufen können, vor allem bei Babys und Kleinkindern.

Auf Corona getestet wird in der Praxis von Dr. Rentsch aber nicht automatisch jedes Kind mit Symptomen. "Wir testen nach Risikoprofil, das heißt, wenn die Eltern einen 'gefährlichen' Beruf haben, etwa Altenpfleger oder Erzieher im Kindergarten. Oder wenn es einen engen Kontakt zu Covid-Positiven gegeben hat." Die Testungen an den Schulen hält Rentsch für sinnvoll, weil dadurch, die Gefahr Covid-Kinder zu übersehen, deutlich gesunken sei.

Davon wird es in den nächsten Wochen vermutlich noch viele geben, schätzt der Arzt. Weil viele zu jung sind, um geimpft zu werden und weil die Corona-Regeln deutlich lockerer sind als vergangenen Winter.

Gefährliche Viren - besonders für Kleinkinder

Die Entwicklung in Görlitz deckt sich mit der bundesweiten. Einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) zufolge, der sich auf das Robert-Koch-Institut (RKI) beruft, holen seit dem Spätsommer besonders Kinder unter sechs Jahren Infekte nach. Wegen der Kontaktbeschränkungen im vergangenen Winter seien sie mit bestimmten Erregern nicht in Kontakt gekommen und bekommen das jetzt zu spüren. Vor allem auch gefährliche Erreger wie das RSV - jene, die auch der Görlitzer Kinderarzt Dr. Rentsch aktuell oft feststellt - seien darunter. Vor allem Ein- bis Vierjährige sind bundesweit im September deutlich häufiger ins Krankenhaus eingewiesen worden als in den Jahren vor der Pandemie.

Größere Ausbrüche von RSV-Viren unter Kindern waren seit Mai schon aus Israel, den USA, Australien und Japan gemeldet worden. Das RKI mahnte laut FAZ schon im Sommer, sich in Deutschland auf ein solches Szenario ebenfalls vorzubereiten.

Als noch normale Entwicklung für den Herbst bezeichnet indes Dr. Claudia Friedrichs, die Leiterin des Medizinischen Labors Ostsachsen in Görlitz, die Lage. "Saisonbedingt steigen die Zahlen der Erkältungskrankheiten eben an", sagt sie. "In der letzten Saison waren alle lange geschützt, vielleicht ist das Immunsystem deshalb jetzt empfänglicher für andere Viren." Und auch sie bestätigt, dass der Anteil an Respiratorischen Synzytial-Virus-Infektionen (RSV) derzeit hoch ist.

Ein wenig müsse aber noch abgewartet werden, um die gesamte Lage besser einschätzen und mit den Vorjahren vergleichen zu können. Die Erkältungswelle lässt - gepaart mit den steigenden Corona-Zahlen - auch das Testaufkommen im Labor auf der Cottbuser Straße wieder sprunghaft steigen. In Spitzenzeiten mussten hier im vergangenen Winter manchmal 2.000 bis 3.000 Tests am Tag bewältigt werden. "Inzwischen sind wir wieder ungefähr bei 800", so Friedrichs. Vereinzelt waren auch schon erste Influenzafälle dabei. Die Grippe war im vergangenen Winter ja förmlich ausgefallen.

So ist die Lage in den Kliniken

In den Kliniken ist die Situation noch relativ entspannt, wobei zumindest das Städtische Klinikum in Görlitz schon langsam mehr Patienten in diesem Sektor bekommt. Am Freitag lagen drei Corona-Patienten im Klinikum, davon zwei auf der Intensivstation. Alle drei sind nicht gegen Corona geimpft. "Im Moment sind die Corona-Patienten noch Einzelfälle. Wir beobachten das Geschehen aber sehr wachsam", sagt Melanie Freiwerth von der Unternehmenskommunikation. "Was die Erkältungskrankheiten betrifft, haben wir tatsächlich vermehrt Kinder, die wir aufgrund einer Respiratorischen Synzytial-Virus-Infektion (RSV), also einer schweren Atemwegserkrankung, auf Station behandeln müssen.

Im Malteser-Krankenhaus St. Carolus lagen bis vor Kurzem ebenfalls zwei Corona-Patienten, aktuell liegt keiner im St. Carolus. Laut Marjan Stojanoski, dem Chefarzt der Inneren Medizin, sei es ansonsten auf der Station aber ruhig - was schwere Verläufe von Atemwegs- oder bei Grippeerkrankungen angeht.

"Trotz der steigenden Corona-Zahlen im Landkreis Görlitz müssen wir im Krankenhaus Emmaus Niesky zurzeit keine Corona-Patienten versorgen", sagte Sprecher Victor Franke am Donnerstag. Auch Grippe-Patienten gibt es aktuell keine. Einige Mitarbeiter seien aber an Grippe erkrankt, der Krankenhausbetrieb sei dadurch jedoch nicht beeinträchtigt." Wie sich die Lage in den kommenden Tagen und Wochen entwickeln werde, sei schwer einschätzbar.

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