merken
PLUS Görlitz

Offenes Ohr für Tausende Mitarbeiter

Als Betriebsratsvorsitzender für Alstom Deutschland kümmert sich René Straube um die Sorgen der Görlitzer Kollegen wie auch jener an anderen Standorten.

René Straube ist seit Anfang September der neue Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Alstom Deutschland.
René Straube ist seit Anfang September der neue Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Alstom Deutschland. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Wenn von Indien die Rede ist, leuchten René Straubes Augen. Das waren zweifelsohne die vier schönsten Monate seines gesamtes Berufslebens. 2007 konnte er das Dehli-Projekt mit einigen Kollegen vor Ort begleiten. In dieser Zeit in Neu-Dehli hat er enorm viel dazugelernt, sagt der 57-Jährige, es habe seinen Blick auf die Welt verändert, ihn geprägt. Obwohl das zwölf Jahre her ist, spricht er noch heute gern darüber – vor allem mit jenen Kollegen, die damals dabei waren.

Straube ist am 1. September 40 Jahre im Unternehmen gewesen. Sein Weg vom Lehrling zum Betriebsratsvorsitzenden – seit einigen Tagen sogar Gesamtbetriebsratsvorsitzenden von Alstom Deutschland, ist ein ungewöhnlicher. Nicht viele aus dem Riesenunternehmen kennen die Geschichte der letzten Jahrzehnte, die Zusammenhänge so gut wie er. Ebenso wie die Sorgen und Nöte der Belegschaft.

TOP Reisen
TOP Reisen
TOP Reisen

Auf ins Weite, ab in die Erholung! Unsere Top Reisen der Woche auf sächsische.de!

Einige Monate nach der Übernahme von Bombardier durch Alstom – was Straube absolut als die Rettung des Görlitzer Standortes sieht – ist die Stimmung allerdings nicht viel besser als zuvor. Zwar sind die meisten Alstom gegenüber aufgeschlossen und positiv gestimmt, doch steht dem die schlechte Auftragslage gegenüber, die weiterhin absolut ungewisse Zukunft. Wer dachte, unter neuem Namen ändert sich sofort alles zum Guten, hat sich geirrt.

Auch bei der Vereidigung vom neuen Oberbürgermeister Octavian Ursu (li.) im August 2019 war René Straube (re.) - damals noch als Bombardier-Betriebsratschef dabei. Mit ihm gratulierten der damalige Standortleiter von Bombardier, Carsten Liebig (2.v.l.), u
Auch bei der Vereidigung vom neuen Oberbürgermeister Octavian Ursu (li.) im August 2019 war René Straube (re.) - damals noch als Bombardier-Betriebsratschef dabei. Mit ihm gratulierten der damalige Standortleiter von Bombardier, Carsten Liebig (2.v.l.), u © Nikolai Schmidt

Das Gröbste hat Alstom zwar sofort geregelt. Außenstände beglichen, dafür gesorgt, dass wieder Material da ist. Das war lange Zeit ein Problem. Aufgrund einer Betriebsvereinbarung sind die Mitarbeiter trotzdem zur Arbeit gekommen und bezahlt worden, auch wenn sie aufgrund fehlenden Materials nichts machen konnten. „Das ist eine Vereinbarung, für die wir als Betriebsrat verantwortlich sind und auf die wir nicht stolz sind“, sagt Straube, aber es ging darum, dass die Leute nicht in der Luft hängen. Dass die Materialengpässe so lang sein würden, hat keiner gedacht. Die Devise lautete immer: Morgen können wir wieder weiter arbeiten. Doch oft genug war es nicht so. Was enorme Kosten verursachte – und alles andere als wirtschaftlich war.

Es müssen dringend neue Aufträge her

Inzwischen sind diese Missstände behoben, doch die größte Sorge bleibt und es ist eine, die der Betriebsrat nicht lösen kann: eine miserable Auftragslage. Das hat René Straube oft im Kopf, wenn er vom beschaulichen Königshain, wo er geboren wurde, seine Kindheit verbrachte und nach einigen Zwischenstationen auch wieder landete, nach Görlitz fährt. Dreimal die Woche ist das nur noch, zwei Tage geht es in eine andere Richtung: nach Hennigsdorf oberhalb von Berlin. Dort ist der Sitz des Gesamtbetriebsrates. 2010 kam er in Görlitz in den Betriebsrat – nach vielen Stationen im Werk. 1981 hatte er seine Lehre zum Maschinen- und Anlagenbauer begonnen, danach in der Teilefertigung gearbeitet, später auch Teams geleitet, sich Anfang der 2000er noch im Fernstudium zum Techniker ausbilden lassen.

