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Keinerlei Motorboote mehr auf dem Berzdorfer See?

Der Umwelt zuliebe stimmt der Görlitzer Stadtrat für reine Elektroboote - und stößt damit die Segler und andere vor den Kopf.

Bis auf wenige Ausnahmen haben alle Segelboote, die den Berzdorfer See bislang nutzen, Hilfsmotoren am Boot. Das wäre passé, sollte die Landesdirektion dem Vorschlag der Stadt folgen.
Bis auf wenige Ausnahmen haben alle Segelboote, die den Berzdorfer See bislang nutzen, Hilfsmotoren am Boot. Das wäre passé, sollte die Landesdirektion dem Vorschlag der Stadt folgen. © SAE Sächsische Zeitung

Wer hier eine Debatte erwartet hatte, lag falsch: Der Stadtrat nickte am Donnerstag mit nur einer Gegenstimme und bei drei Enthaltungen eine Stellungnahme ab, die es in sich hat. Und die sich gegen den Willen des Rathauses stellt.

Es geht um die Schiffbarkeit für den Berzdorfer See und darum, welche Schiffe und Boote hier in Zukunft fahren dürfen. Die Landesdirektion in Dresden arbeitet derzeit an der lang erwarteten und von vielen herbeigesehnten Schiffbarkeitserklärung für den Berzdorfer See und hat einen Entwurf erarbeitet. Dafür holt sie aktuell Stellungnahmen von allen möglichen Beteiligten ein, auch von Umweltamt und Unterer Wasserbehörde des Landkreises, den See-Anrainern oder dem sächsischen Seglerverband.

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Manfred Dahms ist passionierter Segler und Chef der Lausitzer Wassersportfreunde. Er hält die Stellungnahme der Stadt für falsch.
Manfred Dahms ist passionierter Segler und Chef der Lausitzer Wassersportfreunde. Er hält die Stellungnahme der Stadt für falsch. © freier Fotograf

Das Rathaus hatte im Vorfeld zur Ratssitzung am Donnerstag ein entsprechendes Papier vorbereitet. Inhalt: Im Wesentlichen stimme man der Vorlage der Landesdirektion zu, die zwei Zonen des Sees nicht befahrbar machen will - aus Naturschutzgründen: einmal im Südwesten unterhalb der Rutschung P und einmal im nordwestlichen Teil des Sees.

Auch im Punkt, welche Schiffe und Boote den See künftig befahren dürfen, herrschte zumindest zwischen Rathaus und Dresden Konsens. So steht in der am Donnerstag vorgelegten Beschlussvorlage, dass nach zehn Jahren Übergangsregelung, wo nur bis auf ganz wenige Ausnahmen nur nicht Motor angetriebene Boote auf dem See zugelassen waren, endlich eine vollständige Nutzung des Sees möglich werden soll. Und zwar für alle Motorboote. Auch für das Fahrgastschiff eines Bernstädter Unternehmers, der schon lange auf grünes Licht wartet. „Dass die Betreibung von Fahrgastschiffen auf dem See gewünscht ist, wurde unter anderem auch mit entsprechenden Beschlüssen und Bereitstellung von Eigenmitteln für die Ertüchtigung der Bootsanleger dokumentiert“, heißt es in der Vorlage.

Regelmäßig üben auch Kinder auf dem Berzdorfer See das Segeln. Vor allem sie sind auf die Hilfsmotoren angewiesen, um es allein wieder ans Ufer zu schaffen.
Regelmäßig üben auch Kinder auf dem Berzdorfer See das Segeln. Vor allem sie sind auf die Hilfsmotoren angewiesen, um es allein wieder ans Ufer zu schaffen. © freier Fotograf

Auch auf SZ-Nachfrage im Vorfeld zur Sitzung hatten der Görlitzer OB Octavian Ursu und Bürgermeister Michael Wieler ausdrücklich davon gesprochen, dass dies für das Fahrgastschiff gelten soll.

Doch in den Ausschüssen vor der Sitzung einigten sich die Stadträte in nicht öffentlichen Sitzungen letztlich auf etwas anderes: Man fordere eine Beschränkung des allgemeinen Motorboot- und Fahrgastschiffverkehrs auf Boote und Schiffe mit Elektroantrieb. Begründung: die Natur auf und um den See soll geschont werden. „Für uns kommt es darauf an, dass wir wegen der Besonderheiten des Sees nur E-Motorboote zulassen“, erklärte Prof. Joachim Schulze (Bündnisgrüne) die Wendung und sprach vom umfangreichen Artenschutzgutachten, das bescheinige, welchen Artenreichtum Görlitz da vor der Haustür habe, mit zum Teil höchst seltenen Vogelarten. Es gehe darum, diese zu erhalten, wofür elektrobetriebene Boote deutlich vorteilhafter wären.

