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Corona: Vom Glück des zweiten Lebens

Zwei Görlitzer sind in der Pandemie dem Tod von der Schippe gesprungen. Sie sind dankbar für die Chance, ihre Pläne noch umsetzen zu können.

Karin Mohr war an Corona erkrankt. Danach folgten zwei weitere Erkrankungen, eine davon lebensbedrohlich.
Karin Mohr war an Corona erkrankt. Danach folgten zwei weitere Erkrankungen, eine davon lebensbedrohlich. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Karin Mohr hatte Glück. Die 76-jährige Görlitzerin überstand eine Infektion mit dem Covid-19-Virus. Die Infektion hatte für sie aber schwere Folgen, nicht nur eine.

Die Seniorin, die seit sechseinhalb Jahren in Görlitz lebt, ist sehr engagiert: gesellschaftlich, politisch und privat. Die Berlinerin verschlug es an viele Orte in Deutschland und der Welt. 23 mal ist sie bislang umgezogen, erzählt die studierte Volkswirtin und Arbeitswissenschaftlerin. Sie lebte und studierte in New York und auf Hawaii, arbeitete in Rheinland-Pfalz und lebt nun in Görlitz. Seit 36 Jahren ist sie Mitglied der SPD, seit 61 Jahren in der Gewerkschaft. Dass sie sich auch künftig ihrem Engagement widmen kann, macht sie sehr glücklich. Denn die Erkrankung war schwer und wie sie hätte ausgehen können, macht der Seniorin Angst. "Es war knapp", sagt sie.

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Das Testergebnis war ein Schock

Karin Mohr weiß, wo und wann sie sich mit dem Coronavirus infizierte. "Obwohl ich sehr vorsichtig war, vieles in Videokonferenzen erledigte, kaum persönliche Kontakte und wenn, dann mit Abstand hatte, wurde mir ein Kaffeepäuschen mit drei anderen Menschen zum Verhängnis", erzählt sie. Schon am nächsten Tag spürte sie erste Symptome wie bei einer Bronchitis. Es wurde schlimmer, schließlich lag sie flach. Ein Test beim Arzt folgte. "Ich war Corona-positiv, das war ein Schock", erzählt Frau Mohr.

Die Seniorin stand unter Quarantäne, blieb zu Hause. Es ging ihr relativ schnell besser. Doch kurz vor Weihnachten stellte sich eine recht schmerzhafte Rippenfellentzündung ein. Dann kam eine Lungenentzündung, auch der Kreislauf rebellierte. "Ich bekam sehr schlecht Luft, der Luftmangel ängstigte mich sehr, führte sogar zu Panikattacken", berichtet Frau Mohr.

Regelrecht Angst vor dem Ersticken hatte sie. "Ich dachte ein paar mal: 'Das schaffst du nicht'", erklärt Karin Mohr. Sie suchte eine Lungenärztin auf. Doch die Lunge war in Ordnung. 14 Tage später dann der nächste Schock: Karin Mohr erlitt eine Lungenembolie, ausgelöst durch eine Thrombose. Der Notarzt wies sie ins Krankenhaus ein. Sie lag auf der Intensivstation, war acht Tage im Krankenhaus, erst vor knapp zwei Wochen wurde sie entlassen.

Nun wartet Karin Mohr auf eine Anschlussheilbehandlung. Wann und wo sie die absolvieren kann, weiß sie derzeit noch nicht.

Den Lebenswillen nicht verloren

Die Corona-Infektion und die folgenden Erkrankungen haben Karin Mohr verändert. Die lebenslustige Frau, die fest im Leben steht, einen großen Freundeskreis hat und in ihrer Freizeit malt, fühlte sich plötzlich verlassen, als sie aus dem Krankenhaus nach Hause kam. "Meinen Humor habe ich ein bisschen verloren", bedauert sie. Zu tief steckt es in ihr, wie sehr sie um ihr Leben fürchtete. "Aber anscheinend habe ich doch noch gute Widerstandskräfte", sagt sie mit einem Lächeln. Das macht Hoffnung, dass ihr Humor vollends zurückkehrt, auch wenn ihr die flüssige Rede noch schwer fällt, und sie immer wieder nach Luft ringt. Bis zu ihrem Auto sei es ein halber Marathon, der Einkauf ein ganzer, erklärt die Seniorin, die in Königshufen in einer Plattenbauwohnung lebt.