Als Ende 2016 Volker Schaarschmidt nach vielen Jahren als Betriebsratsvorsitzender in den Ruhestand ging, wurde Straube sein Nachfolger. Das war mitten in der ersten großen Arbeitskampfwelle. 2015 hatte der kanadische Konzern Bombardier seine Stellenabbau- und Umstrukturierungspläne publik gemacht, in Görlitz ging die Bombardier-Belegschaft mehrfach auf die Straße, erst für Bombardier, dann gemeinsam mit den Siemenskollegen für beide Werke – immer von der Görlitzer Bevölkerung unterstützt. Eine unruhige Zeit in der Straube das Ruder übernahm. Für die starke Unterstützung der IG Metall ist er noch heute dankbar.

Schnell in der Alstom-Welt ankommen

Sie steht auch heute an der Seite des Gesamtbetriebsrates, der für 9.428 Mitarbeiter an zwölf Standorten in Deutschland zuständig ist. Seine Aufgabe sieht er aktuell vor allem darin, bei der Integration in die neue Alstom-Welt zu helfen. Andere Prozesse, andere Vorhaben, aber nicht genug Personal, um gestandene Alstom-Leute zur Unterstützung in die ehemaligen Bombardier-Werke zu schicken. Das ist die Situation, mit der alle klarkommen müssen. Jeder muss für sich seinen Platz bei Alstom finden, sagt Straube. Das geht unterschiedlich schnell, weil der eine die Herausforderung annimmt und sich Mühe gibt, der andere mit der Situation noch seine liebe Mühe hat. Und es hängt auch von der Größe der Aufgabenbereiche ab. Bei größeren Prozessen sei es kein Zuckerschlecken, alles umzustellen – Prozesse, Strukturen, technische Vorbereitung.

Als der Arbeitskampf richtig tobte: Sachsens damaliger Ministerpräsident Stanislaw Tillich (vorn links) und René Straube im April 2017 bei einem Besuch im Görlitzer Werk. In der Mitte Octavian Ursu – heutiger OB von Görlitz, damals als Landtagsabgeordnete
Als der Arbeitskampf richtig tobte: Sachsens damaliger Ministerpräsident Stanislaw Tillich (vorn links) und René Straube im April 2017 bei einem Besuch im Görlitzer Werk. In der Mitte Octavian Ursu – heutiger OB von Görlitz, damals als Landtagsabgeordnete © freier Fotograf

Nichtsdestotrotz findet Straube: „Wir müssen Bombardier hinter uns lassen und uns mit dem Neuen identifizieren, uns bei Alstom einarbeiten und einbringen.“ Straube findet, der Prozess dauert schon ein bisschen zu lange. Aber es ist eben ein Prozess, keine Sache, die über Nacht geht. Das bedeutet viel Arbeit – für den Gesamtbetriebsrat in Hennigsdorf, aber auch für den vor Ort in Görlitz. Hier hat Straube ein Team von drei freigestellten und weiteren 14 Leuten, ist dankbar, dass es ihm während seiner zwei Tage in Berlin den Rücken frei hält.

Hauptaufgabe hier wie da ist die Wahrung der Rechte der Kollegen – und das auf hohem Niveau. Man muss sich IT-Systeme wie etwa Lohnabrechnungssysteme ansehen, mit dem Datenschutz auseinandersetzen, all solche Dinge, die die Belegschaft vielleicht auch gar nicht sofort auf dem Schirm hat. Denn ihr geht es vor allem um die eine große Frage: Behalten wir unseren Job langfristig? Das kann trotz Übernahme keiner wirklich mit Gewissheit sagen. „Was Aufträge für uns betrifft, so kann man in der letzten Zeit nur von einer Serie von Pleiten, Pech und Pannen sprechen“, sagt René Straube.