Zudem dürfe die hervorragende Wasserqualität keinen Schaden durch Verbrennungsmotoren nehmen. „Wir müssen Vorsorge für Not- und Trinkwasser treffen“, findet Schulze. Heißt: Die Wasserqualität des Sees ist gut genug, um im Notfall daraus Trinkwasser gewinnen zu können. Darauf müsse man angesichts der Klimasituation vorbereitet sein. Letztlich sei auch die Erholungsqualität für See-Besucher eine größere, wenn es weniger Lärm durch Motorboote gebe. So sah das auch die Mehrheit der Räte und stimmte der Stellungnahme zu. Ob die Landesdirektion dem folgt, ist eine andere Frage.

Immerhin steht im Sächsischen Wassergesetz, dass mit der Erklärung der Fertigstellung des Gewässers der Berzdorfer See für Fahrgastschiffe, motorgetriebene und nicht motorgetriebene Boote, nutzbar sein soll. Allerdings wies Bürgermeister Michael Wieler in der Ratssitzung darauf hin, dass Emmissions- und Naturschutzgesetz dem entgegen stünden - als Bundes- beziehungsweise EU-Recht aber dem Landesrecht übergeordnet seien.

Soll das erste Fahrgastschiff auf dem Berzdorfer See werden: die "MS Oberlausitz", die in Tauchritz auf ihren Einsatz wartet. Doch käme das Aus für Verbrennungsmotoren auf dem Berzdorfer See, könnte sie nicht in See stechen.
Soll das erste Fahrgastschiff auf dem Berzdorfer See werden: die "MS Oberlausitz", die in Tauchritz auf ihren Einsatz wartet. Doch käme das Aus für Verbrennungsmotoren auf dem Berzdorfer See, könnte sie nicht in See stechen. © Fotograf: xcitepress

Akteure am See sind über die neue Entwicklung stocksauer. So sagt Manfred Dahms von den Lausitzer Wassersportfreunden, das sei ganz klar die falsche Entscheidung. Den Räten wirft er vor, sich mit der Thematik nicht befasst, die Sache am grünen Tisch entschieden zu haben. Warum sei niemand mal an den Segelstützpunkt zur Blauen Lagune gekommen, um zu hören, wie laut oder leise die Hilfsmotoren an den Segelbooten tatsächlich seien? Denn auch für sie käme das Aus, sollte die Schiffbarkeitserklärung mit den von der Stadt gewünschten Einschränkungen kommen. Dabei haben fast alle Segelboote Hilfsmotoren. „Ohne die geht es nicht“, sagt Dahms. Er habe selbst mehrfach erlebt, dass Boote ein, zwei Stunden gekämpft und es trotzdem nicht mehr von selbst an Land schafften und hereingezogen werden mussten.

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„Im Hafen haben bis auf ein, zwei Boote alle diese Hilfsmotoren“, sagt Dahms. Umso verwunderlicher, dass Arne Myckert vom Hafenbetreiber KommWohnen ausdrücklich der Elektro-Variante zustimmt, wie auch Bürgermeister Wieler im Stadtrat bestätigte. „KommWohnen plädiert ausdrücklich gegen die Nutzung von Verbrauchermotoren“, heißt es in einer Stellungnahme.

Was die Segelboot-Besitzer nun tun sollen, bleibt unbeantwortet. Wenn alles so kommt, bleibt ihnen wohl nur das Umrüsten. „Aber E-Motoren kosten das Doppelte, wenn nicht das Dreifache“, sagt Manfred Dahms. Dem Bernstädter Unternehmer Stefan Gläsel gehört das Fahrgastschiff „MS Oberlausitz“, das schon seit Längerem darauf wartet, in See stechen und den Tourismus am Berzdorfer See weiter zu beleben. Auch er ist maßlos enttäuscht. Wie er sagt, gab es einige Gespräche mit allen beteiligten Ämtern der Stadt, nach denen er schließlich aufwendige Konzepte und Anträge vorlegte. Schon seit 2016 wurde der Unternehmer Jahr für Jahr vertröstet.

Nach fünf Jahren Hinhaltetaktik jetzt so eine Stellungnahme vom Görlitzer Stadtrat - das erstaune ihn schon sehr, sagt Gläsel. „Das ist eine klare Ansage an die Investoren, wie zuverlässig die Stadt ist. Für mich gilt immer noch der Beschluss des Sächsischen Landtages. Darauf basieren unsere Investitionen.“ Eingeschränkter Fahrbetrieb von April bis Oktober, zusätzlich von Sonnen-auf- bis Sonnenuntergang begrenzt und dann noch mit Elektromotor - das sei wirtschaftlich nicht realisierbar.

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