Trotz aller Widrigkeiten durch die Erkrankungen verlor Karin Mohr ihren Lebenswillen nicht. Ganz im Gegenteil: Sie will sich weiter in der SPD engagieren. Sie stellte sich am Sonnabend mit Harald Prause-Kosubek in einer Doppelspitze der Wahl zum SPD-Kreisvorsitz. Karin Mohr wurde wie auch Harald Prause-Kosubek gewählt. Für den Frauentag ist eine Videokonferenz geplant, in der Karin Mohr mit zwei weiteren Frauen über die Frauenrechtlerin Marie Juchacz berichtet, die 1919 die Arbeiterwohlfahrt mit gründete.

Trotz aller Widrigkeiten, die Frau Mohr derzeit zusetzen, ist sie ein zufriedener Mensch. "Ich genieße es, dass ich jetzt Geld bekomme und nichts dafür tun muss, denn das habe ich mir vorher erarbeitet", sagt sie und ist überzeugt, dass sie bald wieder ihren "Spaß am Mitmischen" haben kann. Und dann gibt es vielleicht auch wieder neue Bilder von ihr.

Auch ältere Patienten wollen nicht sterben

Michael Kretschmer hat ihn gesehen - den Lebenswillen der Menschen, die auf Intensivstationen in Krankenhäusern mit dem Tode rangen. Sachsens Ministerpräsident erzählte kürzlich in einer Videoschalte, dass er auf diesen Stationen gesehen habe, wie an den Türen zu den Patientenzimmern die Zettel hingen, auf denen Patienten vor dem künstlichen Koma angekreuzt hatten, was sie an lebenserhaltenden Maßnahmen wünschen. Da hätte er gewusst, dass der Patient hinter der Tür noch nicht sterben wollte, auch wenn er schon reich an Jahren war, erklärte Kretschmer. Das relativierende Gerede über die Alten, die an Corona gestorben sind, und die sowieso nur noch ein paar Monate zu leben hatten - Kretschmer kann das nicht mehr hören. Nach seinen Beobachtungen wollten die meisten weiter leben und dafür alles tun.

Trotz aller Vorsicht angesteckt

Das wollte auch Horst Pinkau. Der 82-jährige Maler und seine Lebensgefährtin gehörten zu den ersten Görlitzern, die entsprechend der Hygieneregeln selbstgenähte Mund-Nasen-Bedeckungen trugen, zumindest beim Einkauf und in öffentlichen Verkehrsmitteln. "Wir waren uns sehr früh der Problematik der Virusansteckung bewusst", erklärt der Mann. Selbst die Corona-App lud das Paar herunter, "ohne dass sich uns der Wirkungsgrad der App erschloss", sagt Pinkau. Den Sommer und Herbst verbrachte das Paar ohne große Unternehmungen und meist nur zu zweit mit ausgedehnten Ausflügen in die nähere Umgebung.

Horst Pinkau fühlte sich sicher. Und trotzdem ging es ihm Mitte Dezember schlecht. Ein Test ergab: Sars-CoV-2 nicht nachweisbar, also negativ. Verordnete Medikamente wirkten nicht, der Mann kam ins Krankenhaus. Erst über eine Blutuntersuchung und das Röntgen der Lunge gab es den Befund Covid-19-Infektion. Jetzt startete das gesamte medizinische Notfallprogramm mit Isolierung, Verkabelung für die intensivstationäre Behandlung, Beatmung. Etwa drei Wochen lag er im künstlichen Koma. "Die Behandlung durch ein Team von qualifizierten und hochmotivierten Ärzten und Pflegepersonal war meine Rettung", betont Horst Pinkau. Er wurde in einer Coswiger Klinik, die auf Lungenkrankheiten spezialisiert ist, weiterbehandelt. Zurzeit absolviert er eine Rehabilitation.

Horst Pinkau mit Beatmungsschlauch im Krankenhaus.
Horst Pinkau mit Beatmungsschlauch im Krankenhaus. © privat

300 Zeichnungen zum Görlitzer Stadtjubiläum

Die Behandlung soll ihm nach langem und schwerem Krankheitsverlauf den Weg in ein weitgehend wieder normales Leben ermöglichen, trotz geschädigter Lunge. Dazu gehört für den Patienten, auch zu kämpfen, das Geschehene psychologisch aufzuarbeiten. "Auf diesem Weg bin ich gerade", sagt der Görlitzer, der lange Jahre in Wilthen lebte und mit seiner Malerei in der Oberlausitz bekannt geworden ist.

Wenn er wieder zu Hause ist, wird er weiter an einem Buch über Görlitz arbeiten und zeichnen. Zum Stadtjubiläum im Herbst soll es fertig sein und mit etwa 300 Zeichnungen im wahrsten Sinne des Wortes ein Bild der Stadt vermitteln. Pinkau, der seit vielen Jahren Mitglied im Oberlausitzer Kunstverein ist, freut sich schon darauf. "Ich schaue jetzt nur noch nach vorn", sagt der 82-Jährige.

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