Auf vier Beinen steht das Werk aktuell noch, aber die wackeln, werden nach und nach wegbrechen. Da ist der große Ice4-Auftrag für die Deutsche Bahn, ein Langläufer, wie Straube sagt. Den macht Görlitz zusammen mit Wroclaw. Doch 2023 läuft das Projekt aus. Da sind die vielen Straßenbahnaufträge, unter anderem für die Stadt Dresden. Das ist gut. Allerdings bedeutet dieser beispielsweise in Görlitz Arbeit für maximal 30 bis 50 Leute. „Mehr sind es nicht, und die Zahlen veranschaulichen schon deutlich, wie schwierig es ist, ein Werk mit aktuell 900 Kollegen durchzubringen.“ Der große Doppelstockzug-Auftrag aus dem Jahr 2010 für die Deutsche Bahn steht auch unter keinem guten Stern. Zwar hat die DB bislang von 800 Fahrzeugen schon 700 abgerufen. Aber ein großer Teil davon kann nicht verkauft werden, weil es Zulassungsprobleme gibt. Probleme mit der Zugsteuerung, eine sehr komplexe Geschichte.

Problembehafter Großauftrag: 2010 hatten die Schweizerischen Staatsbahnen (SBB) 62 Doppelstockzüge bestellt. So rollten sie in Görlitz aus dem Werk.
Problembehafter Großauftrag: 2010 hatten die Schweizerischen Staatsbahnen (SBB) 62 Doppelstockzüge bestellt. So rollten sie in Görlitz aus dem Werk. © SBB

Hoffnung auf Nachbestellung aus Israel

Beim Israel-Auftrag ist der siebente Abruf von Waggons so gut wie abgearbeitet, die Hoffnung auf weitere ist groß. Gleiches gilt für die Schweizer Züge. „Aber der Hauptauftrag läuft aus, eine mögliche Option zur Lieferung weiterer Züge wird durch die Schweizer Bundesbahnen nicht gezogen“, sagt Straube. Nur sind das die Aufträge, die das meiste Personal binden. Und so ist es das große Ganze, das Straube auch Sorgenfalten macht. Er sorgt sich um die gesamte deutsche Industrielandschaft, darum, wie sie überleben soll, wenn immer mehr Produktion ins Ausland ausgelagert wird. Ein Werk wie der Görlitzer Waggonbau, das alles macht und alles kann gibt es in Deutschland nicht noch mal, vielleicht nicht mal in ganz Westeuropa, ist sich Straube sicher. Hier sieht er die Politik in der Pflicht, sich einzusetzen statt solche Dinge zu vernachlässigen.

Firmen vor Ort mehr einbeziehen

Vielleicht kann die Zukunft von Görlitz aber auch in der Spezialisierung liegen, vielleicht muss man sich von der Philosophie, wir können alles, können einen kompletten Zug aufbauen, verabschieden – auch diese Gedanken bewegen René Straube. Wichtig ist ihm dabei eins: Dass die Region nicht auf der Strecke bleibt, die Menschen, die hier gute Arbeit machen. Nicht nur die im Werk, sondern auch die vielen anderen Firmen vor Ort. „Ich hoffe, dass wir uns unter Alstom wieder viel mehr lokale Lieferanten aussuchen dürfen. Es gibt hier eine so große Vielschichtigkeit an mittlerem und größerem Gewerbe, das muss viel mehr genutzt werden statt immer mehr auf globale Ketten zu setzen.“

Im Januar 2018 fand eine der größten Demonstrationen zum Erhalt der Arbeitsplätze bei Siemens und Bombardier in Görlitz statt.
Im Januar 2018 fand eine der größten Demonstrationen zum Erhalt der Arbeitsplätze bei Siemens und Bombardier in Görlitz statt. © freier Fotograf

Das soll auch die Politik verstehen und die Region promoten. Eine Region, die René Straube als fantastisch bezeichnet. „Wenn ich auf der Autobahn Salzenforst hinter mir habe und auf der rechten Seite die ersten Berge auftauchen, ist mein erster Gedanke: In was für einer fantastischen Gegend lebe ich eigentlich. Wenn dann noch die Landeskrone zu sehen ist – das ist durch nichts zu bezahlen.“

Dass auch seine beiden Söhne noch hier leben, die Enkel in der Nähe sind, ist ein großes Glück. Das wünscht er sich auch für viele andere, dass sie hier Arbeit finden – oder behalten und nicht weggehen müssen. „Ich sehe es als unsere übergeordnete Aufgabe, für die deutsche Industrie etwas zu tun und wer könnte das nicht besser als ein Schienenfahrzeughersteller. Wir haben eine echte Perspektive, denn die Autobahnen werden für die Warenströme nie breit genug sein, Güter gehören auf die Schiene.“

Mehr zum Thema Görlitz