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Kleine Schätze unterm Dach

Andriko Zimmermann saniert weiter den Berggasthof in Jauernick-Buschbach. Erneut findet er Dinge, mit denen er nicht rechnete.

Iris und Andriko Zimmermann betreiben den Berggasthof in Jauernick-Buschbach. Bei Sanierungsarbeiten fand der Wirt kleine Schätze.
Iris und Andriko Zimmermann betreiben den Berggasthof in Jauernick-Buschbach. Bei Sanierungsarbeiten fand der Wirt kleine Schätze. © Nikolai Schmidt

Um 1500 ist das Wohnhaus erbaut, das Iris und Andriko Zimmermann seit 1990 besitzen. Seitdem gibt das Haus in Jauernick-Buschbach ein Geheimnis nach dem anderen preis. Und stellt die Besitzer vor Rätsel.

Das Gebäude, um das es geht, ist der Berggasthof in dem Bergdorf bei Görlitz. In der oberen Etage wohnen die Wirtsleute, im Erdgeschoss befindet sich die Gaststätte. Wegen der Corona-Pandemie ist sie derzeit jedoch geschlossen.

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Der Wirt nutzt die Zeit, in der er seiner eigentlichen Tätigkeit nicht nachkommen kann, für die weitere Sanierung des Gebäudes. In mehreren Etappen hat er das alte Haus in den vergangenen Jahren auf Vordermann gebracht, zunächst unter anderem das Fachwerk unter mehreren Putzschichten hervorgeholt und den Saal mehrmals neu gestaltet. 2013 gab es eine große Sanierung, bei der nicht nur die Gasträume ein neues, schmuckes Aussehen erhielten. Vor allem über neue, moderne und behindertengerechte Sanitäranlagen freuen sich die Gäste seitdem.

Ob diese angefressene Banknote noch etwas wert ist?
Ob diese angefressene Banknote noch etwas wert ist? © Nikolai Schmidt
Sächsische Zeitung von 1960.
Sächsische Zeitung von 1960. © Nikolai Schmidt
Brief an den Hilfsjäger Rudolf Bindig.
Brief an den Hilfsjäger Rudolf Bindig. © Nikolai Schmidt
Holzlöffel, Messer, Schäler und ein Teil von einem Spinnrad fand der Wirt
Holzlöffel, Messer, Schäler und ein Teil von einem Spinnrad fand der Wirt © Nikolai Schmidt

Erst vor Kurzem reparierte Andriko Zimmermann Dächer, nachdem sie vor Jahrzehnten bereits einmal neu gemacht wurden. Jetzt soll die Dämmung über der Wohnung erneuert werden. "Die Dielen sind angegriffen und morsch, zum Teil eingebrochen, also höchste Zeit, etwas zu tun, vor allem in energetischer Hinsicht", erklärt Andriko Zimmermann. Er baut eine Dämmung aus Holzfaser ein - ein Naturbaustoff, der für Fachwerkhäuser gut geeignet ist. "Die Dämmung ist diffussionsoffen, nimmt zwar Wasser auf, falls welches eindringt, gibt es aber auch wieder ab", erklärt der Wirt.

Ein Sammelsurium an Fundstücken

Bevor er den neuen Dämmstoff einarbeiten kann, muss der alte erst mal raus. Und da erlebte der Freizeit-Sanierer eine Überraschung: Unter den Dielen war ebenfalls eine Naturdämmung eingearbeitet: Tannennadeln. Doch in einem der durch Balken abgeteilten Areale fanden sich Sachen, mit denen der Wirt nicht gerechnet hatte. "Ich habe zwar bei jeder Sanierung etwas gefunden, aber sowas nicht", erklärt er.

Zwischen den Nadeln lagen Papiere, Zeitungen und Allerlei aus Holz, darunter ... zig Holzlöffel, die meisten waren zerbrochen, Messer mit Horngriff, ein Schäler, zwei uralte Maggi-Flaschen, eine Tonflasche Steinhäger und eine wahrscheinlich von Mäusen angefressene Reichsbanknote über 1.000 Mark von 1923. Bei einem weiteren Holzteil vermutet Iris Zimmermann, dass es sich um ein Teil eines Spinnrades handelt. Die Zeitungen, darunter die Sächsische Zeitung, stammten aus den 1960er-Jahren. Die anderen Papiere sind jedoch viel älter. Rechnungen an einen Hilfsjäger Rudolf Bindig sind dabei. Sie stammen aus den Jahren 1919 bis 1923. Einer Familie Bindig gehörte der Berggasthof einst.

Aber auch ganz private Post von 1921 bis 1923 ist darunter, in der sich ein Mann und eine Frau über ihr Fehlverhalten austauschen, geschrieben in der alten Sütterlin-Schrift.  Worüber der Wirt am meisten staunte, waren hunderte Zettel, die beinahe unter jeder Diele zu finden waren: Aufnahmeanträge für die Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft (DSF).

Menschen schützen Eigentum vor fremdem Zugriff

Der Görlitzer Architekturhistoriker Dr. Andreas Bednarek kennt viele solcher und ähnlicher Fundsituationen. "Der klassische Fall ist es, dass Menschen etwas ihnen Wichtiges versteckten, um es vor fremdem Zugriff zu schützen", erklärt er und benennt als Beispiele Schmuck, wichtige Briefe und Papiere oder vielleicht sogar eine Waffe. Dann wurde das Versteck vergessen oder der Verstecker kam nicht mehr dazu, seine Schätze wieder hervorzuholen. Zwar gab es schon im Mittelalter Sicherheitsschränke,  wohl aber nur bei betuchten Bürgern. Erste Tresore kamen vor etwa 200 Jahren auf. Die waren aber nicht vergleichbar mit heutigen Modellen.

Und so suchten sich die Menschen früher ein Versteck im Gebäude, von dem sie annahmen, dass es sicher genug sei. Beliebte Verstecke sind Dielenboden gewesen, erklärt Bednarek. "Gewöhnlich werden Dielen nicht so schnell angehoben", sagt er. Andere heutige Fundsachen, beispielsweise Glasscherben, lassen darauf schließen, dass sie seinerzeit niemandem wichtig waren, sondern lediglich "entsorgt" werden sollten. "Manchmal spielte auch Gedankenlosigkeit eine Rolle, oder jemand wollte einem anderen einen Streich spielen und versteckte etwas", erklärt Andreas Bednarek die vielen Gründe, warum noch heute bei Bauarbeiten kleine und manchmal sogar große Schätze gefunden werden.

Dass im Berggasthof Tannennadeln als Dämmstoff verwendet wurden, wundert den Bauhistoriker nicht. "Vor allem in den 1920ern war Baumaterial äußerst knapp, sodass Bauherren alles Mögliche als Ersatzstoffe genommen haben - wie eben Tannennadeln, Zeitungen und vor allem Lehm. Den findet man immer."

Vielleicht mal eine Vitrine für die Fundstücke

Das kann Andriko Zimmermann bestätigen. Wenn er fertig ist mit seinen Arbeiten wird er überlegen, was er mit den Fundsachen macht. Die Aufnahmeanträge für die DSF hebt der Wirt nicht auf. Doch die anderen Sachen will er bewahren. Ob er sie künftig einmal in einer Vitrine den Gästen des Berggasthofes zeigen wird, sei ein erster Gedanke. "Obwohl mittlerweile fast alles in unserem Haus neu gemacht wurde, ahne ich, dass es da bestimmt noch irgendwo ein Schätzchen gibt", sagt der Wirt mit einem Augenzwinkern. Ein paar Sanierungswünsche hat er nämlich noch.

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